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Claus Weselsky, Vorsitzender der Lokführergewerkschaft GDL.
© Lukas Schulze/dpa

Soll das Neun-Euro-Ticket bleiben?: Das Pauschalticket ist zu billig

Die Bahn kann den Ansturm der Fast-Gratis-Fahrgäste nicht verkraften. Die Leistung muss bezahlt werden. Und das Bahn-Management muss seinen Kurs ändern.

Claus Weselsky ist Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL)

Ein einfaches, günstiges Ticket, das bundesweit für den gesamten ÖPNV gilt – das ist erst mal eine Sensation. Bisher kochte jeder Verkehrsverbund sein eigenes Süppchen, die Fahrgäste mussten Tarifdschungel durchdringen. Das Pilotprojekt ist allerdings nicht gelungen: Der Ansturm, vor allem der auf die Eisenbahn, offenbarte die Mängel des kaputtgesparten Eisenbahnsystems und führte zu noch mehr Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit.

Zu viele Menschen nutzten plötzlich die Bahnen. Pendler fanden teilweise keinen Platz mehr und wurden verprellt, anstatt mehr von ihnen in den ÖPNV zu ziehen. Die ohnehin stark ausgelasteten Züge und die schon bisher stark belasteten Eisenbahner wurden zusätzlich belastet. So einen Ansturm können wir auf Dauer nicht verkraften. Wir haben weder die Infrastruktur noch das Personal dazu.

[Lesen Sie hier das Pro von Ulrich Schneider vom Paritätischen Wohlfahrtsverband.]

Das Neun-Euro Ticket ist zu billig. Wir tun so, als ob der Schienen-Nahverkehr fast umsonst zu haben ist. Ein fataler Irrtum. Der Wert des Nahverkehrs muss in einem monatlichen Preis abgebildet werden. Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen hat ein bundesweites Verbundticket für 69 Euro gefordert. Das ist ein vernünftiger Preis, der viel günstiger ist als der Individualverkehr. Für Menschen, die sich das nicht leisten können, muss sich die Politik Gedanken machen und gegebenenfalls eine Zuschussregelung einführen, allerdings nur für die.

Das Management kümmert sich nicht um die Infrastruktur

Die Fahrgäste wollen sicher, pünktlich und zuverlässig von A nach B kommen. Brücken und Gleise sind jedoch marode, die Fläche ist von der Infrastruktur abgehängt. Stattdessen wurden die Gelder in Schnellfahrstrecken ohne Mehrfachnutzung und andere Prestige-Objekte versenkt. Darüber hinaus ist für das Bahnmanagement seit Jahrzehnten die Schiene in Deutschland die schönste Nebensache der Welt. Milliarden an Steuergeldern flossen ins Ausland und in bahnfremde Aktivitäten. Anscheinend dämmert das langsam auch der Politik.

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Damit Geld nicht länger in Prestigeobjekte gesteckt wird oder im Ausland versandet, und damit keine wettbewerbsfeindlichen Quersubventionen mehr erfolgen, müssen wir eine Bahnreform 2 durchsetzen: Die Töchter DB Netz und Station & Service aus dem Aktienrecht rausholen und mit DB Energie zu einer Infrastruktur GmbH verschmelzen ist der einzig richtige Weg. Erst dann dürfen die dringend nötigen Milliarden für die sanierungsbedürftige Eisenbahninfrastruktur fließen.

Die Sanierung der Schiene wird Jahrzehnte dauern

Auch müssen wir langfristige Investitionen und Perspektiven für die Baumaßnahmen über einen Infrastrukturfonds sicherstellen. Es wird Jahrzehnte dauern, das Schienensystem auf Vordermann zu bringen. Derzeit fehlen Planungsingenieure, Handwerker, Baugenehmigungen. Und die geplanten Mittel für die Investitionen reichen auch nicht.

Je besser die Schiene wird, desto mehr Kunden können sie zufrieden nutzen. Ohne Schiene kann es keine Verkehrsverlagerung von den verstopften Straßen – mit all den Problemen des Klimawandels – geben. Da müssen wir ran, dürfen aber das System Schiene und die Eisenbahner dabei nicht permanent überlasten.

Claus Weselsky

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