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In der Enge des Elternhauses. Leena (Noomi Rapace) ist nach Ystad zurückgekehrt, wo sie aufgewachsen ist.

©  Rolf Konow/NFP

Starker Oscar-Kandidat aus Schweden: Wut und Wunden

In ihrem Regiedebüt "Bessere Zeiten" erkundet Pernilla August die Schrecken einer Kindheit.

„Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.“ Viel zitiert worden ist zum Tod von Christa Wolf dieser William Faulkner entlehnte erste Satz ihres Romans „Kindheitsmuster“ – und weniger der zweite Satz, der diese paradoxe Wahrheit erst eindeutig individualisiert: „Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.“

Die Leidensheldin von Pernilla Augusts spätem, makellosen Regiedebüt „Bessere Zeiten“, ist so ein Mensch, auf den dieses scheinbar rettende Verdrängungshandeln fundamental zutrifft. Mit großer Willenswucht hat Leena sich aus ihrer Horror-Kindheit heraus und in eine glückliche Ehe mit zwei Töchtern hineingearbeitet – um den Preis des Schweigens über das Wesentlichste ihrer Existenz. Fremd stellt sie sich und ihre Familie gegenüber ihrer eigenen Vergangenheit und gegenüber der Tatsache, dass ihre Mutter noch lebt, 600 Kilometer entfernt an der südschwedischen Küste; und gänzlich in ihrem Seelenraum eingemauert hat sie zudem ein so ungeheures wie unberechtigtes Schuldgefühl. Dann trifft nach Jahren, Jahrzehnten ein Anruf in diesen Schutzraum wie ein Geschoss: die Stimme ihrer sterbenskranken Mutter, die in Ystad in einer Klinik liegt.

Noomi Rapace, die wilde, spröde, zur großen Rache entschiedene Lisbeth Salander aus der „Millennium“-Trilogie, spielt diese Leena Moilanen – und schon, wie ihr Gesicht sich bei der Entgegennahme des Anrufs verändert, von der Gelöstheit einer noch immer jungen Mutter in die aschgrau verzweifelte Maske, die noch einmal das lebensverletzte Kind in ihr einpanzern soll, lohnt die Besichtigung des Films. Was folgt, sind nahezu 100 Minuten geschmeidigsten Hin- und Hergleitens zwischen Gegenwart und Vergangenheit, mündend in die Noch-einmal-Geburt eines Lebens, das sein Abgetrenntes schmerzhaft annimmt. Eine umwerfende Erinnerungsarbeit, ein umwerfendes Wahrnehmungsabenteuer.

Die Moilanens sind Schwedenfinnen, eingewandert wie Hunderttausende Finnen in den siebziger Jahren aus dem Nachbarland ins reiche Schweden, sie sind verspottete Gastarbeiter, die in schäbigen Vorstadtreihenhäusern leben. Gerade sind sie in einen der „Schweineställe“ eingezogen - „Svinalängorna“ heißt der Roman von Susanna Alakoski, der dem Film zugrundeliegt –, es ist ein sonniger Tag, Papa und Mama sind gut gelaunt, Papa hat sogar Arbeit, und über die schlichte Wohnung im Erdgeschoss ist die Familie geradezu begeistert. Aber der Vater ist ein Trinker, der zwischen trockenen Phasen und extremen Suff-Perioden wechselt; bald wird er seine Arbeit verlieren und das einzige, was er hat – seine Familie – buchstäblich kaputt schlagen.

Die Härte der Erwachsenen, die Tapferkeit des Kindes

Furchtbare, kaum erträgliche Szenen sind es, die Leena sich auf der Fahrt ins Krankenhaus vergegenwärtigt – und der Film erzählt die Rückblenden konsequent aus ihrer Kinderperspektive. Und irgendwann ist es, als würden die Gesichter von Noomi Rapace und Tehilla Blad eins: die plötzliche Härte der Erwachsenen verwächst mit der tapferen Verschlossenheit des heranwachsenden Kindes, das sich und seinen stumm-schüchternen kleinen Bruder Sakari (Junior Blad) aus der Elternhölle retten will. Bis zwei kraftvolle, kurze Schmerzensausbrüche ihre ganze Verwundung und Wut und letztlich ihren Lebenswillen zum Vorschein bringen.

„Bessere Zeiten“ ist das Beispiel einer extrem glückhaften Literaturverfilmung. Denn die Schauspielerin Pernilla August stellt in ihrem Regie-Debüt nach eigenem Drehbuch nicht einfach nach, sondern erfindet dem ganz im Kinderschrecken siedelnden Roman jene Erwachsenengegenwart hinzu, die dem Geschehen erst seinen Bewältigungsraum eröffnet. Sie zeigt Leena in der ihr selbst für Augenblicke entgleitenden Mutterrolle und bereitet, im wiedererschlossenen Gesprächskontakt zur eigenen Mutter, das Terrain für einen notwendig grausamen Willensakt. Nein, sie wird nicht noch einmal die Komplizin einer Lebenslüge sein, nicht einmal im Angesicht des Todes.

Nichts in diesem Film, in dem Outi Mäenpää und Ville Virtanen grandios die zwischen Güte und Verwahrlosung oszillierenden Eltern geben, ist plakativ um des Plakativseins willen. Wer den Eskapismus im Thriller sucht oder gar den Trost der Soap, wird enttäuscht. Stattdessen rückt Pernilla August beharrlich und mit imponierender Gestaltungssicherheit die beiden Zeitebenen so nahe wie möglich an eine imaginierte Realität. Ja, so könnte es gewesen sein. Ja, so ist es gewesen.

Cinemaxx, Kant, Passage. Susanna Alakoskis Roman ist unter dem Filmtitel bei edition fünf erschienen (304 S., 19,90 €).

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