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© Celine Dirks/ Tagesspiegel

Tagesspiegel Plus

Mit Tattoo und Einhorn-Tasse ins Parlament: Das sind die neuen jungen Berliner Abgeordneten

Nach der Wahl sind viele junge Abgeordnete ins Berliner Parlament eingezogen. Sie bringen einen neuen Stil mit, andere Ideen. Aber wer sind sie – und was wollen sie?

21 Jahre alt ist Klara Schedlich. Damit ist die Grünen-Politikerin die jüngste Abgeordnete in dieser Legislaturperiode. Bei der ersten Plenarsitzung durfte sie im Präsidium Platz nehmen, nebenher studiert sie noch Maschinenbau. Viele neue, junge Gesichter sind in das Berliner Parlament eingezogen. Sie drücken den Altersdurchschnitt im Plenarsaal teils deutlich nach unten: Das Durchschnittsalter liegt in dieser Legislaturperiode bei 45 Jahren – in der vergangenen waren es 46,4. Die jüngste Fraktion haben die Grünen mit im Schnitt 42 Jahren, die älteste ist die AfD mit 50 Jahren im Durchschnitt.

Die Neuen bringen große Einhornteetassen mit, wollen Wohnungskonzerne enteignen oder streiten für die Sonntagsöffnung von Spätis. Man erkennt sie am Dutt, ihrer Goldkette, der Uhr vom Großvater oder dem Smartphone, das viele kaum mehr aus der Hand legen. Der Tagesspiegel stellt zehn neue, junge Abgeordnete anhand kurzer Fragebögen vor: Woran erkennt man sie, zu wem blicken sie auf, was wollen sie – und wovor nehmen sie sich im Parlament in Acht?


TOBIAS BAUSCHKE, FDP

Der 34-jährige Politiker Tobias Bauschke kommt aus Steglitz-Zehlendorf und ist dort auch politisch aktiv. Vor seiner Wahl ins Abgeordnetenhaus arbeitete der Liberale als Büroleiter einer Abgeordneten im Deutschen Bundestag.
Der 34-jährige Politiker Tobias Bauschke kommt aus Steglitz-Zehlendorf und ist dort auch politisch aktiv. Vor seiner Wahl ins Abgeordnetenhaus arbeitete der Liberale als Büroleiter einer Abgeordneten im Deutschen Bundestag.

© FDP Berlin

Ohne was wird man Sie nie sehen?
Ohne mein Täschchen mit den Ladekabeln für Laptop, Tablet und Handy.

Wovor wurden Sie im Parlament gewarnt?
Dass man jedes Jahr zunimmt. Daher gibt es eine strenge „Keine-Kekse-Regel“ für mich.

Wer ist Ihr politisches Vorbild?
Niemand, weil ich mir eher einzelne Handlungen und Haltungen als Vorbild nehme.

Was wird Ihr erstes politisches Projekt?
In den anstehenden Haushaltsberatungen kritisch darauf zu achten, dass Berlin dort investiert, wo es nötig ist, und spart, wo es angebracht ist.


ELIF ERALP, LINKE

Die 40-jährige Volljuristin Elif Eralp lebt in Friedrichshain-Kreuzberg. Bisher war sie Rechtsreferentin bei der Linksfraktion im Bundestag.
Die 40-jährige Volljuristin Elif Eralp lebt in Friedrichshain-Kreuzberg. Bisher war sie Rechtsreferentin bei der Linksfraktion im Bundestag.

© William Minke

Ohne was wird man Sie nie sehen?
Ich trage immer meine Panzergoldkette. Ansonsten bin gern abwechslungsreich und finde es leichter zu sagen, mit was man mich nie sehen wird: Kostümchen mit Pumps.

Wovor hat man Sie gewarnt?
Vor der Unvereinbarkeit von Familie und Beruf und vor den AfD-Abgeordneten.

