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Eine Gaststätte in Prenzlauer Berg informiert ihre Gäste über die 2G-Regel.

© Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa

Tagesspiegel Plus

In Berlin gilt jetzt 2G : Kontrolle ist nicht nur besser, sie muss sein

Gastronomie und Betriebe sollen den Druck auf Impfunwillige erhöhen. Aber der Staat darf sie nicht allein lassen, sondern muss die neuen Regeln auch kontrollieren.

Ein Kommentar von Anke Myrrhe

Darf ich mal den Impfnachweis sehen? Diese Frage wird ab heute häufiger zu hören sein in Berlin und Brandenburg. Was in Österreich bereits als Lockdown für Ungeimpfte beschlossen wurde, heißt hier noch 2G, bedeutet aber nicht mehr viel weniger: Überall dort, wo in vorpandemischen Zeiten der Spaß war, dürfen nur noch Geimpfte und Genesene rein.

Ein Test – auch wenn er wieder kostenlos ist – reicht nicht mehr aus, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Auch Bayern führt diese Regel ab Dienstag ein, Sachsen hat es bereits vor einer Woche getan.

Während die anderen Bundesländer noch nach alternativen Lösungen zur Pandemiebekämpfung fahnden oder schlicht durch mehr Impfungen besser dastehen (Beispiel Bremen), schreitet Berlin also gewissermaßen voran – was nicht immer so war in dieser Pandemie, aber logisch erscheint in einer Stadt, in der Gastronomie nun mal eine größere Rolle spielt als, sagen wir, in Bitterfeld. Und vielleicht motiviert in der Stadt der Hipster(bärte) die Angst vorm Leben ohne Friseur den einen oder anderen nun doch zur Impfung.

Die Ungemütlichkeit der Lage erreicht schon die Ersten

Lange Schlangen vor den Impfzentren in den vergangenen Tagen deuten darauf hin, dass die Ungemütlichkeit der Lage zumindest einige erreicht, die bislang gezögert haben. Welchen Anteil die 2G-Ankündigung daran hat und wie hoch die Quote der Erstimpfungen ist, kann allerdings noch niemand sagen. Die nächste Stufe bereitet der Bund bereits vor: Die Rückkehr der Homeoffice-Pflicht und 3G am Arbeitsplatz: Dann müssten Beschäftigte ihren Impfstatus offenlegen, wie es Arbeitgeber seit Monaten fordern.

Fest steht: „Es wird ungemütlicher und komplizierter, nicht geimpft oder genesen zu sein“, wie es Berlins Noch-Regierender Michael Müller (SPD) kürzlich ausdrückte. Kompliziert ist aber vor allem die Frage: Wer soll das alles kontrollieren? Die Ordnungsämter aller Bezirke haben schon abgewunken: nicht zu leisten, nicht zu machen.

Beispiel Neukölln: Der Bezirk hat zuletzt rund 50 Kontrollen im Monat durchgeführt, also nicht einmal zwei pro Tag – weil es für den gesamten Bezirk mit mehr als 330000 Menschen genau eine Streife gibt. Und die muss (anders als im Lockdown, wo sie nur schauen musste, ob Licht brennt) jetzt reingehen, checken, diskutieren, aufschreiben – neben all dem anderen Irrsinn von Falschparkern bis Ruhestörern, von dem es ebenfalls mehr gibt als im Lockdown.

Lockdown - der Begriff verursacht nicht nur bei bei Gastronomen akute Schweißausbrüche.

Anke Myrrhe

Lockdown – dass dieser Begriff wieder im aktiven Wortschatz vieler Menschen angekommen ist, verursacht nicht nur bei den Gastronomen akute Schweißausbrüche – trotz aller Pläne der designierten Bundesregierung. 18 Monate Pandemie haben viele gelehrt: Dass morgen noch gilt, was gestern versprochen wurde, darauf kann sich niemand verlassen.

Schon gar nicht, wenn die eigene Existenz davon abhängt. Auch deswegen begrüßen viele Gastronomen in der Region, dass die Regeln nun klar sind und für alle gelten. Laut Hotel- und Gaststättenverband wünschen sich viele, dass regelmäßig kontrolliert wird: Weil das die Diskussion mit dem Stammgast erleichtert und jenen hilft, die sich schon jetzt an die Regeln halten.

Es gibt viele solcher Beispiele – von Fitnessstudios über Kinos bis hin zur Eckkneipe. Hier wird ganz ohne staatliche Kontrollen bereits akribisch darauf geachtet, dass die Impfung stimmt und der Ausweis auch – denn den meisten ist klar, was die nächste Stufe ist: alles dicht. Lockdown gilt für alle, egal ob sie sich vorher an die Regeln gehalten haben oder nicht.

Die Maßnahmenspirale ist bereits in vollem Gange, „2G plus Test“ längst im Gespräch. Berlin hat die 300er Marke bei der Sieben-Tage-Inzidenz am Wochenende überschritten. Es wird wieder überall gewarnt (Wissenschaft) und geweint (Intensivstationen). Die den Sommer über homöopatisch verteilten Appelle haben nicht gereicht, die Impfquote zu erhöhen. Nun sollen Gastronomen und Betriebe helfen, den Druck zu erhöhen. Die Politik darf sie dabei nicht allein lassen. Das heißt auch: Eine Lösung zu finden für regelmäßige Kontrollen.

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