zum Hauptinhalt
Meinung

© Martha von Maydell für Tagesspiegel

Tagesspiegel Plus

Corona, Homeoffice und Care-Arbeit: „Ich habe einen modernen Mann. Aber...“

Unsere Kolumnistin stellt bei einer Dienstreise fest, wie ungleich auch in ihrer vermeintlich gleichberechtigen Beziehung die Familienarbeit verteilt ist. Ein Buchauszug.

Meine Tochter stellte mir einmal die Frage: Mama, was machen wir morgestern? Sie meinte damit heute, kam aber nicht auf das Wort und schuf dabei selbst eins. Mir gefällt morgestern. Es beschreibt die Zeit, in der wir leben, eigentlich ganz gut: eine Mischung aus gestern und morgen, aus Vergangenheit und Zukunft, eine Zeit, in der die alten Regeln nicht mehr gelten, die neuen aber noch nicht etabliert sind. Das gilt auch in Bezug auf das komplexe Verhältnis von Frauen und Männern, sowohl gesellschaftlich als auch privat.

Welche Macht haben Frauen? Wie frei können sie ihr Berufs- und Familienleben gestalten? Mit welchen Rollenerwartungen haben sie zu kämpfen? Das Morgestern ist eine Zeit, in der die Dinge in der Schwebe sind, in beide Richtungen kippen können, zurück ins Gestern oder nach vorn ins Morgen. Wie sehr ich selbst in diesem Dazwischen lebe, wie wenig alte Muster aus meinem Alltag verschwunden sind und Neues ganz und gar in ihm angekommen ist, wurde mir klar, als ich im Herbst 2021 über Nacht nach Hamburg reisen musste.

Das ist für mich als Journalistin eigentlich nichts Neues, aber als ich meine Tasche packte, stellte ich fest, dass es die erste Reise seit fast zwei Jahren war, die ich ohne meine Kinder und meinen Mann machte. Das hatte vor allem damit zu tun, dass wegen der Pandemie viele Gespräche und Termine digital stattfinden. Ich war nervös. Die Pandemie hatte mich unsicherer - vielleicht sogar ängstlicher - gemacht. Es fiel mir schwer, mich zu verabschieden. Es war früh am Morgen, meine Kinder lagen noch im Bett. Ich küsste sie, sie murmelten „Tschüss, Mama“ und drehten sich wieder um.

Voller Sorgen machte ich mich auf den Weg. Es war weniger die Frage, ob sie die nächsten 24 Stunden ohne mich überstehen würden, sondern wie ich die nächsten 24 Stunden ohne sie überstehen würde. Ich fühlte mich mehr als vor der Pandemie verantwortlich für meine Familie, den Haushalt und dafür, dass alles lief, wie es laufen sollte.

Meine Nervosität kam mir schon kurz nachdem der ICE Spandau passiert hatte irrational vor. Hamburg lag unverändert an der Alster, die Arbeit verlief reibungslos, ich übernachtete im Hotel und schlief tief und fest. Die einzige Aufregung bestand schließlich darin, dass ich den Zug zurück nach Berlin verpasste. Ich hatte noch eine Freundin getroffen und mit ihr die Zeit vergessen. Als ich das bemerkte, geschah dasselbe wie bei meiner Abfahrt: Ich wurde unsicher, nervös, panisch. Ich würde nicht wie versprochen zum Abendessen mit den Kindern zurück sein. Vor mir tauchten der enttäuschte Schmollmund meiner Tochter auf und das genervte Gesicht meines Mannes.

Ich habe einen modernen Mann

Warum löste die simple Tatsache, etwas später - der nächste Zug fuhr in drei Stunden - nach Hause zu kommen, bei mir Panik aus? Warum war ich mir so sicher, dass mein Mann unzufrieden sein würde, und was wäre eigentlich so schlimm daran?

Ich habe einen modernen Mann. Er ist das, was man einen „aktiven“ Vater nennt. Für jedes Kind nahm er sechs Monate Elternzeit, er machte die Eingewöhnungen in der Kita, holt sie nachmittags ab. Ich arbeite Vollzeit, er Teilzeit. Damit ist er ein Exot. Nur sieben Prozent der Väter in Deutschland arbeiten Teilzeit. Ich bin stolz darauf, dass die Kita ihn zuerst anruft, wenn ein Kind erkrankt. Und ich bin ihm dankbar.

