Corona-Pandemie in den USA : Mehr als 36 Millionen Amerikaner haben ihren Job verloren

Die Zahlen vom US-Arbeitsmarkt sind Woche für Woche düster. Viele hoffen daher auf Lockerungen der Corona-Bestimmungen. Präsident Trump drängelt.

Arbeitssuchende in Greenwich Village in New York
Arbeitssuchende in Greenwich Village in New YorkFoto: Imgao/Levine-Roberts

Die Coronavirus-Pandemie macht dem US-Arbeitsmarkt weiter schwer zu schaffen: Seit der Zuspitzung der Krise Mitte März haben in den Vereinigten Staaten mehr als 36 Millionen Menschen ihren Job verloren. In der Woche bis zum 9. Mai stellten knapp drei Millionen Menschen einen Erstantrag auf Arbeitslosenhilfe, wie das US-Arbeitsministerium am Donnerstag mitteilte. In den sieben Wochen zuvor hatten bereits mehr als 33 Millionen Menschen solche Hilfe beantragt - so viele wie nie zuvor in derart kurzer Zeit.

Vor der Corona-Krise hatten die Erstanträge in der größten Volkswirtschaft der Welt zuletzt meist unter 100.000 pro Woche gelegen. Die Anträge gelten als verlässlicher Indikator für die kurzfristige Entwicklung des US-Arbeitsmarkts.

Die US-Arbeitslosenquote lag im April bei 14,7 Prozent. Wegen Fehlern bei der Erhebung der Daten warnte die zuständige Behörde jedoch, dass die Quote bereits bei etwa 20 Prozent liegen dürfte. Es handelt sich um die dramatischste Lage am Arbeitsmarkt seit dem Zweiten Weltkrieg. Vor der Zuspitzung der Corona-Pandemie in den USA hatte die Arbeitslosenquote noch bei extrem niedrigen 3,5 Prozent gelegen.

Infolge der Pandemie hatten die meisten US-Bundesstaaten strikte Ausgangsbeschränkungen verhängt, weswegen viele Geschäfte, Fabriken und Restaurants schließen mussten. Seit Anfang des Monats lockern viele Bundesstaaten die Auflagen wieder - obwohl die Pandemie in vielen Landesteilen noch längst nicht unter Kontrolle scheint und Experten daher eindringlich vor übereilten Schritten warnen. Auf den Arbeitsmarkt dürften sich die Lockerungen aber positiv auswirken.

[Mit dem Newsletter „Twenty/Twenty“ begleiten unsere US-Experten Sie jeden Donnerstag auf dem Weg zur Präsidentschaftswahl. Hier geht es zur kostenlosen Anmeldung: tagesspiegel.de/twentytwenty.]

Trump verspricht schnelle Erholung der Wirtschaft

US-Präsident Donald Trump sagte in einem am Donnerstag ausgestrahlten Interview mit dem Sender Fox Business mit Blick auf die Bundesstaaten: „Ich will, dass sie wieder öffnen, wenn sie können, wenn sie wollen.“ Das Land müsse wieder an die Arbeit gehen. Erneut versprach er eine baldige Erholung der Wirtschaft. „Es wird schnell gehen.“ Die verlorenen Jobs kämen zurück, versicherte er. Dem Land stehe wirtschaftlich ein großartiges nächstes Jahr bevor. Erneut brachte Trump auch mögliche Lohnsteuererleichterungen ins Spiel, um die Wirtschaft anzukurbeln. Details nannte er jedoch nicht.

Trump-Berater Anthony Fauci hat dagegen vor zu frühen Lockerungen gewarnt. Er fürchte dadurch „unnötiges Leid und Tod“, sagte der Virologe.

Regierung und Kongress haben angesichts der Krise seit Ende März gewaltige Konjunkturpakete auf den Weg gebracht, um rund 2,7 Billionen US-Dollar in die leidende Wirtschaft zu pumpen. Die Demokraten im Repräsentantenhaus wollen diese Woche noch ein weiteres Konjunkturpaket in Höhe von rund 3 Billionen Dollar auf den Weg bringen. Dessen Umsetzung scheint jedoch nicht wahrscheinlich, weil sich die republikanische Mehrheit im Senat dagegen aussprach. Auch Trump sagte am Donnerstag, der Vorschlag der Demokraten habe keinerlei Chance.

Trumps Wirtschaftsberater Larry Kudlow hatte vor einigen Tagen gesagt, die Regierung wolle vor einer Entscheidung über mögliche weitere Konjunkturhilfen zunächst abwarten, welche Wirkungen die bisherigen Hilfen zeigten.

Bis Februar hatte die US-Konjunktur noch gebrummt, an der Börse wurden Höchststände gemeldet, und Experten rechneten mit einem Wirtschaftswachstum von gut zwei Prozent. Doch die rasante Ausbreitung des Coronavirus seit Anfang März machte die guten Konjunkturaussichten zunichte - nun steuern die USA wegen der Corona-Krise auf eine tiefe Rezession zu. Das kommt für Trump höchst ungelegen: Er bewirbt sich bei der Präsidentschaftswahl im November um eine zweite Amtszeit.

Der Präsident sagte dazu, niemand mache ihm den coronabedingten Wirtschaftseinbruch zum Vorwurf. Er habe das Land bereits ein Mal zu großer wirtschaftlicher Stärke geführt. Dies könne er wieder tun.

[Wenn Sie alle aktuellen Entwicklungen zur Coronavirus-Krise live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Millionen droht Verlust der Krankenversicherung

Der Anstieg der Arbeitslosigkeit führt aber auch an anderer Stelle zu großen Problemen: Einer Studie der Kaiser Family Foundation zufolge könnten in den USA fast 27 Millionen Menschen ihre Krankenversicherung verlieren, weil die meisten Menschen dort über den Arbeitgeber krankenversichert seien. Wer seinen Job verliert, kann es sich oft nicht leisten, die Police für sich und mitversicherte Familienangehörige privat weiter zu bezahlen.

Die Autoren der am Mittwoch (Ortszeit) veröffentlichten Studie gehen zwar davon aus, dass rund 21 Millionen Menschen nach dem Verlust der Versicherung des Arbeitgebers auf staatliche Hilfe hoffen können, darunter auch rund 6 Millionen mitversicherte Kinder. Wegen bürokratischer Hürden oder ungenügender Subventionen dürften viele aber trotzdem mitten in der Pandemie ohne Versicherungsschutz bleiben, hieß es. Zudem hätten rund 6 Millionen Menschen gar keinen Anspruch auf Hilfen.

Die USA sind praktisch das einzige entwickelte Industrieland ohne eine allgemeine staatliche Krankenversicherung. Selbst vor der Corona-Krise hatten rund 28 Millionen Menschen - fast jeder Zehnte im Land - keine Krankenversicherung. (dpa)

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!