Bischof Dröge zum Reformationstag : "Die Kirche muss politisch bleiben"

Der Berliner evangelische Theologe Markus Dröge wünscht sich konfliktreichere Diskussionen über Deutschlands Zukunft. Mit der AfD geht er hart ins Gericht.

Bischof Dröge in seinem Amtssitz beim Interview.
Bischof Dröge in seinem Amtssitz beim Interview.Foto: Mike Wolff

Der evangelische Berliner Bischof Markus Dröge fordert eine Kirche mit gesellschaftlichem Gestaltungswillen. „Wir treten auf jeden Fall dafür ein, dass die Kirche politisch bleibt“, sagte Dröge im Tagesspiegel-Interview zum Reformationstag am 31. Oktober. „Wenn heute Menschen an mich herantreten, gerade aus dem rechtspopulistischen Lager, und sagen, die Kirche soll sich ums Seelenheil kümmern und nicht ständig in die Politik hineinreden, dann haben wir uns dagegen deutlich zu verwahren“, sagte Dröge.

Die Kirche habe eine große Nähe zu den Sorgen der Menschen. Auch in strukturschwachen Gebieten verfüge die Kirche über ein großes Netz von Gemeinden und Pfarrstellen und hätte durch die Diakonie das Ohr bei den Menschen mit ihren Problemen. „Deshalb sagen wir ja, wir haben eine Art anwaltlichen Auftrag. Wir müssen öffentlich machen, was wir an Not sehen.“ Das sei auch zutiefst reformatorisch, sagte der Bischof mit Blick auf den 500. Jahrestag der Reformation, das Lutherjahr 2017: „Luther hat seine 95 Thesen deshalb geschrieben, weil er in der Beichte die Not der Menschen mitbekommen hat.“

Dröge diagnostiziert eine tiefgreifende Spaltung der Gesellschaft. Rechtspopulistische Positionen seien in den Diskurs eingedrungen, der gesellschaftliche Wertekonsens aufgebrochen worden. In dieser Situation brauche es eine streitbare Kirche, die sich nicht moralisch entsetzt zurückziehe, sondern wieder konfliktreicher inhaltlich kämpfe und diskutiere.

Dröge geht auf Distanz zur AfD

So geht Dröge beispielsweise deutlich auf Distanz zur AfD. Die Nächstenliebe Jesu „ist nicht nur die Liebe zu meinem Nächsten, meiner Heimat, meiner Familie“, sagte Dröge, „sondern gerade auch die zu meinem fernen Nächsten, dem anderen.“ In der globalisierten Welt könne man nicht überleben, ohne den Blick für die Menschen in anderen Teilen der Welt zu haben. „Schauen Sie sich an, wie viele Gruppierungen das Eigene suchen und das Fremde abwehren wollen: der Brexit, die Katalanen, der Rechtspopulismus. Unsere Botschaft ist: Wenn es um das Eigene geht, geht es immer auch um die Verantwortung für das andere.“

Vielleicht sei dies auch eine inzwischen wieder revolutionäre Botschaft, „dass wir für die Menschenwürde jedes Menschen eintreten und nicht nur für die, die uns nahe sind.“

Für ihn persönlich, sagte Dröge im Rückblick auf die zahlreichen Veranstaltungen, Diskussionen, Ausstellungen im zurückliegenden Reformationsjubiläumsjahr, sei besonders wichtig die Auseinandersetzung mit Luthers Verhältnis zu den Juden gewesen. „Die Evangelische Kirche hat schonungslos Luthers Judenfeindschaft als sein Grundproblem benannt. Man kann eben nicht einfach sagen: Zum Schluss hat der alte Mann einen Fehler gemacht. Nein. Luther ist da mit einer Verbissenheit tätig gewesen, die grundsätzlich infrage zu stellen ist.“

Eine solche differenzierte Sicht habe für ihn etwas Befreiendes, weil sie zu unterscheiden erlaube, was man von Luther übernehmen wolle und was nicht. So gelte für ihn: „Wir predigen weder die Reformation noch Martin Luther, sondern das Evangelium von Jesus Christus.“

Das vollständige Interview lesen Sie im gedruckten Tagesspiegel am Montag oder im Online-Kiosk Blendle.

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