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© Martha von Meydell

Tagesspiegel Plus

Trügerisches Versprechen: Ständig „du selbst“ sein - warum man sich diesem Zwang nicht stellen muss

Die Suche nach dem Unverfälschten verspricht Glück und Erfolg. Doch sie ist trügerisch. Und wahnsinnig anstrengend. Über ein Krisensymptom.

| Update:

Die Webseite heißt „Glücksdetektiv“ und hier präsentiert eine Doktorin der Psychologie Ratschläge für die „ultimative Beziehung im Leben“: „Die Beziehung zu dir selbst.“ Hier kann man lernen, „authentisch“ zu sein – was als Voraussetzung dafür angepriesen wird, glücklich zu werden. Zwei Klicks weiter gibt es das Seminar-Heft „Authentisch führen“, das Managern helfen soll, erfolgreicher zu sein, zum Herunterladen.

Politiker können auch nur noch Wahlen gewinnen, wenn sie „authentisch“ sind. Selbst Alltagsprodukte müssen es sein: Im Edel-Warenhaus „Manufactum“ erwirbt man nicht nur hochpreisige Pullover oder Bratpfannen – sondern auch eine „Geschichte, die zumeist untrennbar mit dem Werdegang des Herstellers (...) verwickelt ist – mit Menschen, die leidenschaftlich Dinge herstellen, die mehr sind als nur kurzlebige Verbrauchsgüter“.

Die Sehnsucht nach Authentizität ist riesig. Im Privaten, im Beruf, im Business. Jedenfalls in westlichen Gesellschaften. Das Phänomen ist positiv besetzt – es impliziert Erfolg, Sympathien, Glück.

Das „wahre Selbst“ leben, so sein, wie man ist, seine Kanten nicht mehr verstecken – das hört sich erst mal gut an. Aber wenn die Gesellschaft umgekehrt von Einzelnen oder Gruppen permanent Authentizität einfordert, wird es problematischer. Haben wir es mittlerweile nicht vielmehr mit einem „Terror der Authentizität“ zu tun?

„Alternative“ Fakten und Deep Fake erschüttern den Glauben an Evidenz

Leichter zu beantworten ist zunächst die Frage, warum die Sehnsucht nach Authentizität wieder einmal Hochkonjunktur hat: In Zeiten von Unordnung in der Welt, von Zweifeln an den positiven Effekten der unübersichtlichen Globalisierung, in Zeiten von Umbrüchen sehnt sich der Mensch nach Ordnung, Eindeutigkeit und Kontrolle.

Wenn „alternative“ Fakten und Deep Fake den Glauben an Evidenz erschüttern, wenn Digitalisierung und Künstliche Intelligenz unser Leben rasant verändern und Misstrauen säen, dann ist die Sehnsucht nach Originalen und Ursprünglichkeit die natürliche Gegenbewegung.

Das Phänomen ist nicht neu, sondern ein Begleiter der westlichen Moderne: Es ist eng verknüpft mit der Geschichte des Individuums. Der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau entwickelte als Erster die Idee, dass jeder Mensch eine eigene originelle Persönlichkeit habe, die er entdecken und leben müsse.

Sein Selbst leben statt gesellschaftlicher Norm – das war eine Devise der sozialen Bewegungen in den 70er Jahren.
Sein Selbst leben statt gesellschaftlicher Norm – das war eine Devise der sozialen Bewegungen in den 70er Jahren.

© picture-alliance / dpa

Die Idee der „Treue zur eigenen Natur, zu sich selbst“ ist hier angelegt. Sie hat sich später manifestiert in den Ideen der Lebensreformer um 1900 oder denen des linksalternativen Milieus, der Hippie-Bewegung, von New Age. Und so wurde Authentizität in diesem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts ein normatives Ideal.

Die Forderung, authentisch zu sein, war die Antwort auf die empfundene Entfremdung durch die Auflösung von Milieus und Klassen sowie die Entwicklung der Massen- und Informationsgesellschaft. Somit ist der Hunger nach Authentizität eigentlich Ausdruck einer Krise.

Gesellschaftlich war das Streben nach Authentizität denn auch meist ein Trugschluss. Der Politikwissenschaftler Benedict Anderson hat in seinem bahnbrechenden Werk „Imagined Communities“ in den 1980er Jahren die Nation und den Nationalismus als ein soziales Konstrukt entlarvt.

Damit gibt es aber auch in der Geschichte kein Original, zu dem man zurückkehren könnte – so wie das populistische Strömungen propagieren. Wenn in Berlin das Stadtschloss als Geschichtskopie wiedererrichtet wird, sagt das mehr über die Bedürfnisse der heutigen Deutschen nach Selbstvergewisserung aus als über ferne Vergangenheiten.

Die Selbstentblößung des Schriftsteller Knausgard trifft den Zeitgeist

Auch in der Literatur ist das Phänomen zu bestaunen. Das Genre des Memoir hat Hochkonjunktur. Es ist die Stunde des „Subjekts“, der wahren oder vermeintlichen Autobiografie. Ein Paradebeispiel ist die exzessive Selbstentblößung des norwegischen Schriftstellers Karl Ove Knausgard in sechs Bänden.

