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Ukraine: Angst vor dem EM-Boykott

Der Fall Timoschenko und die Anschläge in Dnjepropetrowsk belasten wenige Wochen vor der Fußball-EM in der Ukraine das Ansehen des Landes. Wie geht die Ukraine mit dieser Situation um?

„Kommt Merkel nicht zur EM, wenn Timoschenko nicht freigelassen wird?“, fragte am Sonntag besorgt die unabhängige Internetzeitung „Ukrainskaja Prawda“. Zwei Tage nach den geheimnisvollen Bombenanschlägen in Dnjepropetrowsk und einen Tag nach der Aufnahme eines zweiten Strafprozesses gegen die bereits inhaftierte Oppositionsführerin Julia Timoschenko vermeldeten ukrainische Onlinedienste den ganzen Sonntag über aufgeregt immer neue Boykottdrohungen für die Fußball-Europameisterschaft. Auch Italien würde sich nun wohl dem deutschen Boykott anschließen, schrieb die „Ukrainskaja Prawda“. Nachdem der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck einen Termin auf der Krim abgesagt hatte, sorgt man sich in dem Land, dass das einen Dominoeffekt auslösen könnte.

Die Sorge um Timoschenko in Bildern:

Umso angestrengter arbeiten die ukrainischen Sicherheitskräfte, um die Hintergründe der vier Bombenexplosionen aufzuklären. „Wir verstehen sehr wohl, dass wir die Verbrecher in kürzester Zeit finden müssen“, sagte Staatspräsident Viktor Janukowitsch am Samstag bei einem Besuch von Verletzten in Dnjepropetrowsk. Janukowitsch setzte eine Belohnung von umgerechnet 175 000 Euro für die Ergreifung der Attentäter aus. Der Geheimdienst SBU hat am Sonntag Phantombilder von drei Verdächtigen veröffentlicht. Die Männer zwischen 30 und 45 Jahren würden wegen „terroristischer Attentate“ gesucht, teilte die SBU-Zweigstelle in Dnjepropetrowsk mit. Zu den möglichen Motiven der Verdächtigen machte der SBU keine Angaben. Ein Unbekannter namens „Eurobomber“ hatte am Samstag auf einer örtlichen Nachrichtenseite im Internet erklärt, gemeinsam mit einem Komplizen Anschläge in Dnjepropetrowsk verübt zu haben.

Noch am Freitag hatte die immer autoritärer auftretende Staatsmacht die Motive bereits ausgemacht und von Terroristen gesprochen. Premierminister Mykola Azarow bezichtigte auf Facebook die demokratische Opposition der Anschläge. Am Samstag war sich Janukowitschs Staatsapparat seiner Sache nicht mehr so sicher. Er sehe eher kriminelle als politische Hintergründe, erklärte nun Vizegeheimdienstchef Wladimir Rokitski.

Sprengstoffanschläge sind in der Ukraine keine Seltenheit

Auf ukrainischen Onlinediensten wurden am Wochenende zahlreiche Hypothesen heiß diskutiert. Die Opposition sieht in den Anschlägen einen Versuch der Scharfmacher auf Regierungsseite, einen Vorwand für die Einführung des Ausnahmezustands zu schaffen. Nur noch dieser könne Janukowitschs Mannschaft einen Sieg bei den Parlamentswahlen im Oktober garantieren, sagten Oppositionspolitiker wie der Vizeparlamentschef Mykola Tomenko. Manche Anhänger von Janukowitschs „Partei der Regionen“ sehen die Anschläge in Timoschenkos Heimatstadt Dnjepropetrowsk als Racheakt für deren Inhaftierung. Auf siegodnia.ua äußerte der namhafte Kiewer Politologe Wadim Karsow den Verdacht, die Hintergründe der Anschläge seien bei Abrechnungen zwischen Oligarchenclans zu suchen. Erst kürzlich wurde in Dnjepropetrowsk ein bekannter Banker erschossen.

Die Anschläge in Dnjepropetrowsk:

Sprengstoffanschläge sind in der Ukraine keine Seltenheit. Ende vergangenen Jahres kam es in den Städten Zaporosche und Charkiw zu Bombenexplosionen. In Dnjepropetrowsk wurde im November ein Mann mit einer in einem Abfalleimer versteckten Bombe getötet. Da in sechs Wochen jedoch die in der Ukraine und Polen ausgetragene Fußball-EM angepfiffen wird, finden solche Meldungen nun internationalen Widerhall.

Im Bestreben, die Wogen etwas zu glätten, vertagte ein Gericht im EM-Austragungsort Charkiw am Samstag einen zweiten Prozess gegen die schwer kranke Timoschenko wegen angeblicher Steuerhinterziehung auf Ende Mai. Wegen angeblicher Steuerhinterziehung droht der früheren Regierungschefin eine Haftstrafe von zwölf Jahren. Bereits im Oktober war sie in einem von der EU als politisch motiviert bezeichneten Prozess wegen angeblichen Amtsmissbrauchs zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt worden.

Einen Zusammenhang zwischen Timoschenko und den Anschlägen vermutet auch der regierungsfreundliche Vorsitzende des Ukrainischen Fußballverbandes Georgij Surkis. „Dies ist ein Anschlag auf die Euro 2012 in der Ukraine“, sagte Surkis am Samstagabend. „Der Zynismus der Organisatoren dieser blutigen Tragödie kennt keine Grenzen“, klagte er. Die Uefa solle offenbar zu einem politischen Ultimatum in Sachen Timoschenko gezwungen werden. Bei der Uefa selbst wartet man ab. Man vertraue den ukrainischen Organisatoren, aber es sei noch zu früh für Aussagen, heißt es dort.

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