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Fehlfarben-Bassist Michael Kemner

© Kurt Dahlke

Zum Tod des Fehlfarben-Bassisten Michael Kemner: Ohne Atempause Rockgeschichte gemacht

Die unverwechselbaren Bass-Riffs in Fehlfarben-Stücken wie „Militürk“ oder „Paul ist tot“ stammten von ihm: Ein Nachruf auf den Fehlfarben-Musiker Michael Kemner.

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Es gibt Menschen, die heute noch das Fehlfarben-Album „Monarchie und Alltag“ für eins der besten Bücher des Jahres 1980 halten, wenn nicht gar für das beste. Das liegt natürlich an den Lyrics von Songs wie „Paul ist tot, kein Freispiel mehr“, „Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran“ oder „Es liegt ein Grauschleier über der Stadt, den meine Mutter noch nicht weggewaschen hat“. Aber nicht nur.

Denn ohne die Musik dazu wären diese Songs nur halb so poetisch. Für die geradezu ikonischen Riffs am Bass war dabei Michael Kemner zuständig, der Fehlfarben 1979 zusammen mit Peter Hein, Kurt Dahlke, Thomas Schwebel und Frank Fenstermacher gründete.

Kemner, groß geworden im Bergischen Land, hatte zuvor bei der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft (DAF) gespielt, unter anderem mit Kurt Dahlke und Robert Görl, mit denen er im nordrhein-westfälischen Gevelsberg-Silschede einer WG wohnte und eine Kneipe mit dem schönen Namen „Grün Inn“ betrieb.

Kebabträume in der Mauerstadt

DAFs Stück „Kebabträume“, ursprünglich von Mittagspause, wurde bei DAF von Kemner mit- und umkomponiert. Diesen Song brachte er zu Fehlfarben mit. Auf dem Album „Monarchie und Alltag“ heißt er „Militürk“, live gehört der Song bis heute zum festen Repertoire der Band.

Kemner verließ DAF „in London bei Nacht und Nebel“, wie sich Görl jetzt in einem kleinen Trauerblatt bei Instagram erinnert. „Das war für uns sehr hart. Wir waren so besorgt, dass wir sogar die Polizei eingeschaltet haben, weil wir dachten, dir sei etwas zugestoßen.“ Aber es war weniger ein Streit mit Görl und dem 2020 verstorbenen Delgado, der Kemner London und DAF den Rücken kehren ließ, sondern einfach nur Sehnsucht, wie Görl schreibt: „Am Ende bist du einfach zu deiner Freundin ins ,Grün Inn‘ zurückgekehrt.“

Single mit dem „wahren Heino“

Von langer Dauer waren die Bandbeziehungen selten in jener Zeit, in der Punk und New Wave von England aus in die Bundesrepublik schwappte. Die Namen der Bands, in denen die Fehlfarben-Musiker vorher spielten, sind Legion, es war kompliziert.

Trotz des einigermaßen zufriedenstellenden Erfolgs des „Monarchie und Alltag“-Albums (zur Legende wurde es erst später) lief es ökonomisch bei Fehlfarben nicht übermäßig gut. Peter Hein stieg aus, der Beruf ging vor, und Kemner produzierte mit den anderen ohne Hein und mit wechselndem Gesang das zweite Fehlfarben-Album „33 Tage in Ketten“.

Danach verließ Kemner im Sommer 1981 im Streit die Band und gründete mit dem DAF-Musiker Wolfgang Spelmans die Band Mau Mau, von der es zwei Alben gibt, „Kraft“ und „Auf Wiedersehen“, vor allem aber auch eine legendäre Single mit Norbert Hähnel, dem „wahren Heino“. Zu dieser Zeit siedelte Kemner dann auch nach West-Berlin und gründete eine weitere Band, 20 Colours.

Als sich Fehlfarben in den neunziger Jahren wieder formierten und 2002 mit „Knietief im Dispo“ nach zwei schwächeren Platten ihr ultimatives Comeback-Album veröffentlichten, war Kemner wieder mit dabei und verrichtete stoisch und zurückhaltend seine Arbeit am Bass.

In den letzten anderthalb Jahren wurde er bei Fehlfarben von dem einstigen Rainbirds-Musiker Michi Beckmann vertreten, der ihn als „unwahrscheinlich bescheidenen“ Menschen beschreibt. „Und unfassbar, was er für Bassläufe gespielt hat“, erinnert sich Beckmann, voller Bewunderung, als er für die Fehlfarben-Konzerte deren Songs und Kemners Bassspiel einstudierte. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Michael Kemner am vergangenen Samstag in Berlin an den Folgen seiner Krebserkrankung gestorben. Er wurde 72 Jahre alt.

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