Berechnungen des Kinderschutzbunds : Kinderarmut in Deutschland höher als gedacht

Für drei Millionen Kinder zahlt der Staat Sozialleistungen. Laut Kinderschutzbund sind in Deutschland allerdings deutlich mehr Kinder von Armut betroffen.

Ein Kind schaukelt vor einem Hochhaus. (Symbolbild)
Ein Kind schaukelt vor einem Hochhaus. (Symbolbild)Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Die Kinderarmut in Deutschland ist nach Berechnungen des Kinderschutzbundes (DKSB) deutlich höher als bisher angenommen. Etwa 4,4 Millionen Kinder seien hierzulande von Armut betroffen, rund 1,4 Millionen mehr als bisher in der Öffentlichkeit bekannt, teilte der Verband am Mittwoch mit. Er forderte die Bundesregierung auf, mit konkreten Maßnahmen und Reformen gegen Kinderarmut vorzugehen.

Für drei Millionen Kinder zahlt der Staat Sozialleistungen, damit ihr Existenzminimum gesichert ist, so der Kinderschutzbund. Würden aber auch diejenigen Familien hinzugezählt, die ihren Anspruch auf Hartz IV, Kinderzuschlag oder Wohngeld nicht wahrnehmen, sei die Zahl der in Armut lebenden Kinder noch deutlich höher. "Denn viele Familien beantragen Leistungen erst gar nicht, die ihnen aufgrund ihres geringen oder fehlenden Einkommens eigentlich zustehen", erklärte der Verband.

Ergänzende Leistungen bei Erwerbstätigkeit, sogenannte aufstockende Hartz-IV-Leistungen, nehmen geschätzt nur etwa 50 Prozent der tatsächlich Berechtigten in Anspruch, erklärte der Kinderschutzbund mit Verweis auf eine Regierungsantwort auf eine Grünen-Anfrage. Das betreffe rund 850.000 Kinder unter 18 Jahren, die bislang nicht als arm galten. Dazu kommen nach Berechnungen des Verbands noch einmal 190.000 Kinder, deren Eltern nicht erwerbstätig sind und trotzdem nicht mit anderen Leistungen aufstocken.

"Oft liegt es daran, dass die Eltern mit den bürokratischen Abläufen überfordert sind oder sich schlichtweg dafür schämen", erklärte DKSB-Präsident Heinz Hilgers. "Diese Zahlen könnte die Bundesregierung auch klar nennen, aber das will sie offenbar nicht."

Bei einzelnen Leistungen sei die Nicht-Beantragung sogar noch deutlich höher und liege bei bis zu 70 Prozent, etwa beim Kinderzuschlag, erklärte der Verband mit Verweis auf den Familienreport 2017 des Bundesfamilienministeriums. Den Zuschlag nähmen nur 30 bis 40 Prozent der Berechtigten in Anspruch. Davon betroffen seien mindestens weitere 350.000 Kinder unter 18 Jahren.

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"Zählen wir alles zusammen, kommen wir konservativ gerechnet auf eine Dunkelziffer von 1,4 Millionen Kindern", so Hilgers. "Alle diese Kinder sind offiziell nicht arm, doch sie fallen durch das Raster unseres Sozialstaates, weil der Dschungel der Leistungen für viele Eltern undurchdringlich ist."
Der Verbandspräsident forderte die Bundesregierung auf, "energisch dagegen vorzugehen". Kurzfristig müsse bei der jetzt anstehenden Reform des Kinderzuschlags im Mittelpunkt stehen, dass jedes Kind, das Anspruch auf diese Leistung hat, diese auch erhalte. Flankiert werden müsse das mit einer Reform des Bildungs- und Teilhabepakets, um zum Beispiel den Schulbedarf von Kindern zu sichern.

Perspektivisch fordert der DKSB gemeinsam mit weiteren Verbänden und Unterstützern "die Einführung einer einfachen und unbürokratischen Kindergrundsicherung, die eine Vielzahl von Leistungen zusammenfasst und sich an neu berechneten tatsächlichen Bedarfen von Kindern orientiert". (AFP)

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