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So sieht unsere Illustratorin das Thema.

© Illustration: Martha von Maydell

Tagesspiegel Plus

Über die Kunst des Gebens: Geschenke, ein Booster für die Seele

Sind schon alle Geschenke bereit für den Heiligabend? Über die Kunst des Gebens in tristen Zeiten und den besonderen Zauber gelungener Überraschungen.

Ein Essay von Susanne Kippenberger

In unserer Familie ist Weihnachten heilig. Wir lieben das Fest! Früher alle zusammen, heute in unterschiedlichen Konstellationen, der harte Kern in Berlin. Unsere Eltern sind schon lange tot.

1988 hat unser Vater noch gelebt. Gerade noch. Jahrelang hatte er mit seinem Siegerländer Dickschädel gegen den Krebs gekämpft, jetzt hatte er endgültig verloren. Für Weihnachten hatte er sich noch mal aufgerappelt, alle Kräfte mobilisiert. Da klingelte es an der Tür. Mein Bruder, den wir irgendwo unterwegs in der Welt wähnten, stand davor. Für unseren Vater war der unverhoffte Besuch das größte Geschenk. Zwei Monate später war er tot. Es gibt ein Foto von diesem Heiligabend, Vater und Sohn – die ein emotional ebenso enges wie schwieriges Verhältnis verband – zusammen mit unseren Patchworkbrüdern auf dem Sofa. Es hängt bei mir an der Küchenwand.

Unverhofft kommt oft? Von wegen! Viel zu selten. Dabei wäre die Überraschung gerade jetzt das Präsent der Stunde. Im Moment sind wir alle irgendwie Patienten und entsprechend bedürftig. Selbst wen das Virus nicht erwischt hat, fühlt sich krank im Gemüt. Alles dreht sich nur noch um Corona, und es dreht sich im Kreise. Erste Welle, zweite Welle, dritte, vierte ... Ein Murmeltiergefühl: immer das Gleiche.

Um aus dem Karussell auszubrechen, muss was Besonderes her. Was jedes Geschenk eh ist, aber die Überraschung aufs Außerordentlichste. Ein Blumenstrauß, den jemand zum Essen mitbringt, ist schön. Ein Strauß, der unverhofft auf dem Wohnzimmertisch steht, noch schöner.

Auch auf die Verpackung kommt es beim Schenken an.
Auch auf die Verpackung kommt es beim Schenken an.

© imago images/Müller-Stauffenberg

Vergangene Woche erreichte mich aus heiterem Himmel ein dicker Umschlag voller Orangenpapiere. In einem Radiointerview hatte ich mein Faible für diese zarten, mit Bildern bedruckten Seidenpapiere erwähnt, mit denen früher Apfelsinen eingewickelt wurden. Und nun schickte mir eine Hörerin ihre Kollektion, die sie vor langer Zeit zusammengetragen hatte. Jedes einzelne Papierchen glatt gestrichen, einige Bildchen heute befremdlich (häufiger sind Schwarze darauf abgebildet, als Exoten), andere zauberhaft bis lustig – Zebras, Struwwelpeter ... Nicht nur ästhetisch beglückend, lösten die Dinger sofort nostalgische Gefühle aus, Erinnerungen an jene Zeit, als Orangen noch was ganz Besonderes waren und zwischen Mandarinen, Nüssen und Marzipanbrot auf unserem Weihnachtsteller lagen. Die Dame hatte sich von ihrem Schatz getrennt, um mir, einer Unbekannten, eine Freude zu machen.

Hier geht’s um eine eigene, emotionale Währung

Um die geht’s doch, heute mehr denn je. In Zeiten der Pandemie braucht die Seele einen Booster. Und das Wunderbare am Schenken ist, dass nicht nur die Empfänger:innen was davon haben, sondern auch die Gebenden. Sich etwas Passendes für jemanden auszudenken, dann auch noch zu finden und zu verpacken, hat was Erfüllendes.

Dabei ist Großzügigkeit keine Frage des Portemonnaies. Der Wert eines Geschenks berechnet sich nicht nach den Euros, die man dafür zahlt, hier geht’s um eine eigene, emotionale Währung. Deswegen ist es auch so verletzend, wenn jemand sich offensichtlich keine Mühe gibt oder den Beschenkten völlig verkennt.

Es gibt Menschen, die glauben, was sie umsonst bekommen, ist auch nichts wert. Ich meine, das Gegenteil trifft zu. Es macht eine Sache kostbarer, wenn man sie geschenkt bekommt, statt sie sich selbst zu kaufen.

