Armut in Deutschland : Es lebe das soziale Netz!

Deutschlands Antworten auf Benachteiligung heißen „Bildung“ oder „mehr Hartz IV“. Aber Hilfe hat auch eine zwischenmenschliche Dimension. Ein Zwischenruf.

Armut wird in Deutschland vor allem als fehlendes Geld definiert. Aber das ist oft nicht alles, was fehlt.
Armut wird in Deutschland vor allem als fehlendes Geld definiert. Aber das ist oft nicht alles, was fehlt.Foto: picture alliance / Christian Hag

Arme Leute sterben früher. Der Satz ist leider wahr. Er beschreibt einen skandalösen Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz. Unverheiratete, schlecht gebildete, arme Männer sterben in Deutschland mehr als zehn Jahre früher als Akademiker mit Familie und Vorstadthaus. Daran lässt sich etwas ändern – allerdings nur, wenn man bereit ist, ein Paradoxon anzuerkennen: dass nämlich Geld das Problem nicht lösen kann.

Aus der Zahl derjenigen, die zu früh sterben, müssen einige Gruppen herausgerechnet werden. Die Krankgewordenen oder die mit den riskanten Berufen. Es geht um die anderen. An ihnen wird deutlich, wie dramatisch Ungleichheit die Lebenschancen beeinträchtigt. Da sind zum einen die gängigen Erklärungen für einen frühen Tod: Rauchen, Alkohol, Übergewicht. Aber die greifen nur unvollständig. Auch ein Lottogewinn verhilft den vorher Armen nicht zu einem längeren Leben. Bevölkerungswissenschaftler schauen deshalb auf das soziale Netz: auf Ehepartner, Freunde, Nachbarschaft.

Wer arm ist, hat weniger Freunde, die sich kümmern

Arme Männer sind seltener verheiratet, haben weniger Freunde. Sie werden schneller und schwerer krank. Weil sie kein aufmerksames Umfeld haben, das zum Arztbesuch rät oder auf die korrekte Einnahme der Tabletten achtet. Hier politisch aktiv zu werden, ist anspruchsvoller als der Ausgleich von Nachteilen mit Geld. Eine kluge Wohnungspolitik, die gewachsene Nachbarschaften respektiert und fördert, könnte auf der sozialen Ebene viel heilen und viel wirksamer sein als ein angehobener Fördersatz. Oder auch ein Einwanderungsgesetz wie das in Kanada, in dem entlegene Gebiete besondere Kontingente von Einwanderern – zum Beispiel gut ausgebildete Frauen – in ihre Region locken können.

Deutschlands Antworten auf Benachteiligung heißen „Bildung“ oder „mehr Hartz IV“. Wenn es aber darum geht, den Bürgern gleiche Chancen zu geben, sind die bestenfalls die halbe Miete. Auf der regionalen, lokalen und nachbarschaftlichen Ebene lassen sich viel mehr richtige Ansätze finden, als es ein Berlinpolitik-versessenes Land wahrhaben will.

- Hier geht es zur Causa-Debatte über die Zukunft von Hartz-IV.

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