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Delegierte in Glasgow.
© REUTERS/Yves Herman

Staaten sollen Kohleausstieg einleiten: Auf diese Punkte hat sich die UN-Klimakonferenz geeinigt

Die Weltklimakonferenz hat sich auf eine Abschlusserklärung festgelegt. Formulierungen wurden aber auf Druck von China und Indien abgeschwächt.

Zur Dramaturgie von Klimagipfeln gehört, dass sie überzogen werden. Dass am Ende einer solchen UN-Konferenz eine Abschlusserklärung steht, mit der alle rund 200 teilnehmenden Staaten leben können, erfordert eine Menge diplomatisches Geschick.

In den letzten Tagen legte der Präsident der Klimakonferenz in Glasgow, Alok Sharma, immer neue Versionen des Abschlussdokuments vor. Am späten Samstagabend dann gab es eine Einigung.

Demnach fordert UN-Klimakonferenz die Staaten der Welt erstmals dazu auf, den Ausstieg aus der Kohle einzuleiten. Die von rund 200 Staaten gebilligte Erklärung fordert zudem, „ineffiziente“ Subventionen für Öl, Gas und Kohle zu streichen. Die Formulierung wurde allerdings in letzter Minute auf Druck von China und Indien abgeschwächt. EU-Kommissar Frans Timmermans äußerte seine große Enttäuschung darüber, würdigte die Forderung zum Kohleausstieg aber dennoch als „historisch“.

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Zudem verpflichteten sich die Länder gemeinsam dem Ziel, die Erderwärmung bei 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu stoppen. Dazu sollen sie bis Ende 2022 ihre bislang unzureichenden Klimaschutzpläne nachschärfen. Dies bleibt aber freiwillig, es gibt keine Pflicht.

Bisher reichen die bei den UN eingereichten Pläne bei weitem nicht aus, das 2015 in Paris vereinbarte 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. In der Erklärung wird festgehalten, dass dafür der Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase weltweit noch in diesem Jahrzehnt um 45 Prozent sinken muss.

[Lesen Sie auch: Klimaforscher Hans von Storch: „Die Klima-Alarmisten überspannen den Bogen“ (T+)]

Als sich mehrere Staaten kurz vor der Schlussabstimmung bitterlich über Verwässerungen in letzter Minute beschwerten, kämpfte der britische COP26-Präsident Alok Sharma mit den Tränen. „Ich bitte um Verzeihung für die Art, wie das gelaufen ist. Und es tut mir sehr leid“, sagte der Gastgeber. Er fügte an: „Es ist auch von elementarer Bedeutung, dass wir dieses Paket schützen.“

Darauf versagte ihm die Stimme und er senkte den Blick. Die Delegierten halfen ihm mit langem Applaus über den emotionalen Moment hinweg.

Nach Einschätzung von UN-Generalsekretär António Guterres ist die Gefahr einer Klimakrise nicht gebannt. Die in den Beschlüssen von Glasgow erzielten Fortschritte seien "nicht genug" und voller "Widersprüche", erklärte Guterres am Samstagabend: "Die Klimakatastrophe steht weiter vor der Tür."

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Im Jahr 2015 verpflichteten sich mit dem Pariser Klimaabkommen rund 200 Staaten weltweit, die Erderhitzung spürbar zu bremsen. Der Anstieg der globalen Temperaturen soll bis zum Jahr 2100 auf „deutlich unter zwei Grad“ begrenzt werden. Mittlerweile besteht sogar weitgehende Übereinstimmung darin, dass 1,5 Grad angestrebt werden.

Aktuell ist die Durchschnittstemperatur der Erde bereits um 1,2 Grad gestiegen. Verantwortlich dafür ist der Ausstoß von klimaschädlichen Treibhausgasen, die bei der Verbrennung fossiler Rohstoffe wie Kohle, Erdgas und Öl entstehen. Schon seit einigen Jahrzehnten weisen Wissenschaftler darauf hin, dass der Klimawandel menschengemacht ist.

Zuletzt lieferte die Forschung immer klarere Belege, welche verheerenden Folgen das hat: Extremwetter wie Stürme, Überschwemmungen, Dürren oder Hitzewellen kommen häufiger vor und werden intensiver.

Stoppen lässt sich das nur, wenn die Staatengemeinschaft den Ausstoß von Treibhausgasen drastisch reduziert und künftig ohne fossile Energien auskommt.