Wer ist für Sie ein politisches Vorbild?
Angela Davis, weil sie als starke sozialistische Frau für Gerechtigkeit und gegen Rassismus kämpft. Und meine Eltern, weil sie sich für die Rechte von Arbeiter:innen und für Demokratie einsetzten, weswegen sie aus der Türkei fliehen mussten.

Was wird Ihr erstes Projekt?
Die Abschaffung stigmatisierender anlassloser Polizeikontrollen, die an rassistische Stereotypen anknüpfen.


CHRISTOPHER FÖRSTER, CDU

Der 35 Jahre alte CDU-Abgeordnete Christopher Förster kommt aus der Neuköllner Gropiusstadt. Vor seinem Mandat arbeitete er als Projektmanager.
Der 35 Jahre alte CDU-Abgeordnete Christopher Förster kommt aus der Neuköllner Gropiusstadt. Vor seinem Mandat arbeitete er als Projektmanager.

© CDU Berlin

Ohne was wird man Sie nie sehen?
Ohne meine Brille, denn Durchblick ist in der Politik immer wichtig.

Wovor hat man Sie gewarnt?
Ich wurde davor gewarnt, auf keinen Fall im Plenarsaal Wasser zu trinken. Das ist verboten.

Wer ist für Sie ein Vorbild?
Eberhard Diepgen, weil er Berlin in einer entscheidenden Phase geprägt hat und er auch seinen Wahlkreis in der Gropiusstadt hatte.

Ihr erstes Projekt?
Ich kämpfe mit meinem ersten Antrag (Drs 19/0017) für den Weiterbetrieb der Brunnengalerie im Neuköllner Blumenviertel, die der Senat abschalten will. Sie schützt die Anwohner dort vor hohem Grundwasser und feuchten Kellern. Die Menschen dort dürfen nicht in Angst vor nassen Füssen leben, sie brauchen eine dauerhafte Perspektive.


TAMARA LÜDKE, SPD

Die SPD-Politikerin Tamara Lüdke ist 30 Jahre alt und hat ihre politische Heimat in Lichtenberg. Lüdke arbeitet dort bislang als Referentin im Bezirksamt unter anderem im Bereich Stadtentwicklung. 
Die SPD-Politikerin Tamara Lüdke ist 30 Jahre alt und hat ihre politische Heimat in Lichtenberg. Lüdke arbeitet dort bislang als Referentin im Bezirksamt unter anderem im Bereich Stadtentwicklung. 

© Sabrina Wagner/SPD Berlin

Ohne was wird man Sie nie sehen?
Meine Tattoos, auch wenn sie jetzt im Winter leider weniger sichtbar sind.

Wovor hat man Sie im Parlament gewarnt?
Am ersten Sitzungstag hat die Sicherheitskontrolle im Abgeordnetenhaus gewarnt: „Behalten Sie bloß Ihren Humor!“

Wer ist für Sie ein Vorbild?
Meine Großmutter, weil sie mir beigebracht hat, dass es kein Hindernis sein darf, eine Frau zu sein und dass man dafür streiten muss.

Ihr erstes Projekt?
Ein rechtssicheres Paritätsgesetz, damit in Zukunft noch mehr junge Frauen die Chance bekommen, die Berliner Politik mitzubestimmen.


LAURA NEUGEBAUER, GRÜNE

Die 26 Jahre alte Grünen-Politikerin studiert Wirtschaftsingenieurswesen, davor hat sie eine Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau abgeschlossen. Ihre politische Heimat ist der Bezirk Mitte.
Die 26 Jahre alte Grünen-Politikerin studiert Wirtschaftsingenieurswesen, davor hat sie eine Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau abgeschlossen. Ihre politische Heimat ist der Bezirk Mitte.

© Vincent Villwock/ Fraktion Bündnis 90/Die Grünen

Ohne was wird man Sie nie sehen?
In der Bezirksverordnetenversammlung von Mitte waren riesige Teetassen mein Markenzeichen. Aber im Plenarsaal ist ja selbst Wasser trinken verboten. Deshalb steht jetzt in meinem neuen Büro im Abgeordnetenhaus eine gewaltige Teetasse mit Einhörnern drauf.

