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Ein Polizeibeamter in Kabul verbrennt eine Flagge der Taliban.

© Reuters

Nach Koranverbrennung: Afghanen wüten gegen den Westen

Die Koranverbrennungen auf der US-Militärbasis in Bagram lassen einen Zorn ausbrechen, der seit langem schwelt.

Fünf Minuten sollen die Exemplare des Korans im Ofen gelegen haben, fünf Minuten, bis afghanische Arbeiter sie aus den Flammen holten. Und diese fünf Minuten haben am Freitag den vierten Tag in Folge tausende Afghanen auf die Straßen getrieben. Wieder tönte es „Tod Amerika“ und „Lang lebe der Islam“. Wieder brannten Reifen, flogen Steine und Molotowcocktails. Die Amerikaner hätten den Taliban kaum eine bessere Vorlage liefern können, um die Wut gegen die ausländischen „Invasoren“, wie sie die Isaf-Truppen nennen, anzustacheln. Prompt riefen sie zu blutiger Rache für die Koranschändung auf. Die Entschuldigung von US-Präsident Barack Obama wiederum hat die Menschen nicht besänftigt.

Die Koranverbrennungen waren der Funke, der einen seit langem schwelenden Zorn ausbrechen ließ. „Wir protestieren nicht nur gegen die Entehrung des Korans, wir protestierten auch gegen den Mangel an Respekt gegenüber unseren Toten, gegen die Tötung unserer Kinder“, sagte der 60-jährige Maruf Hotak Journalisten. Er bezog sich auf ein Video, in dem US-Soldaten auf afghanische Leichen urinierten. Und auf einen Luftschlag in Kapisa Provinz, bei dem acht junge Afghanen starben.

Dazu kommt die Enttäuschung, dass trotz des jahrelangen Einsatzes der internationalen Truppen und trotz der Milliarden von Geldern, die ins Land geflossen sind, die Lebensumstände in Afghanistan so ungleich sind wie noch nie. Denn auch wenn das Land Wachstumsraten verzeichnet und Rohstoffe besitzt, so profitieren davon nur einige wenige. Diese aber stellen ihren Reichtum dafür offensiv zur Schau und schüren damit den Zorn der Massen.

Vor allem die US-Amerikaner stehen in dem Ruf, im Umgang mit der anderen Religion unsensibel zu sein.

Die Koranschändung allerdings ist ein besonderes Debakel für das Ansehen der ausländischen Truppen. Zehn Jahre Einsatz am Hindukusch haben ausländische Soldaten und Afghanen einander nicht nähergebracht. Hatten die Afghanen die Westler anfangs mit offenen Armen empfangen, wächst inzwischen der Hass auf die Amerikaner, vielleicht auf den Westen insgesamt. Die Amerikaner hätten wenig Ahnung von Afghanistans komplexen Stammessystemen und religiösen Gebräuchen, meinte Bagrams Polizeichef Abdul Hafiz Mutawakkil. „Sonst würden sie nicht eine solche Dummheit begehen.“ Dass Nato-Kommandant US-General John Allen umgehend zusätzliches Training der Soldaten im Umgang mit religiösem Material anordnete, kommt jetzt ein wenig spät.

Was konkret am Montag auf dem US-Stützpunkt Bagram nahe Kabul geschah, lässt sich inzwischen relativ genau rekonstruieren. Die Agentur Reuters sprach mit Sayed Jamil, einem der afghanischen Arbeiter, die beim dem Vorfall dabei waren. Drei US-Soldaten hätten Dutzende Exemplare des Korans von einem Wagen geladen und in einen Ofen geworfen, sagt der 22-Jährige. Die umstehenden Afghanen hätten protestiert, schließlich seien die drei US-Soldaten mit ihrem Wagen geflohen. Die Arbeiter hätten dann mit bloßen Händen acht Kopien des Korans aus den Flammen gerettet. Isaf-Sprecher Carsten Jacobson bestätigte, dass US-Soldaten „mit einer größeren Menge religiöser Schriften“ zur Verbrennungsanlage gefahren waren. Dort seien dann afghanische Arbeiter darauf aufmerksam geworden, dass Exemplare des Korans verbrannt werden sollten.

Wer den Befehl zur Verbrennung der Schriften gegeben habe, werde noch untersucht, sagt Jacobson. Das Ergebnis dieser Untersuchung werde dann „die strafrechtliche Verfolgung bestimmen“.

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