ARD-Themenwoche : "Gerechtigkeit stellt sich nicht von alleine ein"

Vom 11. bis zum 17. November widmet sich die ARD in TV, Hörfunk und online dem Thema "Gerechtigkeit". Dazu ein Gespräch mit NDR-Intendant Lutz Marmor

„Keiner schiebt uns weg“: ]Rosi Kessler (Katharina Marie Schubert, links vorne), Gerda Rapp (Imogen Kogge, Mitte) und Lilli Czipowski (Alwara Höfels, rechts) bei einer Betriebsversammlung. Szene aus dem ARD-Film am kommenden Mittwoch.
„Keiner schiebt uns weg“: ]Rosi Kessler (Katharina Marie Schubert, links vorne), Gerda Rapp (Imogen Kogge, Mitte) und Lilli...Foto: WDR

Herr Marmor, die ARD hat sich für ihre Themenwoche 2018 "Gerechtigkeit" zum Leitbegriff genommen. Warum diese Auswahl?
"Gerechtigkeit" ist ein grundlegendes Menschheitsthema, das gerade heute wieder besonders aktuell ist. Die Diskussion über Gerechtigkeit ist essenziell für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft. In unseren Programmen berichten wir über Entwicklungen, bei denen die Frage nach Gerechtigkeit eine zentrale Rolle spielt - wobei die Meinungen darüber, was gerecht ist und was nicht, durchaus auseinander gehen. Das ist eine ideale Voraussetzung für eine öffentliche Debatte. Dafür eine Plattform zu schaffen, gehört zum Kern unseres öffentlich-rechtlichen Auftrags.
Geht es Ihnen auch so, dass Sie beim Stichwort Gerechtigkeit mehr an Ungerechtigkeiten denken müssen?
Eher nicht, denn ich bin grundsätzlich ein optimistischer Mensch und sehe erst einmal das Positive. Aber natürlich denke ich auch an Situationen, die mir ungerecht erscheinen. Es ist mir zum Beispiel peinlich, wenn ich jemanden ungerecht behandelt habe. Auch finde ich es nicht akzeptabel, wenn jemand wegen Äußerlichkeiten benachteiligt wird.
In einer repräsentativen Studie für die ARD-Themenwoche findet sich das interessante Faktum, dass jede zweite Frau die Verhältnisse in Deutschland ungerecht empfindet, was aber nur jeder dritte Mann so sagt. Gibt es dafür Erklärungen, nimmt die Themenwoche diese Diskrepanz auf?
Einige Erklärungen dafür liegen auf der Hand: Frauen verdienen im Schnitt tatsächlich immer noch weniger als Männer, selbst wenn sie in derselben Branche tätig sind. Dazu kommt, dass Berufe, in denen viele Frauen arbeiten - wie in der Pflege, in der Erziehung oder Innenreinigung - weniger Gehalt einbringen. Und dass Frauen seltener in Führungspositionen befördert werden als Männer, stimmt leider auch nach wie vor. Das alles sind Aspekte, mit denen wir uns während der Themenwoche intensiv beschäftigen werden: Die "Gerechtigkeit unter den Geschlechtern" ist einer von insgesamt sechs Schwerpunkten. Zu den Angeboten gehören zum Beispiel die Dokumentationen "Superfrauen - die weibliche Seite des deutschen Films" am 11. November um 23.35 Uhr im Ersten und "Menschen hautnah: Arm trotz Arbeit - warum viele Frauen so wenig verdienen" am 15. November um 22.40 Uhr im WDR Fernsehen, außerdem der Mittwochs-Fernsehfilm "Keiner schiebt uns weg" zur besten Sendezeit im Ersten um 20.15 Uhr.

Lutz Marmor ist Intendant des Norddeutschen Rundfunks. Der NDR hat die Federführung für die ARD-Themenwoche „Gerechtigkeit“ vom 11. bis 17. November.
Lutz Marmor ist Intendant des Norddeutschen Rundfunks. Der NDR hat die Federführung für die ARD-Themenwoche „Gerechtigkeit“ vom...Foto: NDR

