Das Bundespräsidialamt und der Nationalsozialismus : Unbekanntes in den Akten?

Das Bundespräsidialamt erforscht seine Geschichte mit Blick auf die NS-Zeit. Dabei soll auch das interne Handeln der MitarbeiterInnen untersucht werden.

Frank-Walter Steinmeier und Elke Büdenbender vor der Villa Hammerschmidt in Bonn. Hier wurden noch Orden an Nationalsozialisten verliehen.
Frank-Walter Steinmeier und Elke Büdenbender vor der Villa Hammerschmidt in Bonn. Hier wurden noch Orden an Nationalsozialisten...Foto: Henning Kaiser/dpa

Ein großes Thema, das Folgen für die Geschichtsdeutung haben kann: Der Historiker Norbert Frei von der Friedrich-Schiller- Universität in Jena ist beauftragt, das Forschungsprojekt „Das Bundespräsidialamt und der Nationalsozialismus“ zu verwirklichen. Frei hat nun zwei Jahre Zeit – bis kurz vor Ende der Amtszeit von Frank-Walter Steinmeier –, den Umgang des 1949 geschaffenen Präsidialamts und seiner Bundespräsidenten mit der NS-Vergangenheit zu untersuchen.

Der Untersuchungszeitraum reicht von 1949 bis 1994, als Roman Herzog ins Amt kam, der das sogenannte Dritte Reich als Kind erlebt hatte. Zum einen soll erforscht werden, ob es im Bundespräsidialamt „personelle oder ideelle Kontinuitäten“ zur Zeit des Nationalsozialismus gegeben hat.

Zum anderen soll in Form einer Wirkungsgeschichte untersucht werden, „wie die Bundespräsidenten in ihrem öffentlichen und internen Handeln – vorbereitet und unterstützt durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundespräsidialamts – mit dem Thema Nationalsozialismus umgegangen sind, in Reden, bei Staatsbesuchen, Terminen im Inland und Ordensverleihungen“.

Das ist keine leichte Aufgabe. Denn neben der Frage, welcher Referatsleiter oder Referent in welcher Weise eine etwaige Nazi-Vergangenheit in seine Gegenwart mitgenommen hat, geht es darum, ob Neues zur Vergangenheit der Bundespräsidenten zu finden ist. Die Amtsinhaber Heinrich Lübke und Karl Carstens, beide CDU, sind bereits ausführlich ausgedeutet.

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Aber vielleicht gibt es in den Aktenbeständen bisher Unbekanntes, das noch aufzuarbeiten ist. Etwa dazu, wie der Freidemokrat Theodor Heuss seine Haltung bis 1945 einschätzte; er hatte 1933 dem Ermächtigungsgesetz der Nazis zugestimmt. Oder zu Walter Scheel, ebenfalls FDP, dem eine Unabhängige Historikerkommission 2010 vorwarf, seine NSDAP-Mitgliedschaft erst Jahre nach seinem Amtsantritt als Außenminister zugegeben zu haben.

Norbert Frei hat enge Verbindungen zu Israel

Oder zum Sozialdemokraten Gustav Heinemann, der herausgehobenes Mitglied der Bekennenden Kirche war, aber auch Mitglied im NS-Rechtswahrerbund und der NS-Volkswohlfahrt, vor allem jedoch in der Kriegszeit bis 1949 Justitiar und Vorstand der Rheinischen Stahlwerke. Oder zu Richard von Weizsäcker, der sich als Hilfsverteidiger im Nürnberger Wilhelmstraßenprozess zwangsläufig sehr direkt mit den Verbrechen der Nazis beschäftigte.

Dafür sollte Norbert Frei der Richtige sein. Er ist einer der Historiker, die sich mit dem Begriff der „Vergangenheitspolitik“ hervorgetan haben. Der Begriff bezeichnet die als zu mild beurteilte Politik der jungen Bundesrepublik gegenüber NS-Mitläufern bei gleichzeitig harter Verfolgung weniger Haupttäter mit dem Ziel, einerseits die Westintegration Deutschlands und andererseits den inneren Zusammenhalt der Bevölkerung zu sichern.

Neben seiner Lehrtätigkeit gehörte und gehört Frei zahlreichen Beiräten und Kommissionen an, so seit 2018 (wieder) dem Wissenschaftlichen Beirat des Fritz- Bauer-Instituts in Frankfurt am Main, früher dem Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. Seit 1999 ist er Vorsitzender des Wissenschaftlichen Kuratoriums der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. Eng sind Freis Verbindungen zu Israel, zu den Universitäten in Tel Aviv und Jerusalem.

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