Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek : Die neue Doppelspitze der Berlinale

Ein italienisch-niederländisches Duo folgt auf den langjährigen Berlinale-Chef Dieter Kosslick. Was ist von der neuen Doppelspitze zu erwarten?

Der Italiener Carlo Chatrian wird künstlerischer Direktor, die Niederländerin Mariette Rissenbeek führt die Geschäfte.
Der Italiener Carlo Chatrian wird künstlerischer Direktor, die Niederländerin Mariette Rissenbeek führt die Geschäfte.Foto: Christian Ditsch, imago,epd

Der Konferenzraum des Martin-Gropius-Baus ist am Freitagnachmittag gut gefüllt. Der Andrang unterstreicht den Stellenwert der Berlinale als Deutschlands größtes Kulturereignis, mit einem Renommee weit über die Landesgrenzen hinaus. Wer ist nun dieser Italiener Carlo Chatrian, der von Locarno nach Berlin wechselt, wer wird Geschäftsführerin an seiner Seite? Doch dann dauert es noch. Die Aufsichtsratssitzung der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin (KBB) zieht sich: Sie muss die neue Berlinale-Doppelspitze absegnen, offenbar sind noch Feinheiten abzustimmen. Schließlich tritt Kulturstaatsministerin Monika Grütters vor die Presse. Chatrian und Mariette Rissenbeek, das ist die neue Doppelspitze. Ihr erstes Festival richten sie 2020 aus, die 70. Berlinale. Ihre Verträge ab März 2019 laufen zunächst über fünf Jahre.

Welchen Eindruck macht der neue Berlinale-Direktor Carlo Chatrian?

„Ich fühle mich, als hätte ich gerade einen Preis gewonnen. Dabei habe ich noch gar nichts getan“, sagt Chatrian. Er spricht Englisch, die Erwartungshaltung, die ihm entgegenschlägt, bringt er gut auf den Punkt. Erleichterung ist auch zu spüren: Auf Chatrian können sich fürs erste alle einigen, auch die Berlinale-Kritiker. Er gilt als ausgewiesener Cinephiler, der über das philippinische Autorenkino genauso eloquent sprechen kann wie über den neuesten „Jason Bourne“-Film. Monika Grütters lobt seine „Lebhaftigkeit, sein kommunikatives Talent“, sie hat ihn als „großen Filmliebhaber“ kennengelernt. Chatrian habe Locarno zu einem führenden „Arthouse-Publikumsfestival mit einer künstlerisch anspruchsvollen Mischung in der gesamten Bandbreite des Gegenwartskinos gemacht“. Ein weiterer ausschlaggebender Faktor sei sein Gespür für „unentdeckte Talente“.

Chatrian selbst bittet vor allem um Geduld. In seinem melodischen, italienisch gefärbten Englisch erzählt er, wie geehrt und stolz er sich fühle. Zu inhaltlichen Fragen will er sich noch nicht äußern. „Bitte haben Sie Geduld mit mir. Ich fange erst an, Ihre Sprache und diese perfekt organisierte Maschine Berlinale, die mir seit 15 Jahren als Gast vertraut ist, genauer zu verstehen.“ Ab September beginnt seine Vorbereitungszeit, „ich werde mich darauf stürzen, die Stadt und das Festival kennenzulernen“.

Wer ist die neue Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek?

Dass ein Mitglied der Findungskommission selbst eine Leitungsfunktion bei der Berlinale übernimmt, hat es schon einmal gegeben: 1977, als Wolf Donner eine nur dreijährige, mit dem Terminwechsel vom Sommer in den Winter aber folgenreiche Amtszeit als Direktor antrat. Dennoch ist Mariette Rissenbeek die Überraschung des Tages. Bis zum Freitag war nur bekannt, dass es eine Doppelspitze geben wird und die kaufmännische Leitung eine Frau übernimmt, die mit der hiesigen Branche vertraut ist. Trotzdem hatte niemand Rissenbeek für die Geschäftsführung auf dem Schirm. Eben weil die bisherige Chefin von German Films, der Außenvertretung der deutschen Branche, eine von drei Findungskommissionären war, neben Grütters und Björn Böhning als ehemaligem Senatskanzleichef für das Land Berlin. Es ist wie in E. A. Poes berühmter Kurzgeschichte "Der entwendete Brief": Das Gesuchte steht allen klar vor Augen, auf dem Kaminsims, nur kommt niemand darauf.

Die gebürtige Holländerin, Jahrgang 1956, ist international bestens vernetzt, bereist seit vielen Jahren die großen Filmfestivals und hält engen Kontakt zu ihnen. Zudem kennt sie sich im deutschen Förderdschungel aus. Jetzt werden aus ihren Kooperationspartnern, den Festivals, Sparringspartner, um nicht zu sagen: Konkurrenten.

Rissenbeeks bisherige Laufbahn: Nach dem Germanistik-Studium arbeitete sie zunächst für Produktionsfirmen, darunter für die Tobis und für Regina Ziegler in Berlin, bevor sie 2002 zu German Films wechselte. Seit 2010 ist sie dort Chefin. Man kennt sie als umsichtige, kooperative, effektive, gleichwohl zurückhaltende Lobbyistin. Bei filmpolitisch oder gesellschaftlich relevanten Debatten, von der Digitalisierung über die Förderpolitik oder die Rettung des Filmerbes bis zu MeToo, hat sie sich kaum öffentlich bemerkbar gemacht. Als Berlinale-Geschäftsführerin wünscht man sich eine Persönlichkeit mit klarem Profil, mit Außenwirkung.

