Was Philosophen und Psychologen vom Vergleichen halten

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Neid im Netzwerk : Macht Facebook unglücklich?

„Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit“, mahnte schon der dänische Philosoph Søren Kierkegaard. Sein französischer Kollege, der Aufklärer Montesquieu, wusste auch, warum: „Man will nicht nur glücklich sein, sondern glücklicher als die anderen. Und das ist deshalb so schwer, weil wir die anderen für glücklicher halten, als sie sind.“

Letzteres belegte kürzlich eine Studie der Stanford University in Kalifornien. Dortige Psychologen stellten fest, dass ihre Probanden dazu neigten, generell zu überschätzen, wie viel Freude die Mitmenschen in deren Leben verspüren. Da sie im direkten Vergleich schlechter abschnitten, fühlten sie sich selbst niedergeschlagener, als man vermuten würde.

Facebook verstärkt diesen Irrglauben. Wissenschaftler aus Utah beobachteten, dass Studenten umso eher die Ansicht vertraten, ihren Freunden gehe es generell besser als ihnen selbst, je mehr Zeit sie auf Facebook verbrachten. Umgekehrt gilt: Wer weniger Zeit im sozialen Netzwerk verbringt, empfindet das Leben eher als fair.

Die Wissenschaftler führten das auf die vielen positiven Meldungen, Anekdoten und Fotos zurück, die gewöhnlich auf Facebook gepostet werden. Traurige Geschichten gibt es hier selten zu lesen. Das mag daran liegen, dass Menschen eher geneigt sind, Freude zu teilen als Leid. Auf eine gewisse Weise ist Schmerz etwas Privateres als Glück.

Nun ist Neid nichts per se Schlechtes, sagt Biopsychologe Walschburger. Er hat sogar einen evolutionären Zweck, weil er uns Wünsche offenbart und zu Leistung antreibt. Dass wir uns ständig minderwertig fühlen, sei aber nicht lebenstauglich. Deshalb verfügt der Mensch eigentlich über einen Schutzmechanismus, um den Irrglauben, dass es alle besser haben als man selbst, zu vermeiden. „Normalerweise nehmen wir Unseresgleichen als Richtwert, wenn wir uns vergleichen“, sagt der Biopsychologe. Dadurch blieben Vorbilder erreichbar, die Eindrücke überprüfbar und die Reaktionen unmittelbar. Also nicht nur: „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“. Sondern auch die Replik: „meine Dusche, meine Badewanne, mein Schaukelpferdchen“.

Genau diese Orientierung fällt im Internet häufig weg. Hier weitet sich der Blick über das eigene Lebensumfeld hinaus. Die Vorbilder würden unerreichbarer, die Eindrücke unrealistischer.

Noch ein Beispiel von meiner Facebook-Wand: Kumpel Stephan, der anscheinend gerade in Mittelamerika ist, postet. „Wer kann ein gutes Boutique- Hotel in Mexiko-Stadt empfehlen?“ Das klingt exotisch, aufregend, weltgewandt. Dass der Flug furchtbar lang und öde war, schreibt er nicht, auch nichts vom Jetlag. Das Bild, das wir uns von seiner Reise machen, wird damit automatisch toller, weil der banale oder anstrengende Teil ausgeblendet wird.

Das passiert umso schneller, je weiter der Betrachtete vom eigenen Alltag oder Bekanntenkreis entfernt ist. Die Studie aus Utah ergab auch: Die Überzeugung, dass alle anderen ein besseres Leben führen als man selbst, steigt parallel mit der Anzahl der Facebook-Freunde, die man gar nicht persönlich kennt. Schlimmstenfalls kommt so die ganze Wahrnehmung der Welt durcheinander. Wer soll noch eine normale Party genießen, wenn er wie unsere Freundin Sarah das Gefühl hat, alle anderen jetteten ständig von einer exotischen Lokalität zur nächsten? Wer sollte nicht enttäuscht sein, wenn sein eigenes Baby dauernd schreit, die der anderen einen aus dem Internet aber die ganze Zeit nur glücklich, gesund und satt anstrahlen?

Bleibt die Frage, wie man sich dagegen wehren kann. Auf gewisse Weise regelt sich das Problem mit dem Alter von selbst, sagt Walschburger. Das Gefühl, das eigene Leben sei im Vergleich langweilig, plage besonders junge Menschen. „Älteren gelingt es leichter, ihr Selbstbewusstsein und die eigene Wertschätzung vom Applaus der Gefolgschaft abzukoppeln. Gerade die Jugend aber, die sich von ihren Eltern abnabelt, um eigene Reproduktionsfamilien aufzubauen, ist stark daran interessiert, sich mit möglichst vielen anderen bekanntzumachen, sprich von einer Vielzahl von Menschen wahrgenommen zu werden.“ Und dieses Bedürfnis bedienen Facebook , Instagram, Google+, Twitter oder Datingwebseiten perfekt.

Wer sich dort unter Druck gesetzt fühlt, sollte gelegentlich einen Schritt zurücktreten und gucken, mit wem er sich aus welchen Gründen überhaupt vergleicht und zur Not den Stecker ziehen, empfiehlt Walschburger. Streng genommen sei der Mensch für die Art der indirekten Kommunikation, wie sie in sozialen Netzwerken stattfinde, von Natur aus gar nicht gemacht. Auch das müsse man erst lernen.

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