Oder Edouard Louis’ Beschreibung seiner Jugend als homosexueller Außenseiter in der Provinz in „Das Ende von Eddy“. Ein Ich-Erzähler, der wirklich oder vermeintlich aus seinem eigenen Leben erzählt, fesselt die Leser derzeit mehr als jede literarische Fiktion.

Der französische Schriftsteller Edouard Louis (re.) mit dem Intendanten der Schaubühne, Thomas Ostermeier
Der französische Schriftsteller Edouard Louis (re.) mit dem Intendanten der Schaubühne, Thomas Ostermeier

© Thilo Rückeis

Allerdings gibt es mit der Authentizität ein Riesenproblem. Ursprünglich war damit gemeint, dass ein Gegenstand oder eine Quelle von Archäologen oder Historikern als „echt“ im Sinne von „als Original befunden“ wurde. Was heute als authentisch empfunden wird, ist dagegen völlig willkürlich. Es liegt allein im Auge des Betrachters.

Denn es ist die Zuschreibung eines Beobachters, dessen Erwartungen mit seinen Beobachtungen übereinstimmen. „Authentizität jenseits dieser Zuschreibung gibt es nicht“, sagt der Münchner Literaturwissenschaftler Erik Schilling in seinem gerade erschienenen Buch „Authentizität. Karriere einer Sehnsucht“ (C.H.Beck). Wenn jemand etwas als „authentisch“ empfindet, dann lasse das nur Rückschlüsse auf die beobachtende Person zu, über deren Erwartungen und Perspektive.

Schilling gibt für diese Illusion das Beispiel eines italienischen Restaurants: Der Besucher mag es als „authentisch italienisch“ empfinden, weil es nur Pizza serviert – dabei ist Pizza historisch nur für Neapel und sein Umland charakteristisch, nicht aber für ganz Italien. Dass kulturelle Prägungen und Verallgemeinerungen den Menschen helfen, Ordnung in die Welt zu bringen, ist in Maßen nicht schlimm, sondern nützlich.

Kollektive Zuschreibungen waren auch im Kolonialismus virulent

Doch wird eine Person oder ein Gegenstand als „authentisch“ bezeichnet, schwingt darin mit, dass man wisse, wie die Person oder das Objekt in Wirklichkeit sei, dass man sein Inneres kenne, womöglich besser als der Betroffene selbst. Schilling nennt das eine „Sehnsucht nach Eindeutigkeit“, „einen „Willen zur Wahrheit“.

Doch dieses „Eindeutigkeitspostulat“ reduziert auch ganze Kulturen auf einzelne Eigenschaften: Es essentialisiert. Solche kollektiven Zuschreibungen waren im Kolonialismus gegenüber den beherrschten Bevölkerungen virulent und sind eine beliebte Methode des Rassismus.

Das ist natürlich das Gegenteil dessen, was jene progressiven Kräfte fordern, die sich das Postulat der Authentizität auf die Fahnen geschrieben haben. Dieses führt direkt zur Identitätspolitik, die unsere Debatten derzeit beherrscht. Auch hier besteht die Gefahr, dass Menschen und Gruppen auf einzelne Merkmale reduziert werden – weiblich, männlich, transgender, schwarz, weiß.

Kurioserweise treffen sich hier die politischen Lager, rechts und links: Im rechten Diskurs werden beispielsweise „dem Muslim“ oder „dem Islam“ feststehende Eigenschaften zugeschrieben, in diesem Fall negative. Oder das „Deutschsein“ wird anhand einiger weniger Eigenschaften definiert.

Am anderen Ende des politischen Spektrums reduzieren Vertreter der Bewegung Black Lives Matter historische Gestalten wie Christoph Columbus in essentialistischer Manier auf eine Rolle oder Eigenschaft. Oder wenn die heterosexuelle Schauspielerin Hale Berry kritisiert wird, weil sie eine transgender Person darstellen will, dann ist das ein Authentizitätswahn, der zu Erstarrung und Stillstand führt und nichts mehr mit Emanzipation oder Selbstverwirklichung zu tun hat.

Eine Statue des Entdeckers Christoph Columbus, der aus Protest der Kopf abgeschlagen wurde. Der Entdecker wird auf seinen, dem Zeitgeist verhafteten Rassismus reduziert.
Eine Statue des Entdeckers Christoph Columbus, der aus Protest der Kopf abgeschlagen wurde. Der Entdecker wird auf seinen, dem Zeitgeist verhafteten Rassismus reduziert.

© imago images/AFLO

Interessanterweise ist diese Sucht nach Authentizität ein westliches Phänomen. Es ist eng verknüpft mit dem Individualismus. In anderen Gesellschaften, in denen der Mensch sich eher über seine Beziehungen und Kollektive definiert, ist dieses Streben, „man selbst zu sein“, weniger ausgeprägt bis unbekannt. In seinem gerade erschienenen Werk „The Weirdest People in the World“ zeigt der kanadische Anthropologe Joseph Henrich den Sonderweg der westlichen Psyche im weltweiten Vergleich auf.