Wovor hat man Sie gewarnt?
Davor, den Kontakt zu den Menschen im Wahlkreis zu verlieren. Gerade wegen dieser Warnung bin ich schon seit dem Montag nach den Wahlen auf der Suche nach einem Bürger:innenbüro und suche leider immer noch. Also falls jemand einen Tipp hat …

Wer ist für Sie politisches Vorbild?
Ich mache gerne mein eigenes Ding, finde aber Politikerinnen wie Jacinda Ardern und Sanna Marin sehr inspirierend.

Ihr erstes Projekt?
Auf meiner Prioritätenliste steht der Bibliotheksentwicklungsplan ganz oben! Moderne Kiezbibliotheken sind viel mehr als leere Bücherhallen. Jede Bibliothek hat die Chance, das Herz ihres Kiezes zu werden.


ORKAN ÖZDEMIR, SPD

Der 38 Jahre alte SPD-Politiker Orkan Özdemir kommt aus dem Norden von Schöneberg. Vor seinem Mandat arbeitete er unter anderem als Referent in der Innenverwaltung.
Der 38 Jahre alte SPD-Politiker Orkan Özdemir kommt aus dem Norden von Schöneberg. Vor seinem Mandat arbeitete er unter anderem als Referent in der Innenverwaltung.

© Sabrina Wagner/SPD Berlin

Ohne was wird man Sie nie sehen?
Ich trage grundsätzlich einen Dutt, da ich sehr dichtes und lockiges Haar habe. Außerdem habe ich immer Lust auf Dialog und gute Laune, wenn mich Menschen auf der Straße ansprechen. Also: Keine Scheu!

Wovor hat man Sie gewarnt?
Vor der immerwährenden Polemik und Provokation der AfD.

Wer ist für Sie ein Vorbild?
Willy Brandt. Er war einer der ersten, der seine politische Comfort Zone verlassen und Out of the Box gedacht und gehandelt hat. Stichwort: Kniefall. Das waren jetzt viele Anglizismen.

Ihr erstes Projekt?
Die Neue Rechte samt ihrem politischen Arm im Parlament herausfordern und ihre Netzwerke aufdecken.


ROMAN-FRANCESCO ROGAT, FDP

Der 32 Jahre alte Liberale Roman-Francesco Rogat hat seine politische Heimat in Marzahn-Hellersdorf. Er ist IT-Systemkaufmann und war bislang Büroleiter der FDP-Abgeordneten Sibylle Meister.
Der 32 Jahre alte Liberale Roman-Francesco Rogat hat seine politische Heimat in Marzahn-Hellersdorf. Er ist IT-Systemkaufmann und war bislang Büroleiter der FDP-Abgeordneten Sibylle Meister.

© FDP Berlin

Ohne was wird man Sie nie sehen?
Bei Plenarsitzungen trage ich immer die Uhr meines verstorbenen Großvaters.

Wovor hat man Sie gewarnt?
Vor allem davor, dass viele Projekte sich leider nicht von heute auf morgen umsetzen lassen und man deswegen Geduld braucht.

Wer ist für Sie ein Vorbild?
Barack Obama, weil er Wahlen mit einer vollumfänglichen, positiven Kampagne gewonnen hat.

Ihr erstes Projekt?
Dass Spätis endlich auch sonntags legal öffnen dürfen.


KLARA SCHEDLICH, GRÜNE

Die 21 Jahre alte Maschinenbaustudentin Klara Schedlich ist die jüngste Abgeordnete im Berliner Parlament. Sie ist die einzige Grünen-Abgeordnete aus Reinickendorf. Dort war sie auch Bezirksvorsitzende. 
Die 21 Jahre alte Maschinenbaustudentin Klara Schedlich ist die jüngste Abgeordnete im Berliner Parlament. Sie ist die einzige Grünen-Abgeordnete aus Reinickendorf. Dort war sie auch Bezirksvorsitzende. 