Unsere Kolumnistin Sabine Rennefanz ist 1974 in Beeskow geboren.
Unsere Kolumnistin Sabine Rennefanz ist 1974 in Beeskow geboren.

© TS / Montage: TSP | Foto: TSP/Nassim Rad

Es hat vermutlich etwas mit meiner Dankbarkeit zu tun, dass mich, als ich in Hamburg auf den Zug wartete, ein Gedanke nicht losließ: Weil ich zu spät komme, ist mein Mann den ganzen Tag mit den Kindern allein. Ich nehme ihm, was ihm eigentlich zusteht: seine Zeit. Mit diesem Gedanken ist ein zweiter verknüpft, einer, der noch schwerer zu ertragen ist als der erste, weil er eine unangenehme Wahrheit enthält: Würde ein Mann auch so denken? Ich musste mir etwas eingestehen, was ich seit Langem ahnte, aber nicht wahrhaben wollte. Ich musste mir eingestehen, wie unfrei ich war. Es war eine schmerzliche Erkenntnis.

Unfreiheit passte nicht zu meinem Selbstbild

Vor der Pandemie war es leichter gewesen, sie zu verdrängen. Ich lebte in zwei Welten, die ich gut trennen konnte: Im Büro war ich die leistungsfähige, autonom handelnde Journalistin. Zu Hause war ich die fürsorgliche, immer ansprechbare Mutter. Die beiden Welten lagen weit auseinander, jede forderte andere Kompetenzen: Effizienz, Disziplin, Schnelligkeit hier - Geduld, Ruhe, Übersicht da. Durch die räumliche Trennung beider Welten ließ sich leicht übersehen, wie unterschiedlich die Rollen sind, die ich in ihnen einnehme. Weder bei der Arbeit noch zu Hause hätte ich mich als unfrei bezeichnet.

Unfreiheit passte nicht zu meinem Selbstbild. Außerdem war ich fest davon überzeugt, dass mein Mann und ich eine gleichberechtigte Beziehung führten. Dass ich schon damals mehr Familienarbeit organisierte, schob ich beiseite. Ich bin keine Ausnahme. Selbst wenn Frauen Vollzeit arbeiten, erledigen sie laut Untersuchungen des Deutschen Wirtschaftsinstituts 41 Prozent mehr Care-Arbeit als Väter.

Wir stecken fest an der Schnittstelle zwischen Kapitalismus und Patriarchat. 

Sabine Rennefanz

In der Pandemie fiel mein Arbeit-hier-Familie-da-Modell in sich zusammen. Und mit ihm mein Selbstbild. Die räumliche Trennung zwischen Home und Office verschwand, Kinderbetreuung wurde unzuverlässig, der berufliche Druck stieg. Die Rollen mischten sich und passten nicht zusammen. Von einer Sekunde auf die nächste musste ich im Homeoffice die Rollen wechseln. Und es zeigte sich, dass auch ich nicht in einer gleichberechtigten Beziehung lebte. Dass mein Mann und ich uns viel vorgenommen und einiges umgesetzt hatten, aber noch lange nicht dort waren, wo wir gern wären. Das, was wir uns erträumten, ist im Morgestern offenbar nicht möglich. Wir stecken fest an der Schnittstelle zwischen Kapitalismus und Patriarchat.

Wenn ich Zeit für meine Arbeit brauchte, entschuldigte ich mich dafür

In unserer Gesellschaft wird die Zeit von Frauen und Männern unterschiedlich bewertet. Die Zeit von Männern ist mehr wert. Berufe, in denen überwiegend Männer arbeiten, werden besser bezahlt als Berufe, in denen überwiegend Frauen arbeiten. Das sieht man zum Beispiel an den Gehältern der männlich dominierten Fertigungsberufe im Unterschied zu den Pflegeberufen. Dazu kommt, dass Frauen pro Tag 87 Minuten mehr unbezahlte Arbeit im Haus und bei der Organisation der Familie leisten als Männer. Und sie nehmen länger Elternzeit.

