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Sexismus und Schlampen-Demos: Nackte Frauen als Belohnung

Sex ist ein Mittel des Machterwerbs und der Machterhaltung. Auch in der Mitte der Gesellschaft ist es mit der Geschlechtergleichheit nicht weit her, wie einige Beispiele aus jüngster Vergangenheit eindrucksvoll belegen.

Von Anna Sauerbrey

Diese Frauen sind jung. Sie sind durchtrainiert. Sie sind ausgelassen. Ihr Haar ist zerzaust. Sie planschen im Wasser. Und jetzt raten Sie mal, was da mit den knappen weißen T-Shirts passiert. Na, läuft das Kopfkino? Nein? Dann sind Sie wahrscheinlich eine Frau. Wenn Sie ein Mann sind und mehr sehen wollen, können Sie sich die fünf Nachwuchsfußballerinnen, von denen hier die Rede ist und die sich im Namen des Frauenfußballs ausgezogen haben, im Internet anschauen. Wo, steht irgendwo im letzten Drittel des Textes. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Nackte Frauen als Belohnung, das funktioniert ja offenbar in Deutschland.

Wie frauenspezifische „Incentives“, also Boni, aussehen, weiß man nicht so recht, denn dort, wo sie verteilt werden, unter Außendienstmitarbeitern von Versicherungen zum Beispiel, gibt es nicht so viele Frauen. Dabei hätten eigentlich auch die Frauen in diesen Tagen etwas zu feiern. 50 Jahre Pille in Deutschland. 40 Jahre „Wir haben abgetrieben!“ Der „Stern“-Titel, der schließlich, viel später, zur Straffreiheit der Abtreibung führte, erschien am 6. Juni 1971. Nur wenige Monate, nachdem der Deutsche Fußballbund (DFB) das Verbot des Frauenfußballs aufgehoben hatte.

Doch der historische Moment wird kaum gewürdigt. Stattdessen reden wir über die Spermaspuren des Ex-IWF-Chefs in einem New Yorker Hotelzimmer und über den Betriebsausflug von Vertriebsmitarbeitern der Hamburg-Mannheimer zu Prostituierten nach Ungarn. Die Mehrheitsgesellschaft gibt sich schockiert. Wie kann es sein, dass in einem Land, in dem es „LehrerInnenzimmer“ gibt und ganze Heere von Frauenbeauftragten, ein Unternehmen solche Umtriebe zulässt?

Die Antwort ist: Der Sexismus ist von der gesellschaftlichen Fassade weg-gegendert worden. Aber in vielen Nischen wird er noch nicht einmal als solcher bezeichnet. Und auch in der Mitte der Gesellschaft, da, wo sich Frauen sicher fühlen, ist die Geschlechtergleichheit nichts als ein dünner Schleier, der fortbestehende Asymmetrien verhüllt.

Zunächst zu den Nischen. Halten konnte sich der Sexismus, das ist wenig überraschend, besonders gut in abgeschlossenen Zirkeln, dort, wo Männer unter sich sind oder die Regeln bestimmen. Zwar beteuert das Management der Hamburg-Mannheimer, es habe sich um einen Einzelfall gehandelt. In der Versicherungsbranche, unter Leuten, die Einblick in die Szene der Außendienstmitarbeiter haben, hat die Nachricht von der Sexreise aber kaum jemanden überrascht. Prostituierte gehören wohl eher, ebenso wie Trinkgelage, zur Nischen-Normalität. Erst durch die Außenperspektive wurde der Fall zum Skandal.

Auch die Welt des Dominique Strauss-Kahn, die Welt der Hochfinanz und des Topmanagements, ist eine geschlossene. Eine Welt, in der einer, dessen Verhalten Frauen gegenüber pathologische Züge trägt, über Jahrzehnte tun und lassen konnte, was er wollte, ohne dass ihn jemand zur Ordnung rief.

Eine Nische, die sich nun ein Stückchen öffnen will, ist die Sportwelt. Auch hier besetzen Männer alle Schlüsselfunktionen, sie dominieren die Verbände, die Sportmedien und die Sponsoren. Die Folge ist, dass über Frauensport weniger berichtet wird als über Männersport. Das Argument lautet stets, Frauensport sei weniger eindrucksvoll. Oder könnte es sein, dass es daran liegt, dass viele Sportlerinnen nicht dem Bild von Frau entsprechen, wie es Männer bevorzugen? Jedenfalls haben es diejenigen Sportlerinnen leichter, die diesem Ideal entsprechen: Tennisspielerinnen in kurzen Röcken. Beachvolleyballerinnen. Und natürlich die, die sich ausziehen.

Manager von Sportlerinnen nutzen Sex als genuines Vermarktungsinstrument. Für die Fifa-Frauen- WM taugte es nicht, die soll als Familienfest verkauft werden. Aber das böse Image der balltretenden Kampflesben will man, bitteschön, bei der Gelegenheit loswerden. Ein Mindestmaß an männlichem Ästhetikempfinden muss schon befriedigt werden. Der Slogan lautet deshalb: „20Elf von seiner schönsten Seite“.

