AKK beim Karneval : Ein Klowitz als traurige Bilanz

Was macht den Mann aus? Die Art, wie er pinkelt. Jedenfalls im Verständnis der CDU-Chefin. Und trinken tut er Schnaps. Muss das wirklich sein? Eine Kolumne.

Nur echt mit Narrenkappe: CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer beim Karneval.
Nur echt mit Narrenkappe: CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer beim Karneval.Foto: dpa

Ich muss zugeben, dass das Karnevalsspektakel zur Prime Time im Fernsehen mich jedes Jahr fassungslos macht. Seriöse Lokalgrößen mit spitzen Hütchen auf dem Kopf, mit Turbanen oder Micky-Mouse-Ohren sitzen an langen Tischreihen und versuchen, lustig zu sein. Sie gießen eine astronomische Menge Bier in sich hinein, stoßen merkwürdige Laute aus – Helau! Alaaf! –, schunkeln, bewerfen sich mit Konfetti. Und vor allem lauschen sie den Witzen eines Tribuns, der in meinen Ohren eher wie ein verklemmter Pfarrer als wie ein Hofnarr klingt, und lachen sich dabei halb tot.

Dieses Jahr gebührt ganz ohne Zweifel Annegret Kramp-Karrenbauer der Oscar für den plattesten Witz. Sie hat ein Bild unserer sich rasch wandelnden Zeit gezeichnet, das ziemlich beunruhigend ist. Vor allem, wenn man bedenkt, dass AKK die potenzielle Thronfolgerin von Angela Merkel ist.

Hauptsache, Biedermann lacht!

Es ist bekannt, dass Spitzenpolitiker sich nicht gerade des subtilsten Humors bedienen, um die Narren zum Lachen zu bringen: Witze unter der Gürtellinie, plumpe sexuelle Anspielungen, sexistische Ausdrücke – nichts ist zu schade, um den Biedermann zu erheitern. AKK hat dies gerade brillant unter Beweis gestellt.

Ihre Büttenrede hat einen Sturm moralischer Entrüstung losgetreten. Diskriminierung! Affront! Was für eine Verachtung denjenigen gegenüber, die weder Frauen noch Männer sind! Seine Position nutzen, um sich über Minderheiten lustig zu machen, wie feige! Unser Berliner Bürgermeister Michael Müller, aufrechter Vertreter der Tugend, hat AKK sogar Mangel an „Anstand“ vorgeworfen.

Aber abgesehen von diesem Verstoß gegen die strengen Regeln des politisch Korrekten ist es AKKs Bild von Männlichkeit, das ich fragwürdig finde. Also sind nur diejenigen, die ihr Bier in einem Zug austrinken, einmal ordentlich rülpsen und dann im Stehen pinkeln und das gesamte Badezimmer vollspritzen richtige, ich meine: echte, ordentliche Männer?

Darum geht's also: Wer wie pinkelt

Muss man im Jahr 2019 noch so eine Dichotomie zwischen den Latte Macchiato schlürfenden Schlappschwänzen, die auf intersexuelle Toiletten gehen und dem guten, alten, Schnaps trinkenden Rambo aufmachen, der ganz genau weiß, welchem Geschlecht er angehört und insofern seine Blase ohne zu zögern auf Seiten der Männer leert? Abgesehen davon kenne ich kein anderes Land, in dem es überhaupt eine Debatte um „Pinkeln-im-Sitzen-oder-im-Stehen“ gibt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Was mir am allermeisten auffällt, ist die völlige Humorlosigkeit und der Mangel an Selbstironie bei AKK. Es genügt nicht, mit einer Baskenmütze auf dem Kopf beim Stockacher Narrengericht aufzutreten und einen Witz auf dem Niveau eines Kindes in voller analer Phase zu reißen.

Um das „Stück Tradition und Kultur in Deutschland“ zu retten, von dem AKK fürchtet, es könne verschwinden, fällt mir nur eine radikale Lösung ein: Bitte, verbietet Politikern an Karneval auf die Bühne zu gehen. Sie sollten sich an das halten, was sie können, statt die Narren zu spielen: anständige Sonntagsreden halten, die niemanden zum Lachen bringen sollen. Sie wären eine Pflichtübung los und wir eine Qual.

- Übersetzung aus dem Französischen: Odile Kennel

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