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2,8 Millionen Menschen ohne Job : Jeder vierte neue Arbeitslose kommt aus Berlin

Noch nie gab es so viele Kurzarbeiter, die Zahl der Menschen ganz ohne Job steigt. Und bei einer zweiten Welle dürfte es noch dramatischer werden.

Die Gastronomie hat die Kurzarbeit sehr stark nutzen müssen.
Die Gastronomie hat die Kurzarbeit sehr stark nutzen müssen.Foto: dpa

Die Corona-Krise lässt die Zahl der Arbeitslosen weiter steigen. Die Kurzarbeit erreicht ein Rekordniveau. Immer mehr Menschen benötigen Hartz IV. Wie dramatisch ist die Arbeitssituation für die Menschen? Und was würde geschehen, wenn die Infektionszahlen wieder deutlich steigen?

Wie viele Menschen haben inzwischen ihren Job verloren?

Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland ist wegen der Folgen der Corona-Krise erneut gestiegen. Im Juni waren 2,85 Millionen Menschen ohne Job, 40.000 mehr als noch im Mai und 637.000 mehr als vor einem Jahr, wie die Bundesagentur für Arbeit am Mittwoch in Nürnberg mitteilte. Die Arbeitslosenquote stieg leicht um 0,1 Prozentpunkte auf 6,2 Prozent. Im Vergleich zum Mai ging es damit vergleichsweise moderat nach oben.

Besonders dramatisch ist die Lage in Berlin, wo die Arbeitslosenzahl im Juni auf 209.360 gestiegen ist. Das waren 8719 Männer und Frauen mehr als im Mai und 56.745 mehr als im Juni des vergangenen Jahres, wie die Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit (BA) am Mittwoch mitteilte. Von den rund 40.000 neu gemeldeten Arbeitslosen in ganz Deutschland ist damit fast jeder Vierte aus Berlin.„Der Arbeitsmarkt im Juni, in dem sonst Arbeitslosigkeit zurückgeht, ist besonders in Berlin weiter unter Druck“, sagte der Leiter der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg, Bernd Becking.

Insgesamt sind durch die Corona-Krise zwischen April und Juni 638 000 Menschen arbeitslos geworden. „Das heißt jeder fünfte in diesem Zeitraum ist sozusagen der Corona-Pandemie geschuldet“, sagte der BA-Vorstandschef Detlef Scheele, bei der Vorstellung der Juni-Statistik. Immer mehr Menschen sind außerdem auf Hartz IV angewiesen. Die Zahl der Betroffenen habe im Juni bei 4,1 Millionen gelegen, 152 000 Personen mehr als im Juni 2019. Damit waren im Juni nach Angaben der Bundesagentur 7,5 Prozent der Personen im erwerbsfähigen Alter auf staatliche Hilfe angewiesen.

Nach der Meinung von Volkswirten könnte im Sommer die Grenze von drei Millionen Arbeitslosen erreicht oder leicht überschritten werden. Scheele glaubt das nicht. Und was im Winter komme, hänge von vielen Unwägbarkeiten ab, darunter auch die Frage, ob es zu einer weiteren Viruswelle im Herbst kommt. Er sagt: „Wenn eine zweite Welle ausbleibt, wenn die Lockerungen insbesondere im Tourismus und der Gastronomie über den Sommer greifen, wenn sich die Stimmung der Konsumenten ändert, wenn wir wissen, was die Pandemie generell an Verhaltensänderung ausgelöst hat, bei Reisen, dann würde ich sagen, sind wir auf einem guten Weg.“

Wie viele befinden sich noch in Kurzarbeit?

