Coronavirus : Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser

Haben autoritäre Regime Epidemien und andere Katastrophen tatsächlicher besser im Griff? Ein Kommentar.

Globalisierung mal anders. Brasilianische Soldaten auf dem Luftwaffenstützpunkt Anapolis erwarten am Sonntagmorgen Landsleute aus Wuhan. Diese sollen die nächsten 18 Tage in Quarantäne verbringen.
Globalisierung mal anders. Brasilianische Soldaten auf dem Luftwaffenstützpunkt Anapolis erwarten am Sonntagmorgen Landsleute aus...Foto: Beto Barata / dpa

Alles unter Kontrolle. Eine der beliebtesten Beruhigungsformeln besteht aus drei Wörtern – und aus zwei beunruhigenden Irrtümern. Der eine ist die Annahme, da hätte jemand Verantwortung übernommen. Aber da ist kein Jemand, sondern ein anonymes Versprechen.

Ebenso groß der Irrtum, das pauschale „Alles“ hinzunehmen. Nie, nicht mal beim Kuchenbacken, kontrollieren Leute alles. Situationen und Analysen verändern sich, durch Zufälle, Einfälle, Unfälle, neue Erkenntnisse, neue Daten, neue Erfahrungen.
In China ist eine Epidemie ausgebrochen, ein Virus greift die Atmungsorgane an, verbreitet sich schnell und kann auch letal sein. Jetzt ergreift der Staat Maßnahmen, wie sie nur in autoritären Systemen möglich sind: Reiseverbote, Ausgangssperren, Mundschutzgebot, Millionen Menschen in Massenquarantäne: „Sowas geht nur dort! Die Chinesen haben das im Griff!

Leute in westlich demokratischen Staaten ertappen sich staunend beim Bewundern von so viel staatlicher Konsequenz und Kompetenz. Also, da zeige sich doch mal der Vorteil von Autokratie.

Politische Pandemie

Wirklich? Ist das bewundernde Staunen nicht vielmehr das Symptom einer anderen, einer politischen Pandemie, die mit Globalisierung und Digitalisierung weltweit ausgebrochen ist? In vielen Varianten reicht sie von Brasilien über die Philippinen bis Ungarn bis, aktuell akut, zum kleinen Freistaat Thüringen: Eine Pandemie der Sehnsucht nach der Geltung der Formel: „Alles unter Kontrolle“.

So gibt die Epidemie im autoritären Staat ein Stück weit den Blick auf die Pandemie des Autoritarismus frei. Alles im Griff zu haben, Viren, das Klima, Migrationsbewegungen, das ist der Traum.
Autoritäre Realität sieht freilich anders aus. Auf wackligen Videoaufnahmen, die via Internet nach außen dringen, ist zu sehen, was Chinas staatlich kontrollierte Nachrichten ausblenden: Notstand in Kliniken wegen des Coronavirus, Desorganisation, Hamsterkäufe, Verschwörungstheorien, Ratlosigkeit.
Ein Arzt, Li Wenliang, der vor der Epidemie gewarnt hatte, blieb offenbar ungehört, wurde Ende letzten Jahres wegen „Panikmache“ ermahnt, erkrankte schwer und starb nun am 6. Februar im städtischen Krankenhaus von Wuhan. Weitere Mediziner sollen wegen „Gerüchte-Verbreitung“ sanktioniert worden sein. Erst allmählich sorgen Behörden für mehr Transparenz.

Lenins Motto

„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“, dieses Leitmotiv wird Lenin zugeschrieben, da es so passgenau die Position autoritärer Regime umfasst. Tatsächlich ist Vertrauen besser, da es auf die Verantwortung von Individuen setzt.

Vorbedingungen für die Wirkmacht von Vertrauen sind Wissen, Bildung und der freie Austausch von Informationen und Meinungen, daher garantieren allein demokratische Rechtsstaaten die Basis für deliberative Prozesse, für freie Diskussion, für das Primat der Vernunft gegenüber Ideologie.

Bereits das Wort Einparteiensystem ist ein Widerspruch in sich. Das lateinische Wort „pars“ bedeutet Teil. Eine Partei ist nur ein Teil einer Großgruppe, in der sich politische Entwürfe und Deutungen im offenen Wettstreit befinden.

Mehr Menschlichkeit, weniger Naivität

Überzeugt von der Tragfähigkeit der offenen Gesellschaft hatte Norwegens Regierungschef Jens Stoltenberg 2011 nach dem Massaker auf der Insel Utoya erklärt: „Unsere Antwort wird mehr Demokratie sein, mehr Offenheit und mehr Menschlichkeit. Aber nie Naivität.“

Kein autoritäres System der Welt wäre zu solcher Größe fähig, denn die Logik der Autorität baut auf Angst, nicht auf Öffnung.
Zur offenen Gesellschaft aber gehört nicht nur ein hoher, aufgeklärter Bildungsstand der breiten Bevölkerung, sondern auch die Möglichkeit, auf dessen Grundlage an der Gesellschaft teilzuhaben, aktiv, fragend, verantwortlich.
Demokratische Bildung sollte dafür sorgen, dass informierte Individuen und Gruppen Chancen wie Risiken abwägen, angstfrei und beweglich denken können, Affekte einschätzen und legitime Interessen geltend machen.

Wo das nicht passiert, hat ganz offenbar demokratische Bildungspolitik versagt. Da breitet sich das Virus von Thüringen aus. Es ist fataler, als das grassierende Coronavirus.

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