Rechtlich, so betont Grütters, sei der Wechsel vom KBB-Aufsichtsrat zur Geschäftsführung in Ordnung. Ihren Aufsichtsrats-Posten legte Rissenbeek nieder, als ihre Findungs-Mitstreiter sich in einer „stillen Minute“ (Böhning) darauf verständigten, dass Rissenbeek unter den Kandidatinnen doch die Nummer Eins sei. Gschmäckle hin oder her: „Wir wollten das Bestmögliche für die Berlinale“, sagt die Kulturstaatsministerin.

Wie genau wird die Doppelspitze ab 2019 ihre Arbeit aufteilen?

Die Chemie stimmt zwischen den beiden, fügt Grütters hinzu. Die Chemie ist tatsächlich entscheidend. Einerseits bestimmt der künstlerische Leiter das Profil und den Rang des Festivals durch die Qualität seiner Programmarbeit. Inhaltlich ist er die Nummer Eins. Organisatorisch ist Rissenbeek die Nummer Eins, denn sie tritt als allein haftende Gesellschafterin das Erbe von Dieter Kosslick an. Sie ist verantwortlich für Budget (25 Millionen Euro) und Logistik, soll die „Kontinuität bei der perfekten Festival-Organisation“ gewährleisten, wie Grütters es formuliert. Klingt trocken, aber wer je auf anderen Festivals zu Gast war, weiß die Eleganz und Störfreiheit des Berlinale-Betriebs zu schätzen und ahnt, welche Herkulesarbeit dahintersteckt. Auch wenn Rissenbeek zusammen mit Chatrian für die Sponsoren zuständig ist, firmiert sie als oberste Chefin. Sie trägt die Gesamtverantwortung: Wenn die beiden sich streiten, hat sie das letzte Wort. Im Gropius-Bau legt Rissenbeek jedoch Wert darauf, dass sie Carlo Chatrian den Rücken freihalten wird. Damit er genug Zeit hat zu reisen, Filme zu sichten, Kontakte zu pflegen. Und den Kopf frei hat, um das bestmögliche Programm zusammenzustellen.

Was ist unter der neuen Führung für die Zukunft der Berlinale zu erwarten?

Locarno ist nicht zum ersten Mal Startrampe für die Berlinale. Schon Moritz de Hadeln hatte das Festival in der Schweiz fünf Jahre geleitet, bevor er 1980 die Berlinale übernahm. Für Kontinuität ist also gesorgt. Chatrian ist kein radikaler Veränderer, sondern ein vorsichtiger Modernisierer. Grütters stellt klar: „Die Berlinale soll ein Publikumsfestival bleiben – auch wenn das einige gerne anders hätten“. Die Zahl der gezeigten Filme ist auch in Locarno hoch, und knapp 170.000 Zuschauer sind kein Pappenstiel, auch wenn die Berlinale in diesem Jahr 489.000 zählte. Mit seiner Begeisterung ist es Chatrian gelungen, das Publikum auch für vermeintlich abseitige Filme zu gewinnen. Kein Entertainer, ein Cineast: Vielleicht wird die Berlinale etwas intellektueller, vielleicht wird es auch im Hauptprogramm mehr Filmgespräche geben. Jünger und internationaler soll die Berlinale werden, mit einem Italiener und einer Holländerin an der Spitze ergibt sich Letzteres von selbst. Eine gemischte Doppelspitze hat keins der großen europäischen Festivals, und der Führungsstil hat sich schon unter Kosslick geändert: Die Zeit der Alpha-Tiere auf Chefposten ist ohnehin allmählich vorbei.

Was gibt Dieter Kosslick seinen Nachfolgern mit auf den Weg?

Dieter Kosslick hat dem Duo einen Willkommensbrief geschrieben. Er freut sich am Telefon: „Ich gratuliere den beiden, dass die Wahl auf sie gefallen ist. Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek sind ein sehr gutes Team für die Zukunft der Berlinale.“ Klingt so, als ob die manchmal zu spürende leise Hoffnung darauf, dass nach seinem Amtsende im Mai 2019 wenigstens ein repräsentativer Posten für ihn bliebe, sich im guten Sinne gelegt hat. Kosslick kennt Rissenbeek seit vielen Jahren, mit German Films arbeitet die Berlinale eng zusammen. Und Chatrian? Denn kennt er auch, von Locarno-Besuchen. „Ich freue mich, wenn Carlo Chatrian und ich im Februar 2019 auch mal gemeinsam auf dem roten Teppich die Tour machen.“ In diesen Teil seines Amts führt Kosslick seinen Nachfolger gerne persönlich ein. Also keine feindliche Übernahme, sondern „ein freundlicher Übergang ins nächste Berlinale-Jahrzehnt“, so Kosslick. Ein Rat, eine Empfehlung? Kosslick legt seinen Nachfolgern nicht nur das Publikum ans Herz, sondern vor allem „das weltbeste Festival-Team“.

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Als Kosslick 2001 von der NRW-Filmstiftung nach Berlin wechselte, ging es übrigens nicht so freundlich zu. Sein Vertrag lief ab Mai, neun Monate später richtete er sein erstes Festival aus. Aber die Türen blieben ihm bis kurz vor der Eröffnung weitgehend versperrt; sein Vorgänger Moritz de Hadeln schied mit Groll. Chatrian und Rissenbeek werden ab September hoffentlich weit offene Türen vorfinden, um die 70. Berlinale vorzubereiten. 2020, ein Jubiläums-Jahrgang, mit "viel Vergangenheit und viel Zukunft", sagt Rissenbeek.

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