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Zum Tod des Filmkomponisten Martin Böttcher : Großer Vater der Melodien

Martin Böttcher schrieb die Musik zu den Karl-May-Filmen und zu über 300 TV-Produktionen. Nun ist der Berliner Filmkomponist mit 91 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

Der Filmkomponist Martin Böttcher, hier vor vier Jahren in Halle, wo er im Händelhaus mit einem Ehrenpreis ausgezeichnet wurde. alle
Der Filmkomponist Martin Böttcher, hier vor vier Jahren in Halle, wo er im Händelhaus mit einem Ehrenpreis ausgezeichnet wurde....Foto: imago images / Köhn


Die Mundharmonika erhebt ihre Melodie über schwelgenden Geigen. Die Gitarre wird melancholisch, bevor die Kavallerie einreitet. Wenn der Tross zu Pferde losprescht, gehen die Blechbläser zur schnarrenden Trommel in Stellung: Martin Böttchers Musik hat jeder im Ohr, der je einen Karl-May-Film sah. Der Berliner Filmkomponist schrieb Hollywoodmusik made in Germany; in den sechziger Jahren wurde sie hierzulande zum charakteristischen Wild-West-Sound. Alleine die Titelmusik zum „Schatz im Silbersee" mit der Old-Shatterhand-Melodie führte 1962 die deutschen Charts an, 17 Wochen lang. Vergangenen Dezember spielten die Münchner Symphoniker die „Silbersee“-Musik noch einmal live, zur Filmvorführung in der dortigen Philharmonie.

Es hat eine Weile gedauert, bis Martin Böttcher zu Winnetou kam – ein Karl-May-Buch hat er nach eigener Auskunft nie zur Hand genommen („Ich habe die Geschichten so oft gesehen, da brauchte ich sie nicht zu lesen“). 1927 in Berlin geboren – er war der Urenkel eines Weimarer Hofkapellmeisters –, brachte er sich in Kriegsgefangenschaft selbst das Gitarrespielen bei, obwohl er nach einem Sturz als Kind auf einem Ohr taub war.

Er begann zunächst als Jazzmusiker, als Gitarrist beim NWDR-Tanzorchester ab 1945. Zehn Jahre später fing er an, Filmmusiken zu komponieren, fürs Fünfziger-Jahre-Kino der Nachkriegsrepublik: Heimatfilme, Komödien, Wirtschaftswunderfilme, Streifen mit Hans Albers und Heinz Rühmann, Produktionen von Arthur Brauner. Sein Debüt gab er mit der Militärsatire „Der Hauptmann und sein Held“, seine zweite Leinwandmusik komponierte er für „Die „Halbstarken“ mit Horst Buchholz.

Dann kam Horst Wendlandt und heuerte ihn für die Soundtracks zu insgesamt zehn Karl-May-Filmen an. Ohne Böttcher wären Pierre Brice als Winnetou und Lex Barker als Old Shatterhand wohl nicht derart nachhaltig in die Filmgeschichte eingegangen. Insgesamt zeichnete Böttcher bei über 50 Kinofilmen und 300 Fernsehproduktionen für die Musik verantwortlich, auch für Krimi-Serien wie „Derrick“, „Der Alte“ oder die Edgar-Wallace-Filme sowie für die 26-teilige Karl-May-TV-Serie „Kara Ben Nemsi Effendi“. Böttcher würzte seine eingängigen Melodien mit sanften Dissonanzen, lateinamerikanischen Rhythmen und gelegentlicher Flatterzunge der Querflöte. Er komponierte Chansons für Françoise Hardy oder Romy Schneider und nahm am Grand Prix Eurovision de la Chanson teil.

Böttcher lebte zuletzt bei Rendsburg in Norddeutschland

„Seine Musik geht direkt ins Herz“, würdigte ihn 2016 die Jury des deutschen Musikautorenpreises. Böttcher, der eine Zeit lang in der Schweiz lebte und zuletzt im norddeutschen Westerrönfeld bei Rendsburg, erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz am Bande. Die Bad Segeberger Karl-May- Spiele verliehen ihm den Häuptlingsnamen „Großer Vater der Melodien“. Am Freitag ist Martin Böttcher gestorben, er wurde 91 Jahre alt. chp (mit dpa)

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