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© Illustration von Martha von Maydell, mvmpapercuts.com

Tagesspiegel Plus

Die neue Zeichensprache: Wie Whatsapp, Slack & Co. unsere Kommunikation verändern

Tippen statt reden: Seit die Corona-Abstandsregeln gelten, boomen virtuelle Kurznachrichten- und Messengerdienste. Das ist zwar praktisch, aber vor allem ein Verlust.

Sie können einem vorkommen wie Gäste, die fast immer dabei sind, vor allem in diesen Pandemietagen. Man kann ihnen einerseits nur dankbar sein für ihre Gegenwart, die vieles so viel angenehmer macht und manches auch erst möglich.

Und dann wieder ist ihre dauernde Anwesenheit kaum zum Aushalten. Vor allem dann, wenn sich der Gedanke breit macht, wo sie sich überall reingedrängt haben, was man da alles zugelassen hat und wie abhängig man von ihnen geworden ist.

Von wem die Rede ist? Von den Kommunikationsmedien. Von Handy, Tablet oder Computer mit den draufgespielten SMS- und MMS-Programmen, den Messengerdiensten wie Whatsapp oder Telegram, den Anbietern für Videoanrufe und – nicht zu vergessen – auch der klassischen Anrufmöglichkeit.

Hardware und Software sitzen fast immer mit am Tisch

Wenn Menschen sich in diesen Tagen mitteilen, sitzen Hardware und Software fast immer mit am imaginierten Tisch der Begegnung. Während der Corona-Kontaktbeschränkungen machen sie die Kommunikation möglich, die von Angesicht zu Angesicht möglichst nicht stattfinden soll, um zu verhindern, dass sich das Virus die leibhaftige Anwesenheit der Anderen zunutze macht.

Ich treff’ mich gern mit Freunden / In Chatverläufen

Die Kölner Band AnnenMayKantereit

Der große Kommunikationsgewinner der Pandemie ist so die Kurznachricht geworden. Wie in so vielen Bereichen hat Corona diese Veränderung nicht ausgelöst, ihr aber einen kräftigen Schub verliehen: die immer weitergehende und sich dabei verkürzende Verschriftlichung dessen, was wir zu sagen haben,

Auf ihrem Album zur Pandemie singt die Kölner Band AnnenMayKantereit bereits „Ich treff’ mich gern mit Freunden / In Chatverläufen“. Sie ist damit nicht allein. In Chatverläufen treffen sich Freunde, Familien, Hobby-, Kita-, Elterngruppen, Kollegen, Abteilungen. Viele Unternehmen haben den dienstlichen Austausch fast komplett in Chaträume verlegt.

Räumlich getrennt, aber hyper-connected

Die private wie berufliche Messenger-Kommunikation ist gratis oder günstig, und sie ist praktisch, weil sie keine geografischen und zeitlichen Grenzen kennt. Nachrichten werden zu jeder Tages- und Nachtzeit verschickt und erreichen in Sekundenschnelle ihre Adressaten, ob Einzelpersonen oder Gruppen, Teilnehmerzahl unlimited. Menschen mögen räumlich getrennt sein, doch sie sind hyper-connected.

Diese ständige Anwesenheit digitaler Geräte und die räumlich-zeitliche Entgrenzung wirken sich auch auf die kommunizierten Inhalte aus. Die Kommunikation unterliegt gewissermaßen einer Achsenverschiebung: Sie dehnt sich in der Breite aus, während sie in der Tiefe abnimmt. Früher brachten Briefe den tiefen Austausch, den ein Gespräch nicht in derselben Art ermöglichte.

© Stephanie Pillick, dpa

Lange Reflektionen flossen in seitenlange Texte, die nach mehreren Tagen bei ihren Adressaten ankamen, die sich wiederum ausgiebig und mit ungeteilter Konzentration einer ausführlichen Antwort hingaben.

Heute scheint es genau andersherum zu sein: Ein Gespräch oder ein Telefonat, bei dem zumindest die Stimme des anderen zu hören ist, ermöglichen viel eher die ungeteilte Aufmerksamkeit und Tiefe, die die Kurzkommunikation nicht bieten kann.

Schon allein ihrer Selbstfokussierung auf Kürze wegen. Kürze erfordert Verknappung, erfordert Weglassen, Reduzierung aufs Wesentliche.Kurznachrichten sind wie Befehle, so wie Befehle letztlich gesprochene Kurznachrichten sind. Der bekannteste Kurznachrichtendienst Twitter erkannte das Abschreckende daran und erhöhte Ende 2017 die maximale Zeichenzahl für Botschaften von 140 auf 280.