Vor der Klimakonferenz in Glasgow war eine Art Überbietungswettbewerb in Gang gekommen: Etliche Staaten weltweit hatten sich verpflichtet, bis Mitte des Jahrhunderts unter dem Strich keine neuen Treibhausgase mehr auszustoßen: die Europäische Union strebt ebenso wie die USA das Jahr 2050 an, Deutschland hatte sein nationales Ziel sogar auf das Jahr 2045 vorgezogen. China peilt 2060 an, Indien 2070.

Doch die bisher vorgelegten Klimaschutzpläne reichen bei weitem nicht aus, um die Vereinbarungen aus dem Pariser Klimaabkommens einzuhalten. Nach der jüngsten Analyse des „Climate Action Tracker“ steuert die Erde auf einen Temperaturanstieg von 2,4 Grad bis zum Jahr 2100 zu.

Am Ende der Konferenz steht eine gemeinsame Erklärung.
Am Ende der Konferenz steht eine gemeinsame Erklärung.
© REUTERS/Phil Noble

Selbst das kann nur erreicht werden, wenn die Länder ihre Zusagen auch tatsächlich einhalten. Das Problem ist aber: Viele Staaten benennen zwar ein Datum, bis zu dem sie klimaneutral werden wollen. Doch bei den Plänen zur konkreten Umsetzung hapert es noch. Und einige Länder wollen sich noch nicht einmal auf ein Zieldatum festlegen lassen.

Das spiegelt sich auch im Klimaschutz-Index 2021 wider, mit dem die Klimaschutz-Maßnahmen einzelner Länder bewertet werden. Im dem Ranking, das die Entwicklungs- und Umweltorganisation Germanwatch, das New Climate Institute und das Climate Action Network auf der Klimakonferenz in Glasgow vorlegten, blieben die ersten drei Plätze frei – um zu zeigen, dass kein Land eine „sehr gute“ Bewertung erhielt.

Dass auch nach dem Gipfel in Glasgow noch eine große Lücke bei den Emissionseinsparungen klafft, war den Verhandlern bewusst. Um diese zumindest teilweise zu schließen, soll deshalb Druck auf die Staaten ausgeübt werden, möglichst bald ehrgeizigere Pläne vorzulegen. In der Abschlusserklärung heißt es, bis Ende 2022 sollten alle Staaten ihre nationalen Klimapläne nachschärfen – und nicht erst 2025, wie bisher geplant.

Rückt der weltweite Kohleausstieg näher?

Seine Ansprüche an den Klimagipfel brachte Großbritanniens Premierminister Boris Johnson auf eine griffige Formel: Fortschritte wolle er sehen bei „coal, cars, cash and trees“, also bei den Themen Kohle, Autos, Finanzen und Bäume.

Nun dürfte es Großbritannien leichter fallen als anderen Ländern, einen schnellen Kohleausstieg zu fordern, schließlich ist dort der Anteil des Kohlestroms stark rückläufig. Im Corona-Jahr 2020 kamen die Briten im Lockdown sogar zwei Monate komplett ohne Kohlestrom aus, weil die verblieben Kraftwerke runtergefahren wurden.

Klar ist: Wer Treibhausgas-Emissionen deutlich senken will, muss bei der Kohle ansetzen. Sie ist der CO2-intensivste Energieträger und steht beim weltweiten Energieverbrauch an Platz zwei nach dem Erdöl. Global steigt der Kohleverbrauch sogar, nicht zuletzt wegen der vielen Kohlekraftwerke in China.

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Bis zuletzt gehörte die Kohle zu den umstrittensten Themen auf der COP26. Auf der einen Seite fanden sich Länder-Allianzen zusammen, die sich sogar für einen Ausstieg aus allen fossilen Energien stark machten. „In einer 1,5-Grad-Welt gibt es keinen Platz für Öl und Gas“, sagte etwa der dänische Klimaminister Dan Jørgensen.

Aber es gibt auch Bremser: China und Australien – neben den USA, Russland und Indien die Länder mit den größten Kohlevorräten, wollen noch jahrzehntelang Kohle verfeuern.

