Lesermeinung: Die erste Premiere
Zu: „Hollywood lässt grüßen. Bruno Cathomas inszenierte am Hans Otto Theater Shakespeares ’Romeo und Julia’“, 30.
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Zu: „Hollywood lässt grüßen. Bruno Cathomas inszenierte am Hans Otto Theater Shakespeares ’Romeo und Julia’“, 30.1.
Auf etwas ganz Besonderes war mein Deutsch-Kurs eingestellt. Das erste Mal, der erste Abend, im großen Theater, das gerade behandelte Drama und dann die Neugier und Spannung einer Premiere. Als erfahrene Theaterliebhaberin hatte ich nichts versprochen: „Ihr müsst auf alles gefasst sein! Lassen wir uns überraschen!“ Dann das Bühnenbild, was die Schüler zuerst für ein Stadion hielten, die Bier trinkende Figur auf dem Bücherhaufen. Ich ließ es geschehen, in Erwartung schönerer Bilder, toller Schauspieler und schließlich der bekannten Dialoge. Viele Erwartungen wurden erfüllt: die Szenen mit Romeo und Julia waren authentisch, da der Originaltext lediglich gekürzt und die jugendliche Liebe voller Anmut und Hingabe gespielt wurde. Nichts, was „unter der Gürtellinie“ passierte – darüber war ich froh. Wirkungsvoll kam die Ballszene rüber, als hinter dem „fest zementierten Beton-Palast“ nur kleine Lämpchen schwach leuchteten und die Küsserei begann, unvermittelt, überschwänglich, allerdings ohne deutlich artikulierten Text. Dieser Spannungsbogen blieb für mich während der gesamten Inszenierung. Meine Schüler waren die jüngsten Zuschauer im Saal. In der Pause sagten sie: „Frau Kruse, das ist zwar modern, aber es spricht uns voll an!“. Es war ihre Premiere, ich blicke auf 50 Jahre Theatererfahrung zurück. Ich hatte einiges zu kritisieren: Das Stück hatte Brüche, die den Genuss minderten. Einerseits ein überwältigender schauspielerischer Einsatz, jedoch nicht jede Rolle richtig besetzt (ein strohblonder Romeo!). Nicht langweilig, dennoch etliche Szenen überzogen mit Ulk (Handy). Und mir fehlte eine Menge an Text, an Bildern. Die vermittelnden Figuren in eine Mehrfachbesetzung zu verfrachten, fand ich keine gute Idee. Gelohnt hat sich unser Premierenbesuch auf jeden Fall.
Martina Kruse, Potsdam
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