Auch die Orangenpapiere sind vermutlich keinen Cent wert. Der BSR müsste ich sogar noch Geld dafür geben, dass sie sie entsorgt. Gleichzeitig sind sie unbezahlbar – es gibt sie in keinem Laden zu kaufen. Das sind überhaupt die besten Geschenke: jene, die der oder die andere sich selber nicht kaufen kann. Sei es, weil das Geld fehlt, sei es, weil man nicht weiß, dass es das gibt, oder es unerreichbar ist. Ein Freund hat mir mal aus Russland eine riesige wackelnde Plastikpuppe mitgebracht, mit Pausbacken, aufgerissenen Augen und Kugelbauch, in dem Glöckchen stecken, sodass die „Roly-Poly“, die heute auf meinem Büroregal sitzt, bei Erschütterungen anfängt zu klingeln. Was manche erschreckt und mich erheitert.

Die Glücksgefühle auf beiden Seiten potenzieren

Die Überraschungsaktion ist das ultimative Gibt’s-nicht-zu-kaufen-Präsent. Eine Surprise-Party zu organisieren, dauert garantiert länger, als online was zu bestellen oder auf dem Weg in der Parfümerie zu besorgen – was im Zweifelsfalle dann unbenutzt im Badezimmerschrank vergammelt und ohnehin die Gefühle verletzt, weil der Überbringer sich nichts Originelleres hat einfallen lassen. Zeit ist das Kostbarste, was ein Mensch hat. Und gutes Geben ist wie gesagt keine Frage des Geldes, sondern der Empathie und Fantasie. (Natürlich auch von Zufall und Glück, weswegen zum Schenken unbedingt Gelassenheit dazugehört. Nicht jede Gabe kann eine Granate sein.)

Bei einer Überraschungsaktion werden die Glücksgefühle auf beiden Seiten garantiert potenziert. Schon die ganze Planung und Vorfreude schmiedet zusammen, die Geheimniskrämerei. So eine Überwältigung macht aus Erwachsenen, den Gebenden wie den Empfangenden, wieder Kinder. Und es ist wahre Nachhaltigkeit: Ein Überraschungsessen oder -fest, ein -ausflug, -wochenende oder -besuch bleibt ewig in Erinnerung.

Nun kann man nicht jeden Tag ein Happening veranstalten. Aber kleine Überraschungen in den Alltag pflanzen, das geht schon. Jemandem, der es gebrauchen kann, unverhofft ein Scheinchen zustecken. Ein Geschenk dahin legen, wo die oder der andere es nicht sofort sieht, sondern unerwartet entdeckt, in der Tasche, im Küchenschrank, wo auch immer. Oder im Briefkasten. Wie wär’s mit einer Postkarte – im Januar oder Februar. In der Weihnachtszeit rechnen alle mit einem Gruß, aber wenn die Feiertage vorbei sind, der graue Winter aber nicht – hört der nie auf? –, dann ist der Zeitpunkt für eine schöne, lustige, wie auch immer herzerwärmende Karte gekommen.

Der Schriftsteller Saša Stanišić hat vor Kurzem erzählt, dass er die Blumensträuße, die er bei Lesungen oft bekommt, verdutzten älteren Damen in Fußgängerzonen überreicht. Ein Herr, bei dem er Gleiches versuchte, lehnte allerdings ab. Das gehört dazu. Geschenke im Allgemeinen und Überraschungen im Besonderen erfordern Mut, das Ganze kann in die Hose gehen. Die Frau eines Freundes hatte sich verbeten, ihren runden Geburtstag zu feiern. Eine traurige Vorstellung, fand ihr Mann. Also hat er ihre engsten Freundinnen zu einem Surprise-Dinner eingeladen. Das Geburtstagskind war außer sich vor Wut.

Einfach schön: ein bunter Strauß.
Einfach schön: ein bunter Strauß.

© imago images/Val Thoermer

Die einfachste Form der Überraschung ist die Verpackung. Selbst wenn ich sehe und fühle, dass es sich um ein Buch handelt, weiß ich nicht, um welches. Verhüllung ist Verheißung, hat Christo gesagt, der größte Verpackungskünstler überhaupt. In diesem Jahr hat er, posthum, den Triumphbogen eingewickelt. Ich war in Paris, hab’s mit eigenen Augen gesehen: wie er das Denkmal und die Menschen verzaubert hat.