ARD-Themenwoche "Gerechtigkeit": Was ist anders im Vergleich mit den bisherigen Themenwochen?
Der Begriff "Gerechtigkeit" ist besonders komplex, hat viele Facetten und zwingt zur Fokussierung. Deshalb konzentrieren wir uns auf sechs Themenfelder: Neben der Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern sind das die Gerechtigkeit bei Arbeit und Einkommen, in der Bildung, vor dem Gesetz, unter den Generationen und in einer globalisierten Welt. Diese Aufzählung verdeutlicht schon, welches Potential in dem Thema steckt: Es fordert zu einer Meinung heraus, zu einer Haltung und lädt unmittelbar zur Diskussion ein. Die Frage nach Gerechtigkeit bewegt die Menschen seit Jahrtausenden.
Schaut man sich die Fiktionsangebote an, also den "Polizeiruf 110" am 11. November und den Mittwochsfilm "Keiner schiebt uns weg", so wird darin gezeigt, wie schwer Gerechtigkeit hergestellt werden kann. Ist das nicht eigentlich eine Botschaft in Moll: Gerechtigkeit gibt es nicht per se, sie muss gegen Widerstände erkämpft werden?
Sie haben recht, Gerechtigkeit - oder eine gerechte Gesellschaft - stellt sich nicht von alleine ein. Der öffentliche Diskurs darüber, was als gerecht verstanden wird und was wir dafür tun können, ist überaus wichtig. Dazu möchten wir mit der ARD-Themenwoche beitragen. Denn die Diskussion darüber endet nie - was wir heute als gerecht empfinden, zum Beispiel die Gleichberechtigung der Geschlechter, wurde zu anderen Zeiten nicht so gesehen. Der Fernsehfilm "Keiner schiebt uns weg" erzählt davon sehr anschaulich in Anlehnung an eine wahre Begebenheit. Er spielt 1979: Drei Mitarbeiterinnen eines großen Fotolabors erfahren, dass sie für die gleiche Arbeit weniger Gehalt bekommen als ihre Kollegen. Sie ziehen vor Gericht und sind schließlich erfolgreich. Ein Beispiel dafür, dass Aufbegehren und Widerstand Früchte tragen kann - da wird aus dem Moll ein Dur.
Die Themenwoche ist dicht gefüllt mit Beiträgen in Radio, Fernsehen und Online. Was würden Sie besonders empfehlen?
Als erstes empfehle ich einen Blick auf unser Angebot während der Themenwoche im Netz unter themenwoche.ard.de. Und dann wird es natürlich sehr subjektiv. Im Ersten freue ich mich auf den "Polizeiruf 110: Für Janina" aus Rostock mit Anneke Kim Sarnau und Charly Hübner. Der Krimi nimmt auf, dass niemand für ein und dieselbe Tat mehrmals vor Gericht gestellt werden darf. Stark und sicher polarisierend. Auf Fritz vom rbb diskutieren Hörerinnen und Hörer eine ganze Woche lang in "High Noon" über Aspekte der Gerechtigkeit, das wird sicher spannend. Und online empfehle ich das Projekt "reflect": Wir haben mit funk, dem Online-Content-Netzwerk von ARD und ZDF, zum ersten Mal ein gemeinsames Ausbildungsprojekt auf den Weg gebracht. Volontärinnen und Volontäre, Mediengestalterinnen und Mediengestalter verdeutlichen sehr anschaulich, wie Diskriminierung wirkt.

Themenwochen zu Krebs und zum Leben mit dem Tod

Es ist ja nicht die erste ARD-Themenwoche. Welche ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben, was konnte erreicht werden?
Besonders gut erinnere ich mich an die allererste ARD-Themenwoche im Jahr 2006. Sie hatte das Motto "Leben - was sonst?". Es ging um das Thema Krebs. Und auch die Themenwoche sechs Jahre später hat mich besonders berührt: "Leben mit dem Tod". In beiden Fällen haben wir eine Woche lang intensiv Tabuthemen behandelt, die mit der eigenen Sterblichkeit konfrontieren. Das war mutig - und für mich idealtypisch dafür, was wir als öffentlich-rechtliche Sender leisten können und müssen. Uns haben nach beiden Wochen viele Menschen geschrieben oder gesagt, dass sie es sehr erleichternd fanden, offen über diese Themen mit anderen zu sprechen. Die ARD-Themenwoche bietet eine ideale Plattform für einen offenen und inspirierenden Austausch.
Apropos Rundfunkbeitrag: Warum ist es gerecht, dass Menschen, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht nutzen, ihn trotzdem mit 17,50 Euro im Monat finanzieren müssen?
Der Rundfunkbeitrag basiert auf dem Solidargedanken: Mit ihrem Beitrag ermöglichen die Beitragszahlenden ihren öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Alle tragen mit einem vergleichsweise moderaten Betrag dazu bei, dass jede und jeder Zugang zu einem vielfältigen und qualitativ hochwertigen Medienangebot im Radio, im Fernsehen und im Netz hat. Wer wirtschaftlich nicht in der Lage ist, den Rundfunkbeitrag zu zahlen, kann sich befreien lassen und die Angebote nutzen, ohne zu zahlen.
Diesen Solidargedanken halte ich für gerecht und richtig - würde jeder nur für das zahlen, was er selbst nutzt, wäre unsere Gesellschaft um ein sehr wichtiges Bindeglied ärmer.

Das Interview führte Joachim Huber.

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