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CO2-Ausstoß einer Kleinstadt : Die Flugscham der Flugbereitschaft hält sich in Grenzen

Die Bundesregierung will vom Flugzeug als Verkehrsmittel grundsätzlich wegkommen. Doch ihre eigene Flugbereitschaft stößt 40.000 Tonnen CO2 pro Jahr aus.

Das Leitwerk der "Konrad Adenauer" ist auf dem Flughafen in Berlin Tegel zu sehen.
Das Leitwerk der "Konrad Adenauer" ist auf dem Flughafen in Berlin Tegel zu sehen.Foto: Michael Kappeler / picture alliance / dpa

Die Flugscham der Bundesregierung hält sich in Grenzen: Über ihre Flugbereitschaft stößt sie in einem Jahr fast so viel Kohlendioxid aus wie eine deutsche Kleinstadt. Das geht aus einer Aufstellung des für die Flugbereitschaft zuständigen Verteidigungsministeriums über die Flüge der Ministerien sowie des Bundeskanzleramtes hervor, die „Tagesspiegel Background Mobilität“ vorliegt. Der CO2-Ausstoß der gesamten Flotte lag demnach bei knapp 3000 Flügen in der Zeit von Mai 2018 bis April 2019 bei etwas über 40.000 Tonnen. Das entspricht nahezu einer deutschen Kleinstadt mit mehreren Tausend Einwohnern, legt man den statistischen Durchschnittsverbrauch von 11,3 Tonnen CO2 pro Jahr eines Deutschen zu Grunde.

Eigentlich will die Bundesregierung vom Flugzeug als Verkehrsmittel grundsätzlich wegkommen. Aus Klimaschutzgründen will sie das Fliegen teurer machen, beispielsweise durch eine Erhöhung der Luftverkehrsabgabe. Im Gegenzug könnten Bahntickets im Fernverkehr über eine Steuersenkung günstiger werden. Am 20. September will das sogenannte Klimakabinett der Bundesregierung ein Gesamtpaket zur CO2-Einsparung beschließen.

Zudem hat jüngst die Diskussion um einen Komplettumzug der Bundesregierung von Bonn nach Berlin wieder an Fahrt aufgenommen. Denn die zahlreichen Pendel-Flüge von Ministeriumsmitarbeitern belasten das Klima.

Auch die Ansiedelung der Flugbereitschaft in Köln/Bonn ist mittlerweile schwer vermittelbar. Laut einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen etwa flogen Maschinen der Flugbereitschaft im vergangenen Jahr 800 Mal leer von ihrem Standort Köln/Bonn zu den Berliner Stadtflughäfen Tegel oder Schönefeld. Dadurch wurden rund 4000 Tonnen CO2 verursacht.

Kanzleramt, Auswärtiges Amt und Präsidialamt fliegen besonders oft

Die neue Aufschlüsselung der Flugbereitschaft mit Blick auf die einzelnen Ministerien zeigt jetzt: Innerhalb eines Jahres flogen ihre Maschinen innerhalb Deutschlands 90 Mal für das Bundeskanzleramt und 69 Mal für das Bundespräsidialamt. Das Justizministerium verzichtete dagegen auf Inlandsflüge, das Gesundheits- und das Landwirtschaftsministerium auf Kontinentalflüge.

„Das ständige Hin und Her zwischen Köln/Bonn und Berlin ist schlecht für die Umwelt und eine unnötige Belastung für das Personal“, sagte der Haushalts- und Verteidigungspolitiker der Grünen, Tobias Lindner, „Tagesspiegel Background Mobilität“. „Die Flugbereitschaft gehört nach Berlin, die Verlegung ist überfällig. Einfach nur auf die Fertigstellung des neuen Hauptstadt-Flughafens zu warten reicht nicht.“

Bei den Langstreckenflügen ist das Auswärtige Amt für mehr als 4000 Tonnen CO2 verantwortlich, das Bundespräsidialamt und das Kanzleramt für jeweils etwa 2500 Tonnen. Das Umweltministerium hat in keiner der drei Kategorien überhaupt einen Flug angegeben. Etwa die Hälfte der Gesamtsumme der 40.000 Tonnen CO2 gehen auf Ausbildungsflüge zurück.

Mit zwei Fliegern nach Japan

Die Kritik an den Interkontinentalflügen der Bundesregierung war zuletzt besonders laut geworden, weil die Flugbereitschaft beispielsweise zum G20 Gipfel im japanischen Osaka extra den zweiten verfügbaren Langstreckenairbus zur Begleitung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mitgeschickt hatte. So sollte eine Panne wie auf dem Weg zum Gipfel in Buenos Aires 2018 vermeiden werden. Damals hatte die Kanzlerin verspätet per Linienflug anreisen müssen.

„Der Erfindergeist der Großen Koalition erschöpft sich darin, ein vielleicht kaputtes Flugzeug durch ein leeres Reserveflugzeug begleiten zu lassen“, sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion Marco Buschmann „Tagesspiegel Background Mobilität“.  Union und SPD sollten im Sinne der Wirtschaftlichkeit und des Klimaschutzes Innovation in der Luftfahrt statt Emission in der Luftwaffe fördern. „Das wäre deutlich sinnvoller als der verquere sozialistische Vorschlag der Linken, die Fluggesellschaften zu verstaatlichen. Die Rückkehr zur DDR-Wirtschaft würde weder Mensch noch Natur nützen.“

Insgesamt verfügt die Flugbereitschaft über 14 teils recht alte Maschinen. Sie werden für die Flüge von Kabinettsmitgliedern oder des Bundespräsidenten eingesetzt. Nach den zahlreichen Pannen werden nun neue beschafft – die Bundesregierung fliegt weiter.

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