Schockierender aber noch als das Zutagetreten frauenverachtender Praktiken in den Nischen der Gesellschaft ist, dass auch in der kuscheligen Mitte der Sexismus nicht so tief verbuddelt ist, wie viele Frauen gehofft hatten. Die Nachricht von der Verhaftung des Dominique Strauss-Kahn hat auf viele Männer regelrecht enthemmend gewirkt. Endlich mal wieder von der Leber weg im Büro und am Tresen das Wort „Erektion“ laut sagen. Man darf ja sonst nix mehr. Was die Vorstellung von der Szene im Sofitel in Männerköpfen auslöste, lässt sich auch bei den vielen sonst so seriösen Journalisten nachlesen, die das Geschehen kommentiert haben, wie eine erhellende Zusammenstellung im Tagesspiegel am Sonntag vor zwei Wochen zeigte. Da werden Frauen „rangenommen“, „verführt“, „angebaggert“ oder einfach „gefickt“. Da ist die Rede von „Appetit“, „Zügellosigkeit“ und dem „Reiz des schönen Geschlechts“. Rasch wurde alles zusammengerührt – Kachelmann, Schwarzenegger, Strauss- Kahn. Sex, Fremdgehen, Vergewaltigung.

Übrigens: Hübsch, so schrieben einige Zeitungen, soll die von DSK angegriffene Hotelangestellte nicht gewesen sein. Na, dann muss es wohl umgekehrt gewesen sein, oder? Sie hat sich wohl an ihn herangemacht. Schließlich ist er reich. Und mächtig.

Macht macht erotisch. Das war oft zu lesen in diesen Wochen, als Beweis wurden all die ledrigen alten Sarkozys und Matthäusse und Berlusconis und ihre deutlich jüngeren Partnerinnen/Freundinnen/Gespielinnen angeführt. Das ist falsch. Macht ist nicht sexy. Macht wird gelegentlich ausgenutzt, um Sex zu bekommen. Und wichtiger noch: Sex ist ein Mittel des Machterwerbs und der Machterhaltung.

Eine der bekanntesten und umfassendsten Definitionen von Macht findet sich bei Max Weber. Er definiert Macht als „jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“. Webers Definition ist auch deshalb so handlich, weil sich damit Formen subtiler, kaum sichtbarer Machtausübung greifen lassen. Weber hat erkannt, dass es zur Ausübung von Macht keines Kampfes, keines Zwanges bedarf, sondern lediglich einer irgendwie gearteten Asymmetrie zwischen dem, der seinen Willen durchsetzt, und dem, der diesem Willen folgen muss. Selbst in äußerlich scheinbar gleichwertigen Beziehungen kann Macht ausgeübt werden.

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Von Slut-Walkerinnen und der "Berlusconisierung" der Gesellschaft

Sex spielt in der besonderen Asymmetrie zwischen Mann und Frau, die weiterhin in vielen Teilen der Gesellschaft gegeben ist, eine große Rolle. In Kriegen dient Sex, wie nun wieder in Libyen zu beobachten ist, in Form von Vergewaltigung als Waffe, als Methode der Erniedrigung und Unterdrückung. In Unternehmen nutzen Chefs ihre übergeordnete Position aus, um Mitarbeiterinnen dazu zu bewegen, sich auf Verhältnisse einzulassen. Auch eine ehemalige IWF-Mitarbeiterin berichtete, wie Strauss- Kahn sie unter Druck gesetzt habe. Häufiger und letztlich wirksamer aber sind die subtileren Spielarten des Machtinstruments Sex. Die Sexualisierung von Frauenbildern betont die Asymmetrie zwischen ihnen und Männern. Es macht sie zu Objekten, zu Verfügungsmasse. Es nimmt ihnen die Gleichwertigkeit.

Dieser Aspekt ist auch von der Frauenbewegung betont worden – vielleicht manchmal zu stark. Sicher, die wenigsten Männer werden eine direkte Verbindung herstellen zwischen dem Plastikcharme eines hoch über dem Potsdamer Platz lasziv hingeworfenen Modelkörpers und einer Kollegin, Partnerin, Mitarbeiterin, Chefin, Haushaltshilfe. Doch die Dauerpräsenz solcher Bilder wirkt – auch auf das, was Frauen selbst für erstrebenswert halten. Die Fußballerin Kristina Gessat, eine der jungen Frauen, die sich nun im Vorfeld der WM für den „Playboy“ ausgezogen haben, sagte im Interview: „Wir wollen mit unseren Bildern ja auch dieses Mannweiberklischee widerlegen. Die Botschaft ist: Seht her, wir sind ganz normale - und hübsche – Mädels!“ Die Logik, die sich hier zeigt, ist die: Sport ist für Frauen nur dann in Ordnung, wenn der Körper ein femininer bleibt, wenn die Frau gleich in ihrer ganzen Fraulichkeit erkennbar ist, wenn sie für Männer begehrenswert bleibt. Das, was Sport sonst noch vermitteln kann – Siege, Fertigkeiten, Gemeinschaft – fällt dahinter zurück, im Vergleich zur Weiblichkeit des Körpers sind das Werte zweiter Klasse. Die Sexualisierung unseres Alltags macht etwas mit Männerhirnen. Aber auch mit Frauenhirnen.

