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Sabine Rennefanz

© TS / Montage: TSP | Foto: TSP/Nassim Rad

Tagesspiegel Plus

„Dann sterbe ich halt“: Über ein trauriges Gespräch und die Impfpflicht für alle

Jeder Impfgegner wird achtsamer und rücksichtsvoller behandelt als Kinder. Warum es so nicht weitergehen kann.

Eine Kolumne von Sabine Rennefanz

Seit vergangenen Mittwoch müssen die Kinder in den Berliner Grundschulen wieder einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Als ich meinem Sohn am Morgen drei Exemplare in den Ranzen packte, protestierte er. „Nicht schon wieder“, schimpfte der Siebenjährige. Die Woche zuvor hatte er in Quarantäne verbringen müssen, weil er mit einem Jungen Pokémon-Karten getauscht hatte, der später an Corona erkrankte. Mein Sohn hatte jeden Tag 843 Mal gefragt: „Was ist, wenn ich positiv bin?“ Nach fünf Tagen machten wir einen PCR-Test. Er wachte in der Nacht schreiend auf. „Bin ich negativ?“, flüsterte er, als ich am Bett stand. Ja, er war negativ.

Die Masken müsse er zu seinem Schutz tragen, erklärte ich ihm an jenem Morgen, da mehr Menschen an Corona erkrankten. „Ist mir egal, dann sterbe ich halt“, rief der Siebenjährige aus. War ich zu empfindlich, wenn mich dieser Satz schockte? Es war der traurigste Satz, den ich in der Pandemie gehört hatte.

Der neue Alltag: mit Maske und Test in der Schule.
Der neue Alltag: mit Maske und Test in der Schule.

© Guido Kirchner/dpa

Was war falsch gelaufen, dass Siebenjährige sich nun so verunsichert fühlten, dass sie Todesangst hatten? Warum war es uns, den Erwachsenen, in den vergangenen zwei Jahren nicht gelungen, die Kinder besser zu schützen, und zwar nicht nur vor dem Coronavirus, sondern auch vor der Angst? Und wie soll man einem Kind die Lage erklären, wenn man sie selbst nicht mehr versteht? Wie soll ich ihm erklären, dass er Maske tragen muss, während Erwachsene mit 50 anderen drinnen im Café ohne Maske sitzen, ungeimpft und ungetestet womöglich?

Ich sagte meinem Sohn, er solle sich keine Sorgen machen, Corona sei für Kinder ungefährlich. Ich hätte ihm lieber gesagt: „Wir Erwachsenen tun alles, damit ihr sicher seid.“ Aber das stimmte nicht. Jeder Impfgegner wird achtsamer und rücksichtsvoller behandelt als Kinder.

Die Impfkampagne: mutlos, lustlos, unkreativ

Kürzlich veröffentlichte die Financial Times eine Grafik, darauf sah man, dass innerhalb Europas die deutschsprachigen Länder die geringste Impfquote haben, also Deutschland, Österreich, die Schweiz. 22 Prozent der Deutschen, die älter als 12 Jahre alt sind, haben keinen Impfschutz. Es rächt sich nun, dass die deutsche Politik von Anfang an die Impfkampagne so mutlos, so lustlos, so unkreativ angegangen ist.

Von Anfang wurde versprochen, dass es keine Impfpflicht geben werde. Es weckte den Anschein, dass Impfen nicht der Ausweg aus der Pandemie war, sondern eine persönliche Lifestyle-Entscheidung, so wie manche halt Hafermilch nehmen, um das Klima zu schützen. Das war eine fatale, feige Botschaft und es vermittelte ein falsches Verständnis von Freiheit. Die Politik hat aus Angst vor einer lautstarken Minderheit zugelassen, dass Freiheit heute bedeutet: „Hauptsache Ich, die anderen sind mir egal.“

Wie kann es sein, dass jetzt schon wieder vom Shutdown geredet wird, ohne flächendeckend härtere Regeln für Impfgegner einzuführen? Es braucht eine Impfpflicht, und zwar nicht nur für einzelne Berufsgruppen, sondern für alle. Wieso soll nur die Krankenschwester verpflichtend geimpft sein, um dann reihenweise Ungeimpfte zu pflegen? Um den Druck zu mildern, kann man die Impfpflicht versüßen, mit Prämien, Gutscheinen, Bratwürsten. In DDR gab es die Säuglingsprämie fürs Kind auch nur, wenn man das Impfheft vorzeigte. Wenn man eine Impfpflicht fordert, wird einem entgegen gehalten, das spalte die Gesellschaft. Aber mal ehrlich, ist die Gesellschaft nicht längst gespalten?

Übrigens kam vier Tage nach dem Ende der Quarantäne meines Sohnes ein Schreiben vom Gesundheitsamt Pankow. Mein Sohn solle sich als enger Kontakt vom Rest der Familie mindestens fünf Tage absondern. Das hat wahrscheinlich jemand geschrieben, der noch nie ein Kind gesehen hat.

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