In der Pandemie fing ich an, mehr Hausarbeit und Kinderbetreuung zu übernehmen als zuvor. Ich arbeitete wie viele andere im Homeoffice und fühlte mich automatisch zuständig. Essenmachen, Kochen, Waschen. Mein Mann saß vertieft hinter seinem Rechner, Kopfhörer auf den Ohren. Er schien einen Anspruch darauf zu haben, nicht unterbrochen zu werden. Wenn ich Zeit für mich und meine Arbeit brauchte, entschuldigte ich mich dafür. Auch ich habe offenbar verinnerlicht, dass die Zeit von Männern mehr wert ist. Wie ist es sonst zu erklären, dass ich so leicht in alte Rollenmuster zurückfiel? Dass ich die Situation so interpretierte, als sei ich die Hauptverantwortliche daheim?

Die Zeit der Frauen wurde immer unterbrochen durch Sorgearbeit.

Franziska Schutzbach, Soziologin

„Die Zeit der Frauen wurde immer unterbrochen durch Sorgearbeit“, schreibt die Schweizer Soziologin Franziska Schutzbach in ihrem Buch „Die Erschöpfung der Frauen“. Darin geht es unter anderem darum, wie Mütter zwischen Fürsorglichkeitsansprüchen zu Hause und einer auf Leistungsbereitschaft und Einsatz getakteten Berufswelt zerrieben werden. Sie beschreibt auch, dass bei der Familienarbeit Frauen oft die dringlichen, unaufschiebbaren Arbeiten zu Hause erledigen, während Männer Arbeiten übernehmen, die man selbstbestimmt abarbeiten oder allein erledigen kann, wie die Glühbirne wechseln oder den Keller aufräumen. Besonders die Dringlichkeit der täglichen Arbeiten hat während der Coronakrise zugenommen.

Leben wie ein Mann! Zu keiner Zeit habe ich mir das mehr gewünscht als in der Zeit der Pandemie. Und gleichzeitig hat mich dieser Wunsch erschreckt. Meine Mutter führte mit meinem Vater eine klassische Hausfrauenehe. Mir gab sie mit auf den Weg: „Bleib unabhängig, verdiene dein eigenes Geld!“ Zu erreichen sei das mit Fleiß, Disziplin und Ehrgeiz. Das waren männliche Werte, aber das verstand ich erst später.

Ich habe kein klares Bild davon, wie Mutter- und Berufstätigsein eine ganz und gar selbstbewusste Kombination eingehen können. 

Sabine Rennefanz

Als ich Mutter wurde, wollte ich alles anders machen als meine Eltern: Ich wollte auch mit Kind wie gehabt weiterarbeiten. Ich glaubte, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sei eine Frage des Wollens, der guten Organisation und des richtigen Partners. Ist sie auch. Einerseits. Andererseits habe ich die Macht von traditionellen Rollenbildern unterschätzt. Alle meine Vorstellungen beziehen sich auf männliche Vorbilder - so wie die Werte meiner Mutter männliche Werte waren. Ich habe kein klares Bild davon, wie Mutter- und Berufstätigsein eine ganz und gar selbstbewusste Kombination eingehen können.

Es gibt heute mehr Frauen in Führungspositionen, gerade in der Politik, aber sie trauen sich oft nicht, über die Schwierigkeiten der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu reden, über die widersprüchliche Gleichzeitigkeit, einerseits im Beruf Dauereinsatz zu zeigen und andererseits für ihre Familie da zu sein. Sie fürchten nicht ohne Grund, dass ihnen ein solches Eingeständnis als Schwäche ausgelegt würde.

Ein paar Tage vor der Fahrt nach Hamburg hatte ich mich mit meinem Mann gestritten. Seit unser Sohn in der Schule ist, hat sich unsere morgendliche Routine geändert, denn die Schule beginnt früher als die Kita. Also stand ich vor allen anderen auf und arbeitete meine Liste ab: Geschirrspüler ausräumen, Tisch decken, Tee machen, Kinder wecken, Brote schmieren, Masken beschriften, Anziehsachen rauslegen, Kinder motivieren, sich zu beeilen, Abendessen planen, Einkaufsliste schreiben, erste WhatsApp-Nachrichten von Eltern beantworten.

Mein Mann ging ins Bad und zog sich an. Als ich ihm alles aufzählte, was morgens zu erledigen ist, hörte er sich das an und sagte: „Dann sag mir eben, was ich machen soll.“? Er wollte Teil meiner Liste sein. Aber es geht nicht darum, dass ich ihm als Familienmanagerin Aufgaben erteilen will, die er dann abarbeitet.

Warum sah mein Mann die Arbeit nicht?

