Zum Tod von David Graeber : Kampf dem Kapitalismus

Kopf der Occupy-Bewegung und Autor unter anderem einer Theorie über "Bullshit-Jobs": Zum Tod des Kapitalismuskritikers David Graeber.

Der amerikanische Kapitalismuskritiker und Autor David Graeber, 1961 -2020
Der amerikanische Kapitalismuskritiker und Autor David Graeber, 1961 -2020Foto: Marijan Murat/dpa-bildfunk

Als David Graeber im Sommer 2012 nach Deutschland kam, um seinen Bestseller „Schulden. Die ersten 5000 Jahre“ vorzustellen, sprach er unter vielen anderen den Satz: „Amerika ist keine Demokratie, sondern eine Plutokratie Ein Prozent hat mehr Macht als 99 Prozent.“

Dass dieser Satz nicht nur vor dem Hintergrund ökonomischer Machtverhältnisse nicht ganz falsch war und ist, sondern unter der Präsidentschaft Donald Trumps immer wahrer wurde, konnte Graeber naturgemäß nicht ahnen.

Ein Gespür für den gesellschaftlichen Wandel zeigte er jedoch nicht erst, nachdem er drei Jahre nach der großen weltweiten Finanzkrise mit seinem Schuldenbuch die Geschichte der Menschheit als eine Geschichte der Schulden erzählt und mit dem Finanzkapitalismus abgerechnet hatte.

"Direkte Aktion" heißt eins seiner Bücher

Schon 2002 war Graeber an den Protesten von Globalisierungskritikern gegen das Weltwirtschaftsforum beteiligt, 2007 nahm er an einer Demonstration für die Rechte von Migranten teil und schließlich, womit er zu einer Art Star wurde, war er 2011 einer der Initiatoren und Vordenker der Occupy-Bewegung. Graeber organisierte deren erste Versammlung und beteiligte sich ein paar Wochen später an der Besetzung des Zucotti-Parks im Finanzdistrikt von Manhattan.

Geboren 1961 in New York als Sohn eines engagierten, gebildeten Arbeiterehepaars (sein Vater nahm am Spanischen Bürgerkrieg teil und verstand sich als Anarchist), wuchs Graeber in einer hoch politisierten Wohngemeinschaft auf, studierte Anthropologie und war dann bis 2005 außerordentlicher Professor für Anthropologie an der Yale University.

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Nachdem dort sein Vertrag nicht verlängert worden war, wechselte er nach London, zuletzt arbeitete an der London School of Economics and Political Science.

Vor allem aber wurde er außeruniversitär zu einer linken Politikone, eben als Galionsfigur der Occupy-Bewegung, aber auch mit seinen Büchern. Vor der Schuldengeschichte hatte er ein Buch über anarchistische Bewegungen geschrieben, „Direkte Aktion“ betitelt, ein weiteres aus dem Innenleben des Occupy-Protests oder eine Kampfschrift gegen den „Kamikaze-Kapitalismus“.

Deregulierung geht auch von links

Danach nahm er sich, einmal aus überraschend linker Perspektive, die Bürokratie vor. Mit „Bürokratie. Die Utopie der Regeln“ entwickelte er eine fundamentale Kritik bürokratischer Vorgänge überall auf der Welt und setzte den neoliberalen Vordenkern seine Version von Deregulierung entgegen.

David Graebers Bücher haben selbst etwas Anarchisches. Sie sind mitunter lockere Versuchsanordnungen, häufig durchaus gut zu lesen, assoziationsreich, manchmal arg mäandernd. So auch sein letztes Buch über den „wahren Sinn der Arbeit“ mit dem griffigen, in die Geschichte der Arbeit eingegangenen Titel „Bullshit-Jobs“.

Zu verwechseln sind diese Jobs nicht mit den McJobs – Graeber verstand darunter Jobs, die eines gewissen Sinns entbehren, die nutzlos sind, aber durchaus gut bezahlt werden, Jobs in Bereichen wie Beratung, Coaching, Marketing, Infotainment oder Lobbyismus. Seine Untersuchungsmethode erschien vielen Kritikern dieses Buches als zweifelhaft – vor allem hatte Graeber seine Follower bei Twitter gefragt, als wie sinnstiftend sie ihre Arbeit empfinden würden –, und doch stellt dieses Buch einmal mehr zu Recht infrage, ob der Kapitalismus nun wirklich so effizient ist, ob er auf ewig als das Nonplusultra allen Wirtschaftens gelten muss. Am Donnerstag ist David Graeber im Alter von 59 Jahren in einem Krankenhaus in Venedig gestorben.

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