Zum Tod von Wolfgang Pohrt : Poet und Polemiker: Wolfgang Pohrt gestorben

Der Gesellschaftstheoretiker Wolfgang Pohrt saß auf dem Ehrenplatz zwischen allen Stühlen. Nun ist er mit 73 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

Solitär und Querulant: Wolfgang Pohrt in jüngeren Jahren.
Solitär und Querulant: Wolfgang Pohrt in jüngeren Jahren.Foto: Edition Tiamat

Als der Philosoph Eric Voegelin Ende der sechziger Jahre Deutschland verließ, um endgültig in die USA zu emigrieren, sagte er zur Begründung, er halte es nicht mehr aus "zwischen den sitzengebliebenen Dummköpfen der Tradition und den apokalyptischen Dummköpfen der Revolution". Das beschreibt die Stimmung einer Zeit, in der Wolfgang Pohrt sozialisiert worden war, man könnte auch sagen: zu denken begann. Als Student in Frankfurt am Main und Berlin las er Marx und Adorno, wurde an der Universität Bremen über die "Theorie des Gebrauchswerts" promoviert.

Doch schon bald entwickelte sich der Sozialwissenschaftler und Gesellschaftstheoretiker zu einem dialektisch geschulten Nestbeschmutzer. Dieser Begriff klingt nur für den abwertend, der das Beschmutzen von Nestern, in denen Eier liegen, aus denen Übles kriecht, nicht als aufklärerische Tätigkeit versteht. Einer gegen alle. Manchmal drohte eine Lesung wegen der Texte von Pohrt in einer Prügelei zu enden. Wer denkt, eckt an. Wer radikal denkt, empört. Was auch immer er schrieb: Pohrt gebar Wutbürger.
Denn er kübelte. In seinem Tintenfass schwammen Rasierklingen. Mit allen legte er sich an, schreibend, redend, publizierend - mit der Studenten-, der Umweltschutz- und Friedensbewegung, mit Hausbesetzern, Exilforschern und Theater-Subventionierern, mit der Frauenbewegung, Claqueuren der deutschen Einheit und professionellen Warnern vor Rassismus und Antisemitismus.

Seine Kritik, garniert mit Witz, Hohn und Spott, kam allerdings weder von rechts noch von links, sondern sie hatte, wenn man so will, das große Ganze im Blick, die Zeitläufte genannt. Gesellschaftliche Phänomene waren für Pohrt vor allem Symptome, sie deuteten auf etwas hin, eine Tendenz, ein kollektives Unterbewusstsein. In den gern inszenierten Ängsten der Deutschen manifestierten sich für ihn nicht Alp- sondern Wunschträume.
Die Friedensbewegung nannte er eine "deutschnationale Erweckungsbewegung", Israel empfahl er, auf irakische Giftgasangriffe mit der Atombombe zu reagieren, die Wiedervereinigung ("Gemeinsam sind wir unausstehlich") ließ ihn eine Renaissance des Fremdenhasses erahnen. Und als diverse kritische Geister anfingen, den Islam als eine vermeintlich gewaltverherrlichende Religion zu entlarven, schrieb er: "Wenn ein Idiot heute weder von Religion noch von Politik und auch sonst keine Ahnung hat - von der ,Scharia' quasselt er immer. Wenn es um den Islam geht, ist jeder Dorftrottel plötzlich Spezialist für Glaubensfragen, Orientalistik und Islamwissenschaft, ja sogar für Arabisch." Als der Tagesspiegel im Februar 2012 diesen Text druckte ("Abendland vs. Islam"), war in den Kommentarspalten die Hölle los.

Er schrieb auch über die wohltuende Unheilbarkeit der Liebe

Auch auf die Liebe verstand sich Wolfgang Pohrt. In dem Sammelband "Geheimagent der Unzufriedenheit" stehen seine Essays über Balzac. Es geht um "Geld und Geist", "Liebe und Geld", Journalismus und Halbwelt", "Tod und Selbstmord". In unserem, dem therapeutischen Zeitalter, schreibt Pohrt, sei die Erkenntnis fast vergessen worden, "dass Liebe unheilbar und vielleicht sogar durch ihre Unheilbarkeit wirklich Liebe ist". Mehr als die Zukunft gilt den wahrhaft Liebenden der Augenblick. "Sie wollen nicht ewig dauern und sind deshalb fremde, fast nachtwandlerische Gestalten." Es ehrt den scharfsinnigen Sezierer von Mentalitäten, Politik und Bandenwesen keine Scheu empfunden zu haben, sich auch selbst zu entblößen. Pohrts Art, über die romantische Liebe zu schreiben, macht kurz vorm Kitsch halt. Man nennt es auch Poesie.

Poet und Polemiker, Solitär und Querulant, glänzender Stilist und gelegentlich irrender Weiser: Pohrt hat die Deutschen gegen deren Willen reicher gemacht. In der Enge zwischen den sitzengebliebenen Dummköpfen der Tradition und den apokalyptischen Dummköpfen der Revolution, wie Voegelin es beschrieb, hat Pohrt gewirkt, manchmal manisch, meistens klug, immer klar, nie verbohrt. Er saß auf dem Ehrenplatz zwischen allen Stühlen. An diesem Freitag ist er im Alter von 73 Jahren gestorben. Seinem Verleger, Klaus Bittermann, ist es zu verdanken, dass sämtliche Reden und Schriften von Wolfgang Pohrt in einer Werkausgabe neu herausgebracht werden. Wer sich leicht erregt, sollte die Lektüre wohl dosieren.

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