Dürfen also, andersherum, Frauen nicht sexy aussehen? Verraten Kristina Gessat und ihre nackten Mitspielerinnen die Emanzipation? Die Teilnehmerinnen der sogenannten „Slut Walks“ würden das wohl eher verneinen. In Toronto, New York und anderen Städten gehen Frauen seit Anfang Juni immer wieder auf die Straße, um dafür zu demonstrieren, dass Frauen tragen dürfen, was sie wollen – auch Dinge, die extrem sexy, nuttig oder hässlich sind. Die erste Demonstration wurde in Toronto organisiert, nachdem ein Polizist an einer Universität vor Studenten gesagt hatte, wenn Frauen Vergewaltigungen vermeiden wollten, sollten sie sich eben nicht wie „sluts“, wie Schlampen, anziehen. Die Demonstrantinnen reklamieren den negativen Begriff nun für sich, sie demonstrieren im Look der Straßenprostituierten, oder gleich in Unterwäsche. Ihre Botschaft ist: Wir sind frei zu tun, was wir wollen.

Damit sind sie letztlich nicht weit von den Forderungen der Demonstrantinnen entfernt, die im Februar in Italien auf die Straße gingen, auch wenn die Botschaft auf den ersten Blick eine andere zu sein scheint. Die Italienerinnen protestierten gegen die Sexualisierung, die „Berlusconisierung“, der Gesellschaft. Zehntausende gingen in Rom auf die Straße und riefen: „Ora basta – Jetzt reicht es!“ Italien ist kein Bordell, war auf Plakaten zu lesen. Ein Widerspruch zu den Slut-Walkerinnen? „Wir wollen Protagonistinnen sein, nicht Lachobjekte in Männerwitzen“, sagte eine Italienerin einer Reporterin des „Spiegels“. Handelnde sein, Autonomie haben. Das sind Forderungen, die Italienerinnen und Kanadierinnen verbinden.

Macht, so schreibt Weber, kann durch gemeinsames Handeln prinzipiell weniger mächtiger Personen gemindert werden. Doch in Deutschland protestiert niemand. Der große Skandal, die eindeutige Übertretung der roten Linie, fehlt. Ein paar nackte junge Fußballerinnen? Nichts, was man nicht hätte kommen sehen. Nichts, was es nicht auch täglich auf der Seite eins der „Bild“ zu bewundern gäbe.

Doch dahinter steckt auch ein Trugbild, das unter den Frauen in Deutschland verbreitet ist. Die deutschen Frauen haben sich zufrieden eingemummelt in dem Glauben, alles erreicht zu haben. Die großen Themen sind abgearbeitet, die Asymmetrie im Verhältnis zwischen Mann und Frau ist im individuellen Leben oft nicht zu sehen, sondern tritt erst in den Statistiken zutage. Die Machtausübung geschieht so subtil, dass sie oft kaum zu greifen ist. Lasst uns in Ruhe, ist die Haltung der postfeministischen Generation. Wir haben genug damit zu tun, Muttersein und Berufstätigkeit unter einen Hut zu bringen und uns gegenseitig um das eine oder das andere zu beneiden.

Daran wird vermutlich die Frauen-Fußball-WM nichts ändern. Wenn es schlecht läuft, wird die WM mit dem ganzen Marketing-Wahnsinn aus Birgit-Prinz- Barbies, kitschigen Kätzchenlogos und Begleitpornografie auch noch diejenigen Mädchen versauen, die die Heidi-Klum-Gehirnwäsche unbeschadet überstanden haben. Vielleicht werden wir eine weitere Welle Minderjähriger erleben, die un-be-dingt Models oder Pornostars werden wollen.

Vielleicht begeistern sich aber auch einige Mädchen wirklich für den Fußball. Es wäre ein großer Gewinn. Auf dem Feld können sie lernen, wie gut es sich anfühlt, Protagonistin zu sein, nicht Objekt, Spielerin, nicht Zuschauerin. Sie könnten lernen, wie man Triumphe auskostet, was Kampfgeist bedeutet, wie man Niederlagen mit Würde erträgt, sich selbst überwindet und wieder aufrichtet. Und dass sich ein Körper vor allem gut anfühlen, nicht gut aussehen sollte.

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