Debatte um Schweinefleisch in Kitas : Deutschland, du bist crazy!

Eine Leipziger Kita verzichtet auf Schweinefleisch und in Deutschland bricht der Kulturkampf aus. Unsere Kolumnistin meint: Das ist ziemlich irre.

Sachsen, Leipzig: Ein Fahrrad mit Kindersitz steht am Eingang einer Kindertagesstätte (Symbolbild)
Sachsen, Leipzig: Ein Fahrrad mit Kindersitz steht am Eingang einer Kindertagesstätte (Symbolbild)Foto: Sebastian Willnow/dpa-Zentralbild/dpa

Achtung, hier wird eine Sau durchs Dorf gejagt: Seit zwei Tagen sind Teile der Teutschen Rrrrepublik mal wieder mit Schnappatmung auf den kulturkämpferischen Barrikaden, um ein hohes nationales Gut vor der Verdrängung zu retten. Es geht um die Wurst! Und nicht nur um die. Es geht, tatatatam, um unsere Tradition, unsere Nation, unsere Identität, unsere Geschichte, unsere Gegenwart, unsere Zukunft, unsere Kinder, unsere Freiheit! Unsere Freiheit, zu leben, wie wir es wollen, jawohl, und nicht, wie die es uns aufoktro-äh-dingsen (die in Deutschland lebenden Muslime, Anmerkung der Redaktion).

Zwei Leipziger Kitas streichen Schweinefleisch vom Speiseplan - halb Twitter rastet aus

Aber von vorn. Was konnte das Land so schnell vom Grill wegreißen und an die Hater-Tastaturen katapultieren? Das hier: In Leipzig hatte die Leitung zweier Kindertagesstätten entschieden, künftig auf Schweinefleisch und Gelatine zu verzichten, mit Rücksicht auf die muslimischen Kinder in der Einrichtung. Das Schreiben, mit dem der Leiter die Eltern der rund 300 Kinder darüber informierte, geriet in die Hände der „Bild“-Zeitung, die sich offenbar dachte: „Geil, das klickt“ und damit wucherte, in der Zeitung sogar auf der ersten Seite. Focus Online zog nach.

Am Dienstagnachmittag trendete das Schlagwort #Schweinefleisch auf Twitter.

Die AfD stieg ein. Beatrix von Storch sprach von „kultureller Unterwerfung“. Der Landesgeneralsekretär der CDU Sachsen, Alexander Dierks, sagte, ein „Verbot“ sei nicht der richtige Weg. Die Bundestagsfraktion der CSU twitterte: „Einmal mehr überdrehen die Vertreter linker Political Correctness!“ Die Katholische Nachrichtenagentur rief bei Heinz-Peter Meidinger an, dem Chef des deutschen Lehrerverbandes, der sagte, viele Schulen verzichteten mittlerweile auf Schweinefleisch, was er für problematisch halte, wenn „sich dann die nichtmuslimische Minderheit dieser Vorgabe komplett unterwerfen muss“.

Auf der Facebook-Seite von Focus Online ergingen sich die Kulturkämpfer derweil in Subversionsfantasien: Katrin K. schrieb, wäre ihr Enkel betroffen, bekäme er zu Hause jeden Tag Schweinebraten, „schon aus Prinzip“. Am Mittwoch dann verbreitete eine Nachrichtenagentur die Meldung, die Leipziger Polizei habe Streifenwagen vor den Kitas postiert. Das dementierte ein Polizeisprecher später am Telefon genervt.

Man habe die Bildzeitungsnachricht gesehen und sei daraufhin am Dienstag zwei Mal zur Kita gefahren, um zu fragen, ob man wegen des erhöhten Medieninteresses Hilfe brauche – der Leiter sei nämlich nicht ans Telefon gegangen. Das tut er auch am Mittwochnachmittag nicht, verständlicherweise. In einem Schreiben an die Eltern hatte er schon am Dienstagabend auf den Verzicht vorerst wieder verzichtet.

Manche öffentliche Kantinen verzichten auf Schweinefleisch, manche nicht. Wo ist das Problem?

Neu ist das alles nicht. Manche öffentliche Kantinen und Mensen verzichten auf Schweinefleisch, manche nicht. Die Berliner Senatsverwaltung zum Beispiel teilte mit, es gebe in Berlin sowohl Schulen, die auf Schweinefleich verzichteten, als auch solche, die es nicht tun. Öffentliches Debattenthema war das alles auch schon mal, zuletzt als die CDU in Schleswig-Holstein 2016 ein Schweinefleischverbot-Verbot für öffentliche Kantinen beschließen wollte.

Die Aufregung ist und bleibt absurd und hysterisch. Sie ist eigentlich nur mit tieferliegenden Urängsten, islamophoben Ressentiments und den Mechanismen der Meinungsmache im Netz zu erklären. Schweinefleisch gilt nicht als besonders gesundes Lebensmittel. Trotzdem darf es natürlich jeder weiter essen. Da, wo Menschen verschiedener Religionen aufeinandertreffen und es keine Möglichkeit gibt, mehrere Menüs anzubieten, gibt es eben Rind, Huhn oder Pasta. Wo ist das höhere, schützenswerte Gut, das das Pathos rechtfertigt?

Die Wursthysterie ist absurd

In diesen Tagen allerdings scheint die Wursthysterie besonders absurd: In der Straße von Hormus verschärft sich täglich ein Konflikt zwischen dem Iran, den USA und Europa, der dazu führen könnte, dass diese Meerenge zunehmend unpassierbar wird, mit schweren Folgen für den globalen Handel und die Versorgung der Welt mit Öl. Deutschland wird entscheiden müssen, ob es sich an militärischen Geleitschutzaktionen in der Straße von Hormus beteiligen möchte – ja, ob es das überhaupt kann, weil die Bundeswehr nur sehr bedingt einsatzfähig ist. Deutschland aber schaut auf den Teller, statt über den Rand.

Ach, Deutschland. So liebenswert, so komplexbeladen. Du bist echt völlig crazy! Hier haste ’ne Tüte. Atmen. Alles wird guuuut. Jedenfalls das mit der Wurst. Das mit dem Iran: womöglich nicht. Also lieber schnell zurück an den Grill.

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