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Bundeskanzlerin : Angela Merkel versteht "Frustrationen" in Ostdeutschland

"Das Land war nie so versöhnt, wie man dachte." Im "Zeit"-Interview spricht die Kanzlerin über Ost und West – und warum sie sich nicht als Feministin sieht.

Julia Weiss
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei einer Kabinettssitzung im Januar 2019.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei einer Kabinettssitzung im Januar 2019.Foto: imago/Bildgehege

Im Jahr 2005 wurde Angela Merkel zur Bundeskanzlerin gewählt – als erste Frau in der Geschichte der Bundesrepublik und als erste Politikerin aus dem Osten. Was bedeuten diese Rollenzuschreibungen für Angela Merkel persönlich? Darüber hat sie sich nun offen wie selten in einem Interview mit der Wochenzeitung "Die Zeit" geäußert. Die Kanzlerin spricht über Feminismus, das Regieren als Frau und die mangelnde Anerkennung für die Lebensleistung vieler Ostdeutscher.

Mit Blick auf Ostdeutschland äußerte die CDU-Politikerin Verständnis für Wut und Unzufriedenheit vieler Menschen, die dort leben. „Ich finde es nicht so verwunderlich, dass es in Ostdeutschland Frustrationen gibt“, sagte Merkel im Interview. „Das Land war vielleicht nie so versöhnt, wie man dachte.“ Viele Ostdeutsche hätten beispielsweise lange akzeptiert, weniger zu verdienen. „Hoffnungen, die Angleichung werde schnell gehen, sind in einigen Bereichen zerstoben“, erklärte Merkel. Auch seien die Ostdeutschen noch immer in vielen Führungspositionen unterrepräsentiert.

Zugleich wachse bei ihnen ein bestimmtes Gefühl, die eigenen Verdienste nicht ausreichend gewürdigt zu sehen. „Oft denke ich, es ist ein wenig, wie es 1968 im Westen war, denn auch damals wurde bohrend nachgefragt: Wer seid ihr vor 1945 gewesen? Und wie seid ihr danach damit umgegangen? So befragen wir uns heute mit Blick auf den Zeitenwechsel von 1989 auch“, sagte die Kanzlerin in der „Zeit“.

Auch, dass die Wut im Osten sich oft gegen sie persönlich richte, überrasche sie nicht: „Das ist nicht paradox“, sagte Merkel. „Das begann schon mit der Euro- und Finanzkrise und hat sich dann durch die vielen Flüchtlinge, die zu uns kamen, noch einmal verstärkt.“ Damals habe es sich um eine humanitäre Notsituation gehandelt. „Es hat mich aber nicht verwundert, dass sich viele Menschen in den neuen Ländern mit einer solchen Entscheidung noch etwas schwerer taten als die in den alten Ländern. Es gab in der DDR zu wenig Erfahrung mit anderen Kulturen“, so die 64-Jährige.

Die Kanzlerin verurteilte die Aggressivität, mit der manche ihren Frust artikulieren. „Dass diese Gefühle so hart und gegen andere gerichtet ausgelebt werden, das ist nicht gut“, sagte sie. Wer den Zusammenhalt der Gesellschaft wolle, „muss als Voraussetzung dafür Grundachtung vor anderen Menschen aufbringen. Das ist nicht verhandelbar. Diese Grundachtung ist bei manchen sehr ins Abseits geraten.“

In Ostdeutschland gebe es noch große strukturelle Probleme, bilanzierte Merkel. So seien Erbschaften und Steuereinnahmen geringer, die Menschen könnten zu wenig Vermögen aufbauen. „Deshalb fragen die Leute jetzt: Wie lange soll es denn noch dauern?“ Herausragende Aufgabe der Politik sei es, gleichwertige Lebensverhältnisse herzustellen.

Wieso will Angela Merkel nicht Feministin sein?

Zugleich setzte sich Merkel für die praktische Gleichbehandlung von Männern und Frauen ein. „Parität in allen Bereichen erscheint mir einfach logisch“, so die Bundeskanzlerin. Schon als Physikstudentin habe sie Männer an der Uni als sehr dominant erlebt. In der Politik habe sich der Eindruck bestätigt: „Mein Blick für Benachteiligungen, die auf Frauen zukommen, hat sich geweitet, weil ich Einsichten in sehr viele Lebensbereiche bekam“, so Merkel in dem „Zeit“-Gespräch.

Es gebe Gebiete, auf denen Frauen es einfach schwerer hätten, „weil sie dort erst einmal neue Muster prägen müssen“. Für einen Mann sei es zum Beispiel „überhaupt kein Problem, hundert Tage hintereinander einen dunkelblauen Anzug zu tragen, aber trage ich innerhalb von zwei Wochen viermal den gleichen Blazer, dann erzeugt das Bürgerpost“.

Obwohl Angela Merkel als erste deutsche Bundeskanzlerin ein Vorbild für viele Frauen ist, will sie sich nach wie vor nicht als Feministin bezeichnen. Schon in der Vergangenheit wurde sie danach gefragt - immer lehnte sie ab. „Für mich sind Frauen wie Alice Schwarzer Feministinnen. Oder Marie Juchacz, die gemeinsam mit anderen vor 100 Jahren das Frauenwahlrechterkämpft hat. Ich möchte mich nicht mit falschen Lorbeeren schmücken", sagt Merkel.

Dass sie als Frau milder betrachtet wird, glaubt die Kanzlerin nicht: „Das war schon während der Euro-Krise so – und in der Flüchtlingsfrage auch. Da zog ich genauso die Pfeile auf mich, wie es einem Mann passiert wäre.“ Nur in einem Punkt habe sie es als Frau in der Politik leichter gehabt. „Von einem Bundeskanzler wird traditionell erwartet, dass die Frau an seiner Seite sich ehrenamtlich engagiert“, erzählte die Kanzlerin. „Bei mir und meinem Mann war das nicht so.“ (mit dpa)

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