Umweltbewusstsein ist keine Entschuldigung für Faulheit

Erst die Verhüllung macht aus einer profanen Ware eine Gabe. Soziologen würden wohl von Überhöhung sprechen. Die Erwartung, der Moment der Verblüffung – das hat für mich etwas Magisches. Und wenn mir jetzt jemand moralapostelig kommt und prahlt: Ich überreiche meine Gaben immer unverpackt, der Umwelt zuliebe, werde ich grantig. Es sind nämlich oft dieselben Leute, die stapelweise im Internet bestellen, was dann – von garantiert un-fair bezahlten und behandelten Leuten – mit dem dann doch nicht so bösen Auto geliefert wird, oft die winzigste Sache in einem Riesenkarton. Aber die ganze Pappe kommt bestimmt aus einem ökologisch einwandfreien Zauberwald. Weihnachten darf man schon mal ein wenig glauben.

Umweltbewusstsein ist keine Entschuldigung für Faulheit. Auf die Frage, wie sie ihre Geschenke verpackt, hat meine Nichte gesagt: mit Liebe. Die Frage des Materials ist dann zweitrangig. Das kann Geschenkpapier sein, gekauftes oder recyceltes, wie meine Mutter es schon früher gemacht hat, ohne das Wort zu kennen. Sie hat von Präsenten das Tesafilm abgeknibbelt, die Schleife entknotet, das zerknitterte Papier und das Band glattgebügelt. Man kann auch ein Stück Stoff, eine Zeitschriftenseite, ein altes Kalenderblatt oder ein neues Küchentuch nehmen. Hauptsache, mit Liebe.

Auch das zarte Orangenpapier war ja eine Verpackung, die aus etwas Profanem wie einer Apfelsine eine Kostbarkeit machte. Niemand beherrscht diese Form der Verwandlung so perfekt wie die Japaner:innen. Da werden Äpfel zum Beispiel in geflochtene Ampeln gesetzt und überreicht. Ein Ausdruck von Respekt.

Wie wär’s mit Fantasie und Empathie?

In diesem Winter wurde schon viel über Lieferschwierigkeiten geklagt. Als könnten die nicht auch eine Chance sein. Man muss sich nur was einfallen lassen. So könnte man sich, wie die viel zitierte Dame mit den Orangenpapieren, von etwas trennen, was einem wichtig ist (nicht von Schrott, den man loswerden will!). Was jemand anderes vielleicht bewundert hat. Das schont auch die Umwelt: kein weiterer CO2-Ausstoß bei der Neuproduktion oder dem Transport. Keine großen Pappkartons.

Hier im Tagesspiegel stand kürzlich, was die Berliner:innen in diesem Jahr am liebsten verschenken. 47 Prozent sagten: Kosmetikartikel. Also, Leute! Wie wär’s mit Fantasie und Empathie?

Die Wunschlisten der Berliner:innen, die auf derselben Seite abgedruckt wurden, sprechen eine ganz andere Sprache. Unangefochten auf Platz eins stehen Urlaub und Reisen, mit 52 Prozent. Auf Platz zwei, gleichauf mit Geld: Karten für Veranstaltungen, Museen und Ähnliches (36 Prozent). Und gleich danach, mit nur einem Prozent weniger, folgt schon die Einladung zum Essen. Mit anderen Worten: Die Menschen schreien nach gemeinsamer Zeit.

Wie wär’s also mit einer Surprise? Wir alle (außer den Kontrollfreaks) wollen überrascht werden. Wer kennt sie nicht, die Enttäuschung als Kind, wenn man ein Weihnachtsgeschenk im Kleiderschrank der Eltern entdeckt hat. Das ganze Fest war verdorben.

Ein befreundeter Musiker hat sich in diesem Jahr in der ich-weiß-nicht-mehr-wievielten Welle immer wieder in den Wald gesetzt und Gitarre gespielt. Auf die Idee kam er bei Aufnahmen in einer Kapelle. Nach dem Zuhören berichteten einige der zufälligen Besucher, dass dies das erste kleine Konzert seit Langem gewesen sei – „und umso wertvoller, weil unverhofft“. So begann er Konzerte im Steigerwald zu geben, ohne Ankündigung, ohne Eintritt, im Freien. So, dass die dezente klassische Gitarrenmusik sich mit den Klängen des Waldes mischte, wie er erzählt. Die überraschten Wander:innen kamen näher, verweilten eine Weile und zogen wieder weiter.

„Im Wald Gitarre zu spielen“, sagt er, dem wie so vielen Musiker:innen Auftritte fehlten, „hat wirklich gutgetan.“

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