MEDIA Lab : Die Liebe zum Fake

Große Publizisten haben "kurze Beine": Der verstorbene "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher fabulierte beispielsweise, er sei in einem Schloss aufgewachsen

Stephan Russ-Mohl

Einen der bemerkenswertesten Feuilletonisten, den „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher, hat jetzt der deutsch-schweizer Literaturwissenschaftler und Journalist Michael Angele mit einer bemerkenswerten Biografie gewürdigt. Die „Neue Zürcher Zeitung“ widmete diesem Buch eine Rezension, der zufolge „uns Schirrmacher bei Angele auch immer wieder als Spieler, Schelm und Fabulant" begegnet. So habe er im Privaten verbreitet, dass „er in einem Schloss aufgewachsen oder Entführungsopfer unter Menschenfressern in Äthiopien gewesen sei“. Schirrmacher habe dies wohl aus „Lust an der Unterhaltung, der Erkundung des Möglichkeitsraums“ erzählt.

Er reiht sich damit auch in die Ahnengalerie großer Publizisten ein, die es mit der eigenen Biografie nicht so genau nahmen. Um sich interessant zu machen, haben sie über sich selbst Fake News verbreitet: Der rasende Reporter Egon Erwin Kisch gehört ebenso dazu wie der Übervater des italienischen Nachkriegsjournalismus, Indro Montanelli, und auch die „Jahrhundertjournalisten“ aus Polen und den USA, Ryszard Kapuscinski und Henry Louis Mencken, waren dabei.

Forscher finden Fakes

Doch Nachruhm hat offenbar seine Tücken. Um die Ecke lauern immer wieder Forscher, die solch „unprofessionelles“ Basteln an der eigenen Biografie aufdecken. Kisch und Mencken prahlten damit, als „Jugendsünden“ Falschnachrichten in die Welt gesetzt zu haben. Es waren der Berliner Literaturwissenschaftler Erhard Schütz und seine amerikanische Kollegin Marion E. Rogers, die bei ihren Nachrecherchen herausfanden, dass beide Journalisten diese Fakes, so wie von ihnen dargestellt, nie erfunden hatten. Bei Montanelli hat die Historikerin Renata Broggini, bei Kapuscinski der Theaterwissenschaftler und Journalist Artur Domoslawski – und bei Schirrmacher eben jetzt Angele für Aufklärung gesorgt. So hatten die selbstverliebten und ein wenig verlogenen Inszenierungen der Granden letztlich „kurze Beine“.

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