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© Illustration von Martha von Maydell, mwmpapercuts.com

Tagesspiegel Plus

Mütter in der Advents-Zwickmühle: „Das war nicht der Weihnachtsmann, das war ICH!“

In keinem Monat sind Frauen so unemanzipiert wie im Dezember: Sie kümmern sich um alles rund um die Festtage. Und den Dank fährt alle Jahre wieder ein alter weißer Mann ein.

Schon Mitte Oktober fing es an: In den Elterngruppen auf Facebook, die mehrheitlich von Müttern bevölkert werden, ploppte immer häufiger die Frage auf: Wie befülle ich den Weihnachtskalender? Dabei gehen alle in der Gruppe ganz selbstverständlich davon aus, dass dieser Weihnachtskalender nicht einfach gekauft wird, sondern, dass er mindestens aus selbst genähten Säckchen besteht oder im besten Fall so etwas wie eine voll funktionstüchtige selbstgebaute Seilbahn ist, deren Kabinen sich befüllen lassen. Aber womit?

Das erfordert neues ausführliches Nachdenken und Recherche im Internet und in den Läden. Schließlich sollen die 24 kleinen Geschenke pädagogisch möglichst wertvoll und nicht allzu ungesund sein. Und sie müssen besorgt werden. Wer besorgt sie? Die Mütter.

„Wichteltür“, ein Trend unter engagierten Müttern

Als nächstes starten in den Facebookgruppen die Posts zum Thema „Wichteltür“: Eine Art Trend unter engagierten Müttern, in deren Wohnungen auf magische Weise zum ersten Dezember eine kleine Tür auftaucht, hinter der ein unsichtbarer Wichtel lebt, der jede Nacht etwas Lustiges anstellt. Manchmal hinterlässt er Geschenke, manchmal bekommt er abends Milch und Kekse. Die Türen müssen natürlich erstmal gebastelt werden – und zwar von Müttern.

Und so geht es immer weiter, den ganzen Dezember über, der als der stressigste Monat im Kalender der Mütter gilt. Jawohl, der Mütter – und nicht etwa, wie man im Jahr 2020 annehmen könnte, der Eltern. Die Füllung der Nikolausstiefel muss besorgt werden, ein Nikolausgeschenk, das dem Kind von der Kita überreicht wird, Adventskalenderfüllungen für Kita, Schule, Schülerladen, Hort. Der Adventskranz sollte auch noch frisch gebunden und geschmückt werden. Und schließlich sind da als Krönung noch die Weihnachtsgeschenke für die gesamte Familie.

© via Internet: Ali Meme on me.me

Darüber wer die besorgt, kursiert im Netz ein Meme auf Englisch, eine Tabelle einer „Christmas Shopping List“. Links steht: „Dad“ und darunter nur: „Wife’s gift“ – Geschenk für die Ehefrau. Rechts steht: „Mom“ und darunter: „Kids, Husband, Grandma, Grandpa, Siblings, Aunts, Uncles In-Laws, Cousins, Neighbors, Teachers, Mailman, Babysitter, Co-wokers, every freaking person.“

Das Meme wurde auch in der Facebookgruppe „Rosa-hellblau-Falle“ gepostet, in der es um genau solche Themen geht, moderiert von Almut Schnerring, Autorin des gleichnamigen Buchs über Geschlechterklischees im Familienalltag. Die Mitglieder dieser Gruppe sind also sensibilisiert für solche Themen, aber selbst dort kommentierten etwa 20 Mütter, dass das in ihren Familien schon so hinkomme.

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Von mehreren Vätern berichteten die Mütter, die wären der Ansicht gewesen, Kinder bräuchten doch eigentlich keine oder wesentlich weniger Weihnachtsgeschenke, die hätten schon genug. Und wenn sie, die Mütter, sich nicht um Geschenke für die Eltern und Geschwister des Mannes kümmern würden, dann bekämen die gar keine.

Der „Mental Load“ sei „schon krass“, kommentierte eine Mutter. Aber man könne dem Mann doch einfach eine Liste geben, die er abarbeiten solle, schrieb eine andere, die das mit dem „Mental Load“ anscheinend noch nicht ganz verstanden hatte.

Der neudeutsche Begriff bedeutet doch gerade die mentale Last, die Verantwortunglast der Kümmerer. Delegieren ändert daran nichts, denn auch wenn Väter Listen abarbeiteten, findet ein großer Teil der Arbeit in den Mütterhirnen statt. Ihre Köpfe sind es, die ständig rauchen und durchgehen, ob auch alles klappt wie geplant, selbst wenn sie in Teamskonferenzen vom Büro sitzen.

Das bisschen Haushalt ist doch kein Problem, sagt mein Mann.

Schlager von Johanna von Koczian aus dem Jahr 1977

Was zum nächsten Schlagwort führt: Care Arbeit, „Sorgearbeit“. Care Arbeit ist in der Regel Frauensache, sie wird unentgeltlich erledigt und für selbstverständlich genommen. Das ist inzwischen als Problem erkannt, aber mehr auch nicht.