Dennoch haben die modernen Kommunikationssysteme viele Vorzüge. Dank der Geräte und Programme ist die nächste Kontaktaufnahme immer nur wenige Klicks weit entfernt, niemand muss warten, um etwas loszuwerden. Das geschriebene Wort ist dabei zugleich verbindlich und unverbindlich: Verbindlich, weil es sich nicht so einfach wie das gesprochene verflüchtigen kann, denn es steht dann da. Unverbindlich, weil es eine Kontaktaufnahme ermöglicht, die, wenn auch nicht immer, alles Unmittelbare ausspart.

Niemand fällt ins Wort, unterbricht den halbfertigen Gedanken

Kurzkommunikation ist risikofreier, während sie stattfindet. Niemand fällt ins Wort, keine gerunzelte Stirn erledigt den angefangenen Gedanken, keine überraschende Rührung schnürt die Kehle zu, kein aufgeregter Frosch im Hals lässt einen haspeln, und rot muss auch niemand werden.

Ein paar Zeichen ins Gerät tippen geht schnell und ist effizient. Es hat sich mehr oder weniger eingebürgert, Höflichkeiten aufs Nötigste zu kürzen oder gleich ganz wegzulassen. Wer auch per Slack noch mit „Sehr geehrte/r Frau/Herr“ anfängt, ist entweder alt oder altmodisch oder hat Angst.

© Getty Images/iStockphoto

Dabei haben auch Höflichkeiten mehr als nur Floskel-Funktion. Sie schaffen nämlich Raum zwischen den Kommunikationspartnern, sie sind ein Zeichen von Respekt und Wertschätzung. Fallen sie weg, fehlt auch das.

Die Verlegung von Kommunikation ins Verknappt-Verschriftlichte bringt darüber hinaus noch einen viel elementareren Verlust mit sich. Gespräche sind nie nur auf die reine Sachinformation oder die kürzeste Formulierung ausgelegt. Sie sind mehrdimensional, kommen zugleich in den Ohren, den Augen und auf der Gefühlsebene an. Die Rührung, der Frosch im Hals, die angestaute Aggression und das Stottern geben Aufschluss über den Zustand des Gegenübers, darüber, wie es ihm, ihr geht.

In jeder Kommunikationssituation, die man mithilfe eines Mediums erlebt, muss man Abstriche machen.

Peter Vorderer, Kommunikationswissenschaftler

Gespräche sind im Wortsinn zwischenmenschlich, sie sprechen als Ganzes an, sie können als reiner Text schlicht sein und dennoch unfassbar viel transportieren. Die digitale Kurzkommunikation kann das nur bedingt einfangen.

„In jeder Kommunikationssituation, die man mithilfe eines Mediums erlebt, muss man Abstriche machen und verliert etwas im Vergleich zu einer Face-to-Face-Kommunikationssituation“, sagt Peter Vorderer, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Mannheim.

Emoticons sollen die unsichtbare Mimik und Gestik ersetzen

Immer wieder habe man sich deswegen bemüht, für das, was fehlt, einen Ausgleich zu finden – etwa durch immer mehr Emoticons, die immer facettenreicher Mimik und Gestik und damit einen Eindruck von der Gefühlslage des Sprechers vermitteln sollen. Aber trotz solcher Hilfsmittel ist und bleibt der Raum für Missverständnisse im Kurznotierten grenzenlos.

Jeder Beitrag zu einem Chatgespräch ist wie der Ruf in einen langen dunklen Tunnel: Man weiß nie, was zurückkommt. Gibt es keine Reaktion, noch nicht einmal ein „Daumen-hoch“-Zeichen oder ein Lach-Smiley, ist die Verunsicherung groß. Ist das Anliegen untergegangen? Gibt es schwerwiegende Gründe für die ausbleibende Antwort? Jede Antwort selbst kann zu weiterer Verunsicherung führen.

„Die schriftliche Nachricht gibt uns ein hohes Maß an Kontrolle über das Geschriebene, doch nicht so stark, wie wir uns das einreden“, sagt Kommunikationswissenschaftler Vorderer. „Jede Nachricht produziert immer auch Nachfragen.“

Für Zwischentöne ist in der Kurzkommunikation kein Platz

Geschriebene Wörter sind ihres Kontexts beraubt und nicht fähig zum Subtext. Wenn die Kollegin schreibt: „Wie gut für dich, dass du heute früher Schluss machen kannst!“, schwingt dann da aufrichtige Freude mit, Ironie, Neid oder gar ein stummer Vorwurf? Für Zwischentöne ist in der Kurzkommunikation kein Platz. Sie bleibt eindimensional, missverständlich und oberflächlich.