© Christophe Gateau/dpa

Ohne was wird man Sie nie sehen?
Rucksack und Handy vermutlich. Ich versuche, für Social Media meinem Arbeitsalltag gut zu dokumentieren und transparent zu machen.

Wovor hat man Sie im Parlament gewarnt?
Dass man kein Privatleben mehr hat, viel zu viel arbeitet und oft frustriert ist, weil alles länger dauert als man das möchte.

Wer ist für Sie ein Vorbild?
Ich habe keine einzelne Person als Vorbild. Aber ich habe in meiner Partei total beeindruckende Menschen kennengelernt, die alles geben für ihre Visionen. Sie inspirieren mich.

Ihr erstes Projekt?
Wahlalter 16!


NIKLAS SCHENKER, LINKE

Vor seinem Mandat war der 28-jährige Niklas Schenker wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag. Seine politische Heimat ist der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf.
Vor seinem Mandat war der 28-jährige Niklas Schenker wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag. Seine politische Heimat ist der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf.

© Linke Berlin

Ohne was wird man Sie nie sehen?
Seit dem Wahlkampf trage ich immer ein Feuerzeug von „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ bei mir – eine gute Gelegenheit, um darüber mit Menschen ins Gespräch zu kommen.

Wovor hat man Sie gewarnt?
Vor vielen kurzen Nächten. Und wichtiger noch, den Blick auf das zu verlieren, was real in der Stadt los ist. Deshalb bleibt für mich auch der Austausch und das gemeinsame Handeln mit der Stadtgesellschaft extrem wichtig.

Wer ist für Sie ein Vorbild?
Es ist natürlich ein Klischee, aber Rosa Luxemburg inspiriert mich immer noch sehr.

Ihr erstes Projekt?
Natürlich die Vergesellschaftung der großen privaten Immobilienkonzerne, also die Umsetzung des Volksentscheids „Deutsche Wohnen & Co enteignen“. Mehr als eine Million Berliner:innen haben sich klar entschieden – jetzt muss die neue Landesregierung liefern.


BJÖRN WOHLERT, CDU

Der CDU-Politiker Björn Wohlert ist 33 Jahre alt. Er stammt aus Reinickendorf. Vor seiner Wahl ins Abgeordnetenhaus saß er dort in der Bezirksverordnetenversammlung und arbeitete als Referent für Online-Kommunikation.
Der CDU-Politiker Björn Wohlert ist 33 Jahre alt. Er stammt aus Reinickendorf. Vor seiner Wahl ins Abgeordnetenhaus saß er dort in der Bezirksverordnetenversammlung und arbeitete als Referent für Online-Kommunikation.

© CDU Berlin

Ohne was wird man Sie nie sehen?
Ohne digitales Endgerät. Als Abgeordneter möchte ich weitgehend papierlos arbeiten.

Wovor hat man Sie gewarnt?
Dass die Oppositionsarbeit nicht nur eine große Herausforderung ist, sondern auch sehr schnell ernüchternd werden könne. Ich sehe das aber als Chance, in den nächsten fünf Jahren gezielt für eine lösungsorientierte Politik zu werben. Da, wo Kompromisse oder gar Übereinstimmungen möglich sind, werde ich die Zusammenarbeit mit Entscheidungsträgern des Senats suchen. Die Menschen in dem Wahlkreis, den ich vertrete, erwarten zu Recht konstruktive Lösungen statt Dauerstreit.

Wer ist für Sie ein Vorbild?
Ein politisches Vorbild habe ich nicht. Jeder muss seinen eigenen authentischen Stil finden und zuhören, was die Menschen bewegt. Am meisten inspirieren mich Gespräche mit allen, die sich in vielfältiger Weise beruflich und ehrenamtlich für unser Gemeinwesen engagieren.

Ihr erstes Projekt?
Ich möchte Konzepte zur Bekämpfung der illegalen Vermüllung, für eine nachhaltige Mobilitätswende und zur Stärkung der sozialen Infrastruktur in Reinickendorf einbringen.

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