Im April sei der höchste jemals erreichte Stand an Kurzarbeitern in der Bundesrepublik erreicht worden, teilte die Arbeitsagentur mit. Demnach waren im April 6,83 Millionen Menschen in Kurzarbeit, nach 2,49 Millionen, die noch im März gemessen wurden. Insgesamt haben in der Corona-Krise inzwischen Betriebe für mehr als 12 Millionen Menschen Kurzarbeit angemeldet. Zu den 11,8 Millionen im März, April und Mai kamen im Juni noch einmal Anzeigen für 342 000 Menschen hinzu, berichtete die Bundesagentur. Erfahrungsgemäß wird Kurzarbeit nicht in allen angezeigten Fällen realisiert. Die Bundesagentur rechnet mit den Betrieben mit einer Verzögerung von drei Monaten ab. „Der Arbeitsmarkt ist wegen der Corona-Krise weiterhin unter Druck“, sagte der Vorstandschef der Bundesagentur, Detlef Scheele. „Der massive Einsatz von Kurzarbeit stabilisiert aber den Arbeitsmarkt.“

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Nach Angaben des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung war im Mai jeder fünfte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Kurzarbeit. Im Durchschnitt fiel 58 Prozent der Arbeitszeit aus. 24 Prozent der Kurzarbeiter hätten überhaupt nicht gearbeitet. Rund die Hälfte der Unternehmen stockte das von der Bundesagentur für Arbeit bezahlte Kurzarbeitergeld für ihre Beschäftigten auf. Regional waren mit rund 25 Prozent die Regionen Baden-Württemberg und Niedersachsen-Bremen am stärksten von Kurzarbeit betroffen, die Regionen Berlin-Brandenburg sowie Rheinland-Pfalz mit 18 und 17 Prozent am wenigsten.

Was würde eine zweite Infektionswelle bedeuten?

„Bisher ist die Reaktion bei den Entlassungen angesichts des großen Wirtschaftseinbruchs noch sehr robust“, sagt Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). „Es ist aber fraglich, wie viele Betriebe ihre Arbeitskräfte auch über einen zweiten Shutdown halten oder wirtschaftlich überhaupt überleben könnten.“ Allein die Unsicherheit, was über den Sommer hinweg geschehen wird, ob die Infektionszahlen zunehmen und es wieder zu mehr Einschränkungen kommt, lasse die Betriebe bei Neueinstellungen noch zurückhaltender sein. Betroffen davon sind junge Menschen, die eine Ausbildung beginnen wollen und ebenso Fachkräften, die nach einem neuen Job suchen. Dominik Groll vom Institut für Weltwirtschaft Kiel, glaubt sogar: „Käme es zu einem zweiten bundesweiten Shutdown, dürften die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt gravierender ausfallen als beim ersten Shutdown.“

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Während die Phase im Frühjahr als absolute Ausnahmesituation wahrgenommen worden sei, dürften sich die Erwartungen durch ein erneutes Herunterfahren der Wirtschaft grundlegend ändern. Die Hoffnung, dass das Gröbste überstanden ist, wäre dahin. Viele Unternehmen könnten wohl nicht wieder auf Kurzarbeit setzen, sondern müssten Angestellte entlassen.

Fraglich ist auch, wie eine zweite Welle finanziert werden könnte. „Ein Großteil der Finanzpolster der Bundesagentur für Arbeit (BA) wurde bereits durch den Anstieg der Arbeitslosigkeit und massiven Einsatz von Kurzarbeit im Zuge des Lockdowns der ersten Welle beansprucht“, sagt Oliver Stettes vom Institut der deutschen Wirtschaft  Köln. Es sei aus seiner Sicht ziemlich unklar, wie viele Finanzreserven noch einmal mobilisiert werden könnten. Tatsächlich steuert die BA wegen der immensen Ausgaben für das Kurzarbeitergeld und auch für mehr Arbeitslosengeld schon jetzt auf ein Defizit von mehr als 30 Milliarden Euro zu. Allein für Kurzarbeit hat die Behörde im laufenden Jahr schon 7,8 Milliarden Euro ausgegeben. 2009, im Jahr der Finanzkrise 2009, flossen dafür 4,6 Milliarden. Die Behörde verfügt über eine Rücklage von 26 Milliarden Euro. Den Rest muss der Bund über einen Zuschuss oder Kredit ausgleichen.

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