Oberflächlich bleibt sie auch deshalb, weil in der Kurzkommunikation selten jemandem die ungeteilte Aufmerksamkeit zuteil wird. Sie ist im hohen Maße am Wunsch nach Multitasking ausgerichtet. Gleichzeitig wird mit mehreren Menschen geschrieben, und nebenbei wird das Abendessen verschlungen, die Serie geguckt oder dem Zoom-Meeting beigewohnt.

Man kann seine eilends und achtlos dahingetippte Nachricht mit lauter Herzen dekorieren, die innigste Verbundenheit symbolisieren, ohne fürchten zu müssen, dass der Schwindel auffliegt.

Und so stellt man an vielen Stellen immer wieder fest, dass SMS, Whatsapp, Slack und Co. eher „Sendermedien“ sind. Sie orientieren sich deutlich stärker an den Bedürfnissen der Absender als an denen der Empfänger.

Es ist für die Sender hilfreich, ohne konfrontativen Aufwand zu jeder Uhrzeit ihr Anliegen loswerden zu können. Sie geben mit einem Klick die weitere Verantwortung an die Empfänger ab. Sollen die zusehen, was sie damit machen.

Das spielt insbesondere in der beruflichen Kurzkommunikation eine wesentliche Rolle: Wenn eine Nachricht mitten in der Nacht oder am Wochenende verschickt wird, ist es an den Empfängern zu entscheiden, wann und wie eine Antwort angemessen ist. Für die analoge Kommunikation und Anrufe haben dagegen längst sich Grundregeln etabliert, bei denen die Bedürfnisse der Adressaten eine Rolle spielten.

Oder würden Vorgesetzte erwarten, dass man außerhalb der Arbeitszeiten ansprechbar ist oder mitten in der Nacht für eine telefonische Absprache zur Verfügung steht? Kaum. Die Digitalkommunikation hat diese Regeln aufgeweicht. Und ohne klare Regeln kostet es die Energie der Empfänger, herauszufinden, wie sie mit dem Eindruck erwarteter Dauererreich- und Verfügbarkeit umgehen sollen.

Slack wurde für 27,7 Milliarden US-Dollar verkauft

Nichtsdestotrotz scheinen zumindest Unternehmen die Effizienz, die mit Kurznachrichten einhergeht, zunehmend zu schätzen. Sie setzen dabei auf Anbieter wie Microsoft Teams oder Slack. Ähnlich wie bei anderen Messengerdiensten können hier Direktnachrichten verschickt und Chatgruppen eingerichtet werden.

Die Börsenwerte von Slack schnellten dieses Jahr in die Höhe, erst kürzlich kaufte das Software-Unternehmen Salesforce den Kurznachrichtenanbieter für 27,7 Milliarden US-Dollar.

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In Deutschland erhöhte sich nach Angaben des Unternehmens die Anzahl der zahlenden Kunden 2020 um 81 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, zwei Drittel der Dax-Unternehmen nutzen inzwischen Slack. Auch die Zahl der täglichen Nutzer von Microsoft Teams, das neben Videoanrufen auch eine Chatfunktion anbietet, stieg von 75 Millionen im April auf 115 Millionen Nutzer im Oktober an.

Jede Veränderung in der Form zieht inhaltliche Veränderungen nach sich. Gerade in Zeiten, in denen ein Großteil der Kommunikation ins Schriftliche ausweicht und der direkte zwischenmenschliche Austausch limitiert ist, wird es umso wichtiger, eine gute Balance zwischen berechtigten Anliegen der Sender und der Empfänger zu finden.

Nett, dass du anrufst. Nett, dass du fragst, wie’s mir geht.

Die Kölner Band AnnenMayKantereit

Schon aus Eigennutz. Denn niemand ist immer nur Sender, alle sind immer auch Empfänger.

Die Kölner Band AnnenMayKantereit hat das bereits erkannt. Nach der Zeile „Ich treff’mich gern mit Freunden / In Chatverläufen“ geht es weiter mit „Nett, dass du anrufst. Nett, dass du fragst, wie's mir geht.“

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