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Christsein als politische Haltung: Für den Menschen, nicht für die Macht – man möchte daran glauben
Gerade in Zeiten weltweit erstarkender rechtsradikaler Tendenzen und Autokratien könnten christliche Werte als Grundhaltung und moralische Prinzipien zum Tragen kommen. Also im Grunde mehr denn je.

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Jochen Ott ist Sozialdemokrat, Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion, damit Oppositionsführer in NRW – und gläubiger Katholik. Christliche Werte seien ihm auch in der Politik sehr wichtig, sagt er soeben der Katholischen Nachrichtenagentur. Für den Ministerpräsidenten Hendrik Wüst von der Christlich-Demokratischen Union kann das noch zur Herausforderung werden.
Ott war (auch) Lehrer für katholische Religion und hat schon mit 19 Jahren einen Pfarrgemeinderat geleitet. Wüst, auch römisch-katholisch, war in seiner Kirche Messdiener. Sie verbindet, dass beide im Grundsatz nicht am Segensreichen der Botschaft Jesu zweifeln, mit der Menschenwürde im Mittelpunkt, nicht mit dem Recht des Stärkeren oder dem dicksten Geldbeutel.
Ott glaubt daran, dass christliche Werte in der Welt gebraucht werden. Wüst ist nicht weit entfernt davon. Also Christsein als politische Haltung, das geht?
„Gerade eine Demokratie braucht solche Werte, die sie nicht aus sich selbst heraus produzieren kann“, sagt Ott – als Sozialdemokrat. Will sagen: Gerade in Zeiten weltweit erstarkender rechtsradikaler Tendenzen und Autokratien könnten christliche Werte als Grundhaltung und moralische Prinzipien zum Tragen kommen. Also mehr denn je.
Nicht ohne Kontroverse, aber respektvoll und mit diesem Credo: für Menschen statt für Macht (allein). Das könnte im besten Fall in einen, ja doch, ziemlich edlen politischen Wettstreit münden.
Stephan-Andreas Casdorff
So gesehen ist dies alles von Wert: Mitmenschen helfen und sie respektieren. Mitgefühl zeigen, vergeben können, anderen eine zweite Chance geben. Nicht auf Rache sinnen, sondern Versöhnung suchen. Frieden halten. Für Fairness, Wahrheit und den Schutz der Schwachen eintreten. Nicht überheblich sein, sondern die eigene Begrenztheit erkennen. Aufrichtig sprechen und handeln. Verantwortung für das eigene Handeln und für andere übernehmen.
Was zeigt, dass christliche Werte viele demokratische Prinzipien prägen können, ohne dass Politik religiös sein muss. Das wäre die „Politik auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes“, wie sie seinerzeit Heiner Geißler als Generalsekretär für die CDU postulierte. Lange ist’s her.
Wenn nun Sozialdemokrat Ott in diesem Sinn ernst macht und von seiner Partei in diesem Anspruch ernst genommen wird, dann erwächst daraus die Anforderung eines anderen Politikstils. Nicht ohne Kontroverse, aber respektvoll und mit diesem Credo: für Menschen statt für Macht (allein). Das könnte im besten Fall in einen, ja doch, ziemlich edlen politischen Wettstreit münden. Man soll den Glauben daran ja nicht verlieren.
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