Zum Tod des Fotografen Werner Bethsold : Schwarzlicht

Er war ein Meister der Schwarz-Weiß-Fotografie. Zum Tod des Fotografen Werner Bethsold.

Matthias Thalheim
Wissendes Warten. Werner Bethsold porträtiert sich selbst.
Wissendes Warten. Werner Bethsold porträtiert sich selbst.Foto: Werner Bethsold

Seine charismatischen Schwarz-Weiß-Porträts hat er immer im originalen Licht aufgenommen, kein Blitz, keine stürzenden Linien extremer Weitwinkel, kein Raum für Posen, keine Chance fürs Kokettieren mit der Kamera. Radiomacher, Hörspieler und Featureleute können Werner Bethsold dankbar sein, denn es ist nicht gerade ein Vergnügen, in Tonstudios zu fotografieren. In die meisten dringt kein Sonnenstrahl, es gibt keine gleißende Spitzlichter und kein tüllgefiltertes Weichlicht wie im Filmatelier. Hörspielstudios sind öde, illusionslose Orte. Schalldämmende Wandelemente, Löcher-Paneele und Dreifach-Trennscheiben zum Regieraum. Und überall: scheußliches Licht. Ein Fotograf ist hier nicht sonderlich willkommen. Die Darsteller, die gewöhnlich ungeschminkt, im ausgeleierten Lieblingspullover zur Aufnahme kommen, zeigen sich verstockt: Ach du lieber Himmel, jetzt will der auch noch fotografieren. Das Klicken eines Kameraverschlusses kann in der Stille der schallisolierten Studiowelt wie ein Pistolenschuss sein.

Werner Bethsold aber ist drangeblieben. Er war ein leiser Mensch. Einer, dem man vertraut. Wie keinem Zweiten gelang es ihm, die Magie, die dem Hörspielstudio innewohnen kann, auf Gesichtern von Schauspielern festzuhalten, das Fotogene und Radiogene an und in einer Person zu finden. Er verstand sich, trotz oder gerade wegen der schwierigen Verhältnisse, als Lichtbildner. Schwarz-Weiß war seine Domäne. Was nicht wichtig ist, konnte bei ihm in der Schwärze verschwinden. Und doch haben viele Porträts malerische Momente, Raumkompositionen und Bildausschnitte. Es ging ihm nicht um Punktschärfe und durchgezeichnete Schatten, sondern um Wahrhaftigkeit eines Ausdrucks, eines Momentes. Bethsolds Porträts sind durch wissendes Warten entstanden, durch den siebten Sinn für eine Situation, durch Vertrauen. Nur so konnte es ihm gelingen, die Momente innerer Sammlung, von Ruhe und Konzentration festzuhalten, da wo Gesichter Transzendenz ahnen lassen.

Legendär waren seine bebilderten Hörspiel-Tipps für Zitty und Tip

1925 in Berlin geboren, war Bethsold nach Rückkehr aus Kriegsgefangenschaft und Privatstudium der Schriftpsychologie als Personal- und Konfliktberater tätig. Ab den 60er Jahren arbeitete er als Freier Fotograf und Bildjournalist für die Neue Zeitschrift für Musik, Hörzu, Rias oder Deutsche Oper. Legendär waren seine bebilderten Hörspiel-Tipps für Zitty und Tip. Er gestaltete Künstlerprospekte und Schallplattencover und war Bildberichterstatter bei Festivals oder Opernproduktionen. Ein Teil seines Werks, vor allem Fotos von Hörspielinszenierungen, ist vom Archiv der Akademie der Künste Berlin übernommen worden, darunter Porträts von Autoren, Dirigenten, Komponisten, Musikern, Politikern, Regisseuren und Schauspielern: Louis Armstrong, John Cage, Max Frisch, Jutta Lampe. Am 26. Januar ist Werner Bethsold 93-jährig in Berlin gestorben.

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