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Hatice Akyün ist unsere Kolumnistin.
© Montage: Tsp

Mobilität und soziale Teilhabe: Her mit der 9-Euro-Mentalität!

Christian Lindners abfälligen Bemerkungen über einen günstigen Nahverkehr fehlt jede Empathie.

Vielleicht bin ich selbst nicht gerade das perfekte Aushängeschild für das Neun-Euro-Ticket, ich fahre seit 25 Jahren ausschließlich mit den Öffentlichen. Zur Jahrtausendwende habe ich mein Auto abgeschafft. Als Berufsanfängerin hatte ich nicht viel Geld, war also schon aus finanziellen Gründen darauf angewiesen, mit Bus und Bahn zu fahren. Ich kann mir nicht mal im Ansatz vorstellen, wie es sich anfühlt, sich das Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht leisten zu können.

38 Millionen Menschen haben das Neun-Euro-Ticket gekauft. Doch wenn ich die ersten Erhebungen des Verbands deutscher Verkehrsunternehmen richtig deute, haben viele Nutzerinnen und Nutzer des Tickets ihr Auto eben nicht stehen lassen und sind umgestiegen.

Daraus lässt sich erkennen, was den eigentlichen Grund einer Weiterführung des Tickets ausmachen sollte: Viele Menschen hatten zum ersten Mal überhaupt die Möglichkeit, mobil zu sein. Das ist auf der einen Seite erfreulich, auf der anderen schockierend: Ein so reiches Land wie Deutschland will es einfach nicht schaffen, allen Bürgerinnen und Bürgern Mobilität zu gewährleisten.

Mangel an Verstand oder Empathie?

Wie zynisch kommt mit diesem Wissen die Bemerkung von Finanzminister Christian Lindner daher, der das Neun-Euro-Ticket als „Gratismentalität“ degradierte, weil es Menschen auf dem Land ja aufgrund der fehlenden Infrastruktur gar nicht nutzen könnten. Ist das fehlender Verstand oder fehlende Empathie?

Oder anders: Was war zuerst da? Ei oder Henne? Das jahrzehntelange Kaputtsparen der Bahn, das Hofieren von AutofahrerInnen und die Ignoranz gegenüber einem flächendeckenden Bahnnetz, sind der eigentliche Grund, dass Menschen auf dem Land nicht aus ihrem Dorf wegkommen.

Lange war ich schon nicht mehr so erbost über eine solch perfide Aussage eines Politikers. Das letzte Mal, als der damalige FDP-Chef Guido Westerwelle Hartz IV als „spätrömische Dekadenz“ bezeichnete und Deutschland „sozialistische Züge“ attestierte.

Wer finanziell nicht auf der Sonnenseite steht

Komisch, dass soziale Teilhabe immer von denen kritisiert wird, die finanziell auf der Sonnenseite stehen. Sozialdemokratisches Denken heißt, für Gerechtigkeit zu kämpfen, auch wenn man selbst nicht (mehr) davon profitiert, weil man in der Mittel- und Oberschicht (angekommen) ist.

Es war abzusehen, dass das Neun-Euro-Ticket nicht dazu führen würde, dass Menschen, die sonst immer Auto fahren, es stehen lassen. Das Ticket wurde von denen genutzt, die sich vorher die hohen Preise nicht leisten konnten.

Aus der Perspektive der Teilhabe ist das Neun-Euro-Ticket somit ein riesiger Erfolg. Bei der Diskussion um die Fortsetzung geht es also gar nicht darum, ob sie sich vom Staat finanzieren ließe. Sonst müssten weitaus teurere und weniger erfolgreichere Subventionen eingestellt werden. Zum Beispiel die Mehrwertsteuer für Hotels oder die Steuervergünstigungen für den Luftverkehr.

Die Frage ist also nicht, ob sich Deutschland vergünstigte Mobilität für alle leisten kann, sondern ob Deutschland gerecht sein möchte. Dazu gehört das Nachdenken darüber, ob wir dafür kämpfen wollen, dass jeder und jede am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann.

Manchmal braucht der eine mehr als der andere. Und manchmal geht es schlichtweg darum, anzuerkennen, dass die anderen legitime Bedürfnisse haben und diese auch formulieren dürfen. Es klemmt mit der Gerechtigkeit, wenn die eine Seite nicht erkennt, wodurch die andere sich benachteiligt fühlt. Und das führt dazu, dass Teile der Gesellschaft zuerst ignoriert und anschließend stigmatisiert werden.

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