Im Abschlussdokument findet sich trotzdem die Forderung, weltweit aus der Kohle auszusteigen. Bemühungen „in Richtung“ eines Ausstiegs sollten beschleunigt werden – und „ineffiziente“ Subventionen für fossile Brennstoffe gestrichen werden.

Im Vergleich zu früheren Textfassungen wurden die Formulierungen zwar abgeschwächt: So beschränkte sich der Ausstieg auf Kohlekraftwerke, bei denen es keine Technologien gibt, um Kohlendioxid in den Abgasen zu binden – etwa durch die Lagerung in Gestein. Außerdem bietet das Wort „ineffizient“ bei den Subventionen nach Ansicht von Kritikern Interpretationsspielräume.

Nach Ansicht des Chefs von Greenpeace Deutschland, Martin Kaiser, sind die Formulierungen zu Kohle, Gas und Öl dennoch „absolutes Neuland“ und daher unbedingt zu begrüßen. Zum ersten Mal in der Geschichte der UN-Klimakonferenzen seit 25 Jahren taucht der Kohleausstieg überhaupt im Entwurf für ein Abschlussdokument auf.

Werden ärmere Länder im Kampf gegen die Klimakrise stärker unterstützt?

Dürren, Überschwemmungen, Hitzewellen und Stürme: Die Folgen des Klimawandels treffen häufig ärmere Länder, welche die Kosten für die Schäden nicht alleine aufbringen können.

Doch schon das vor zwölf Jahren gegebene Versprechen der Industrieländer, ab 2020 pro Jahr 100 Milliarden Dollar für Klimaprojekte und für Anpassung an den Klimawandel zur Verfügung zu stellen, wurde nicht eingehalten. Im Vorfeld der Klimakonferenz gab es deshalb Bemühungen, hier nachzubessern. Ab dem Jahr 2022 soll die Summe voraussichtlich erreicht werden.

Noch schwieriger verliefen die Verhandlungen über das Thema „Loss and Damage“ – auf Deutsch: Schäden und Verluste. Dabei geht es letztlich um die Frage nach der Verantwortung für die Erderhitzung: Viele der Länder, die schon heute am stärksten unter der Klimakrise leiden, haben am wenigsten dazu beigetragen.

Doch seit dem Pariser Klimagipfel gab es hierzu kaum konkrete Verabredungen. Zu Beginn der Beratungen in Glasgow stellte die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon erstmals einen Finanzfonds für entstandene Schäden in Aussicht und sagte die Summe von einer Million Pfund zu.

Erstmals wird die jahrelange Forderung armer Staaten aufgegriffen, einen Topf mit Finanzhilfen nach Schäden und Verlusten durch die Klimakrise einzurichten.
Erstmals wird die jahrelange Forderung armer Staaten aufgegriffen, einen Topf mit Finanzhilfen nach Schäden und Verlusten durch die Klimakrise einzurichten.
© Dita Alangkara/AP/dpa

Zugesagt werden nun mehr Finanzhilfen für arme Staaten, damit diese sich an die vielerorts fatalen Folgen der Klimakrise anpassen können. Zig Millionen Menschen sind schon jetzt mit häufigeren und längeren Dürren und Hitzewellen konfrontiert oder kämpfen mit heftigeren Stürmen und Überschwemmungen. Konkret sollen diese Finanzhilfen bis 2025 verdoppelt werden, also von aktuell etwa 20 auf rund 40 Milliarden US-Dollar (etwa 35 Milliarden Euro.)

Erstmals wird die jahrelange Forderung armer Staaten aufgegriffen, einen Geldtopf für Hilfen bei Schäden und Verlusten einzurichten. Gemeint sind etwa Zerstörungen oder erzwungene Umsiedlungen nach Dürren, Sturmfluten oder Wirbelstürmen. Die Staaten werden aufgefordert, dafür Geld einzuzahlen. Konkrete Summen dafür werden aber nicht genannt. Es soll nur „technische Unterstützung“ nach Schadensereignissen bereitstehen, aber nicht der komplette Schaden beglichen werden.

In der Schlussphase der Klimakonferenz am Samstag sagte Deutschland nach Informationen der Deutschen Presseagentur zehn Millionen Euro zusätzliche Unterstützung zu. Gemeinsam mit weiteren europäischen Staaten würden insgesamt 35 Millionen US-Dollar mobilisiert für ärmere Länder, die in der Klimakrise Schäden und Verluste erlitten haben.

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