Man selbst zu sein, zahlt sich in westlichen Gesellschaften aus

 Joseph Henrich, Anthropologe

Wenn westliche Gesellschaften es honorieren, dass Personen „konsistent“ sind und sich in verschiedenen Kontexten – entsprechend ihren Überzeugungen oder ihrer Natur – immer ähnlich und damit „authentisch“ verhalten, dann wird dieses Verhalten gestärkt. „Man selbst zu sein, zahlt sich in westlichen Gesellschaften aus“, lautet ein Fazit des Harvard-Professors für menschliche Evolutionsbiologie.

Doch damit finde sich die westliche Psyche auf einer weltweiten Skala am extremen Rand wieder. In den meisten anderen Gesellschaften werde es als weise und reif angesehen, wenn der Mensch sich im Job, im Umgang mit den Eltern oder mit Freunden so an sein Gegenüber anpasst, dass er sich jeweils unterschiedlich verhält: mal extrovertiert, mal unterwürfig-gehorsam. Authentizität ist verpönt, zu intim, zu unhöflich und gesellschaftlich spaltend.

Dank der sozialen Medien hat die Sehnsucht nach Authentizität neue Phänomene hervorgebracht: Welche Anstrengungen werden unternommen, um auf Instagram möglichst „authentisch“ und strahlend wahrgenommen zu werden? Wie viele Menschen sind in den Tod gestürzt, weil sie das ultimative „authentische“ Selfie auf Reisen machen wollten? Überhaupt ist der Tourismus eine große Authentizitätsindustrie.

Authentizität wird zum Gütekriterium für Politiker

Das gilt auch für Politiker. Je personalisierter Politik auch in den Medien wird, desto mehr wird Authentizität zum Gütekriterium. In einer repräsentativen Demokratie in der Krise, in der viele Bürger eine Distanz zu demokratischen Institutionen empfinden, wird Politik zunehmend über diese emotionale Verbindung transportiert. Dabei muss die Aussage mit dem Aussagenden und dem Bild, das der Betrachter von ihm hat, möglichst übereinstimmen.

Der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck – hier im Wattenmeer – meint es ernst mit der Rettung der Umwelt. Solche Bilder bestätigen die politische Botschaft und Habeck gilt als „glaubwürdig“.
Der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck – hier im Wattenmeer – meint es ernst mit der Rettung der Umwelt. Solche Bilder bestätigen die politische Botschaft und Habeck gilt als „glaubwürdig“.

© picture alliance / Christian Cha

Dieses Bild bedient beispielsweise der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck, wenn er im T-Shirt und mit verwuschelten Haaren auf einer Wiese oder im Wattenmeer posiert: Die Partei meint es mit der Rettung der Umwelt ernst, ihr Spitzenpolitiker hält nichts vom üblichen Polit-Sprech – das ist die Vorstellung, die in solchen Bildern transportiert wird. Erwartung und Beobachtung stimmen überein. Auch wenn diese Authentizität genauso inszeniert ist wie die des CDU-Abgeordneten Philipp Amthor, der seine konservativen Positionen mit klassischen Assecoires wie Anzug, Krawatte und auffallend vormoderner Brille verbindet.

Ein besonderer Auswuchs der Sehnsucht nach Authentizität findet sich im politischen Populismus. Die „Treue“ zu sich selbst als Person oder einem fiktiven „nationalen Selbst“ in Abgrenzung zu Eliten oder Fremden hat Hochkonjunktur. Dies ist eines der Erfolgsgeheimnisse eines Donald Trump oder Wladimir Putin.

Donald Trump kontrolliert seine Impulse nicht und wirkt deshalb „authentisch“ – dafür lieben ihn seine Anhänger.
Donald Trump kontrolliert seine Impulse nicht und wirkt deshalb „authentisch“ – dafür lieben ihn seine Anhänger.

© imago images/ZUMA Wire

Diese Politiker und ihre Herrschaft werden als „authentisch“ wahrgenommen und sind damit die zeitgenössische Variante charismatischer Herrschaft, so der Historiker Achim Saupe, Koordinator des Leibniz-Forschungsverbunds Historische Authentizität in Potsdam. Dieser Authentizitätspopulismus geht einher mit Narzissmus und wird durch Tweets, Follower und Likes ausgelebt.

Angesichts dieser Auswüchse darf man sich fragen, ob diese neue Norm der Authentizität, die auch nur eine Inszenierung ist, eigentlich erstrebenswert ist. Konventionen haben selbst in westlichen Gesellschaften nicht umsonst so lange überlebt, weil die das friedliche Zusammenleben erleichtern. Und wie anstrengend ist der Anspruch, in jeder Handlung und Äußerung konsequent und widerspruchsfrei zu sein?

Natürlich hat auch in westlichen Gesellschaften jeder Einzelne multiple Identitäten: Man ist Tochter, Sohn, Mutter, Vater, Kollegin, Sportlerin, Tourist – und es ist ein Segen, wenn man sich in diesen Rollen und Situationen unterschiedlich verhalten darf – auf die Gefahr hin, als widersprüchlich zu gelten. Vielleicht entspricht das doch eher der menschlichen Natur und ist damit „wirklich authentisch“?

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