Viele eher findet die Diskussion, die im Weihnachtsstressmonat Dezember noch mal eine besondere Relevanz bekommt, weiterhin unter heftigem Aufstöhnen jener Menschen (oft Männern über 45) statt, die meinen, das sei doch alles nur übertriebenes Gejammer.

„Das bisschen Haushalt“ summt es immer noch in den Köpfen vieler Menschen herum. Der Schlagertitel ist von 1977, also aus dem Jahr, in dem das Gesetz abgeschafft wurde, laut dem allein die Mütter für Haushaltsführung und Kindererziehung verantwortlich waren und nur berufstätig sein durften, wenn dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar war. Doch auch danach war in vielen Familien noch was los, wenn die Frauen den Braten zum Weihnachtsessen nicht rechtzeitig parat hatten. So lange ist das alles nicht her.

Männer fragen: Was soll das ganze Gedöns eigentlich?

Heute fragen sich vor allem Männer verständnislos: Was soll das überhaupt mit dem ganzen Weihnachtsgedöns. Die Frauen sind doch wohl selber schuld, wenn sie jedes Jahr wieder das große Brimborium starten. Wer braucht schon eine Wichteltür?

Die Wichteltür brauchen tatsächlich wohl hauptsächlich die Mütter selbst. Und auch der aufwendig gebastelte und befüllte Adventskalender ist längst nicht nur für die Kinder gedacht. Es fühlt sich schön an, so etwas zu basteln – und darüber würden Mütter sich auch niemals beklagen.

Diese Spielereien sind sozusagen die Kür im Gegensatz zur Pflicht der restlichen elf Monate voller Mental Load und Haushaltsführung. Zwar beteiligen sich daran vor allem jüngere oder neuere Väter zunehmend mehr – aktuell noch einmal beflügelt durch Kurzarbeit in Corona-Zeiten –, aber noch immer sind sie es, die in der Mehrheit Vollzeit arbeiten, während die Frauen vom Teilzeitjob zur Kitaabholung hetzen.

© imago/Westend61

Auch in unserer immer fortschrittlicher werdenden Gesellschaft ist noch vieles aus den 70er Jahren übrig. Was würde in so mancher Familie passieren, wenn auf einmal die Schwiegereltern, Schwager und Onkel keine Geschenke mehr zum Auspacken hätten? Und wer bekäme von der älteren Generation dafür die Schuld, dass der Familienfrieden dadurch empfindlich gestört wurde? Richtig, die Mütter. Darüber denkt aber keine von ihnen so genau nach. Viele machen das alles einfach automatisch mit, fühlen sich verantwortlich, ohne dass es jemals groß thematisiert würde.

Frauen pflegen Schwiegereltern. Machen Männer das auch?

Es ist eine Tradition mit Verpflichtungsmacht, die in vielen Familien unausgesprochen wichtig bleibt. Ebenso wie sich viele Schwiegertöchter verpflichtet fühlen, die pflegebedürftigen Eltern des Ehemanns zu betreuen, aber kaum Schwiegersöhne das andersherum tun würden. Man hat ja einen Vollzeitjob. Frauen tun sich da offenbar schwer, die gleiche Haltung zu zeigen wie Männer – unter denen es dann aber doch überraschend viele gibt, die sich Heiligabend nach Bescherung, Braten und Dessert zurücklehnen und zu Kindern oder Enkeln sagen: „Na, war der Weihnachtsmann dieses Jahr nicht wieder fleißig?“

„Nein!!!“, möchte dann vielleicht manche Mutter rufen: „Nein! Das war ich! Ich habe übrigens auch den Weihnachtsmanndarsteller gebucht, der dieses Jahr mit Maske vor der Tür stand, und ihm genau aufgeschrieben, was er sagen soll.“

Und das ist die absurde Tragik der Weihnachtssituation in diesem Zusammenhang. Auch Mütter freuen sich, wenn die Kinder sich über den Besuch des – oh Gott! – alten weißen Mannes mit dem weißen Bart freuen. Und die meisten denken überhaupt nicht darüber nach, dass es Weihnachten schon wieder ist wie sonst oft im Alltag, wenn die viel zitierten „alten weißen Männer“ im Fokus der Geschehen stehen, einfach, weil sie es sind.

© istockphoto/Getty Images

Es gibt sogar ein Kinderbuch, in dem der Weihnachtsmann den ganzen Dezember über wegen Überarbeitung im Urlaub auf einer warmen Palmeninsel ist, während seine Frau mit den Wichteln den Laden schmeißt. Er kommt gerade rechtzeitig Heiligabend wieder, um das letzte Paket auszuliefern. Aber eigentlich kann der arme Weihnachtsmann ja gar nichts dafür, dass man ihm den ganzen Ruhm anhängt. Schließlich hat ihn sich jemand ausgedacht. Wer das war, weiß natürlich keiner mehr. Es gibt eine Fifty-Fifty-Chance, dass es eine Mutter war und kein Mann über 45. Die Sache mit den Wichteltüren haben sich ja auch Mütter ausgedacht.

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