Mein Problem sind die tausend Gedanken, die Frauen durch den Kopf rasen, was alles erledigt werden muss. Man nennt das Mental Load. Durch die Coronakrise ist Mental Load noch umfangreicher geworden: auf die neuen Maßnahmen gegen Corona, oft spontan, reagieren, Termine daraufhin umorganisieren, ständig das Risiko einer Ansteckung einschätzen.

Warum sah mein Mann das nicht? Warum rasen nicht durch seinen Kopf tausend Gedanken? Weil er entspannter ist als ich? Weil er ein Mann ist? Kann er entspannter sein, weil er ein Mann ist und weil von Männern nicht erwartet wird, dass sie diese Aufgaben übernehmen?

Es stimmt, dass Männer heute im Durchschnitt mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen als ihre eigenen Väter. Beschäftigten sich Väter 1993 während der Woche durchschnittlich 1,9 Stunden pro Tag mit ihren Kindern, waren es 2019 bereits drei Stunden. Aber Frauen verbringen trotzdem immer noch doppelt so viel Zeit mit ihren Kindern. Außerdem hat der Einsatz der Väter nicht unbedingt dazu geführt, dass Frauen bei der Hausarbeit entlastet werden.

Es gibt zahlreiche Studien, die zeigen, dass Männer ihr eigenes Engagement bei der Kinderbetreuung überschätzen. Laut dem Väterreport 2021 des Bundesfamilienministeriums glauben 25 Prozent der Väter, sie und ihre Partnerin hätten sich die Kinderbetreuung gleichmäßig aufgeteilt. Von den befragten Frauen sagen das nur zehn Prozent.

Der Väterreport 2021 erklärt das folgendermaßen: Dieser Wahrnehmungsunterschied kann daran liegen, dass Väter den Aufwand für die Kinderbetreuung unterschätzen, weil sie wegen unzureichender Erfahrung nicht genau wissen, welche Familienarbeit insgesamt anfällt. Möglicherweise sind ihnen beispielsweise Organisationsaufgaben, Fahrten und Arztbesuche nicht präsent.

Ich bin mir nicht so sicher, ob es daran liegt. Ich glaube, es fällt Vätern leichter, diese Arbeiten zu vergessen, zu ignorieren, weil von ihnen hinsichtlich Familienorganisation viel weniger erwartet wird. Wenn ein Kind nachlässig gekleidet oder oft krank ist, schlechte Leistungen in der Schule hat, Termine vergisst, dann fällt das in der allgemeinen Wahrnehmung auf die Mutter zurück. Auch ich habe das verinnerlicht.

Krisen zeigen, wie man selbst funktioniert

Es gibt eine Befragung der schwedischen Forscherin Lisbeth Bekkengen, die zeigt, dass sich besonders Frauen mit engagierten Partnern aus Dankbarkeit nicht trauen, mehr Hausarbeit einzufordern. Dankbarkeitsökonomie heißt das. Eine geteilte Kinderbetreuung kann alte Ungleichheiten unter dem Deckmantel des guten Willens verstärken.

Es ist vielleicht diese Erkenntnis, die so schmerzt: Egal, wie viel eine Frau beruflich erreicht hat, wie gut ausgebildet, wie selbstbewusst sie ist, sie bleibt für das Haus verantwortlich. Für das äußere Haus: Einrichten, Putzen, Regale und Kühlschrank füllen. Und für das innere Haus: die Gefühlswelt, die Organisation des Alltags. Sie muss sich jeden Zentimeter, den sie aus dem Haus herausgeht, selbst erobern, nein, erkämpfen. Und sie muss den gewonnenen Raum immer wieder verteidigen, vor anderen, aber auch vor sich selbst.

Als ich spätabends zu Hause in Berlin leise die Wohnungstür aufschloss, war alles ruhig. Die Kinder schliefen bereits, mein Mann saß im Wohnzimmer und fragte: „Na, wie war’s?“ - Kein Drama. Jedenfalls nicht dort, wo ich es vermutet hatte. Das Drama hatte sich in mir abgespielt. Und es spielt sich jeden Tag, so scheint es mir zumindest, in vielen Frauen ab. Vor der Pandemie, aber seit Corona verstärkt. Krisen zeigen nicht nur, wie eine Gesellschaft funktioniert - sondern auch, wie man selbst funktioniert.

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
true
isPaid:
true
showPaywallPiano:
false