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Im Spotlight: Moderna

© Credits: getty-images, imago-images; Montage: Tagesspiegel | Manuel Kostrzynski

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Der passende Stoff: Booster mit Biontech oder Moderna – macht es einen Unterschied?

Mit der Ankündigung, die Auslieferung von Biontech zu begrenzen, hat Minister Spahn viele verunsichert. Welche Folgen das für die Impfkampagne hat.

Jens Spahn muss am Montagmorgen einiges geraderücken. Gerade ist die Kampagne für Auffrischungsimpfungen in Deutschland in Gang gekommen, als der geschäftsführende Gesundheitsminister für reichlich Irritationen sorgt.

Die Bestellmengen für den Biontech-Impfstoff müssten in den nächsten Wochen auf 30 Dosen pro Arztpraxis pro Woche gedeckelt werden, gab Spahn vor dem Wochenende bekannt. Der CDU-Politiker verwies stattdessen auf Moderna-Vorräte, deren Haltbarkeit begrenzt sei. Eine Ansage, die bei seinen Länderkolleg:innen und in der Ärzteschaft für massiven Ärger sorgte.

Wie konnte es zu dem Durcheinander in der Kommunikation kommen?

Als Spahn vor die Presse tritt, äußert er sein Bedauern. Es sei „genug“ Impfstoff für alle Impfungen bis zum Jahresende da. Leider sei der Eindruck entstanden, die Bundesregierung setze nur deshalb auf den Moderna-Impfstoff, um einen Verfall im ersten Quartal 2022 zu vermeiden. Das sei auch ein Aspekt, aber nicht der entscheidende. Das Interesse an den Auffrisch-Impfungen stieg zuletzt so stark, dass bei Biontech die Bestellmengen die Vorräte übersteigen.

Der Minister hat deshalb zwei Experten mitgebracht, die über Wirksamkeit und Sicherheit des Impfstoffs von Moderna Auskunft geben: den Präsidenten des PaulEhrlich-Instituts, Klaus Cichutek, sowie den Leiter der Charité-Forschungsgruppe für Infektionsimmunologie und Impfstoff-Forschung, Leif Erik Sander.

Die Impfstoffe von Biontech und Moderna zeichnen sich durch eine besonders hohe Wirksamkeit und ein besonders niedriges Risikoprofil aus.

Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts

Dass es auf jedes Wort ankommt, zeigte der Fall von Astrazeneca Anfang des Jahres. Als der Impfstoff zeitweise nur für Menschen unter 65 Jahren empfohlen wurde, führte das zu einem Vertrauensverlust. Die Politik will unbedingt vermeiden, dass sich ein solcher Fall wiederholt.

Die Gesundheitsminister:innen der Länder sind alarmiert. Gemeinsam habe man sich bei Beratungen mit Spahn am Montagabend dafür eingesetzt, den Minister zur Umkehr zu bewegen, sagte die niedersächsischen Ressortchefin Daniela Behrens (SPD). Der Bund habe daraufhin eine Kurskorrektur zugesagt und werde nun mehr von dem Biontech-Vakzin zur Verfügung stellen.

Spahn habe mit seiner Ankündigung der Impfkampagne „einen echten Bärendienst erwiesen“, sagte Behrens. „Wir wissen aus den vergangenen Monaten, dass es beim Impfen neben dem Gesundheitsschutz auch um Vertrauen geht. Und mit einer derart desaströsen Kommunikation schürt der Bund eher Misstrauen und Ärger.“

Macht es einen Unterschied, ob zur Auffrischung Impfstoff von Biontech oder Moderna genutzt wird?

Klaus Cichutek, Chef des Paul-Ehrlich-Instituts, lobt beide Impfstoffe, die sich durch eine „hohe Wirksamkeit“ und ein „besonders niedriges Risikoprofil“ auszeichneten. „Deutschland sitzt im Schlaraffenland“, sagt er.

Beide Impfstoffe seien bei Sicherheit und seltenen Nebenwirkungen gleichwertig. Ebenso sieht es bei den vorübergehenden Impfreaktionen aus, beispielsweise Kopfschmerzen oder Schmerzen an der Einstichstelle.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) erläutert gemeinsam mit Leif Erik Sander, Leiter der Forschungsgruppe für Infektionsimmunologie und Impfstoff-Forschung der Berliner Charité, und Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, die Vorteile einer Auffrisch-Impfung.

© Christian Mang/Reuters

Tatsächlich ist der Moderna-Impfstoff Spikevax als Booster vergleichbar wirksam wie Biontechs Comirnaty. Daten aus Singapur zufolge hatten zuvor mit Biontech Geimpfte bei einer dritten Dosis Comirnaty ihr Infektionsrisiko (mit der Delta-Variante) um 62 Prozent reduziert, diejenigen, die Moderna bekommen hatten, hatten ein um 72 Prozent reduziertes Infektionsrisiko.

Das spricht dafür, dass ein Mix der Impfstoffe Vorteile bringt. Der Unterschied ist allerdings gering und auf keinen Fall ein Argument, eine Biontech-Impfung abzulehnen und auf Moderna zu warten – oder umgekehrt.

Es kommt jetzt aufs Tempo beim Boostern an.

Leif Erik Sander, Leiter der Charité-Forschungsgruppe für Infektionsimmunologie und Impfstoff-Forschung

Der Charité-Experte Sander hält die Kombination unterschiedlicher Impfstoffe für „problemlos möglich“, ebenso wie den Einsatz von drei verschiedenen Impfstoffen, also etwa erst Astrazeneca, dann Biontech und Moderna zur Auffrischung.

In der Empfehlung der Stiko heißt es, dass für die Auffrisch-Impfung „möglichst“ der mRNA-Impfstoff benutzt werden solle, der bei der Grundimmunisierung zur Anwendung gekommen sei. Wenn dieser nicht verfügbar sei, könne auch der jeweils andere mRNA-Impfstoff eingesetzt werden. Es komme jetzt aufs Tempo beim Boostern an, sagt Impfstoff-Experte Sander. Er verweist darauf, dass die Kreuzimpfung immunologisch sogar Vorteile bieten könne.

Gibt es in diesem Winter überhaupt genug Impfstoff?

Bis zum Jahresende stehen laut Bundesgesundheitsministerium rund 50 Millionen Impfdosen zur Verfügung. Allein an diesem Montag gingen sechs Millionen Dosen Biontech an Praxen und Impfzentren, also mehr als es bisher an Auffrisch-Impfungen gab. „An vielen Stellen im Land baut sich ein Puffer auf“, sagte Spahn.

Doch in den nächsten Wochen werden nur zwei bis drei Millionen Biontech-Dosen pro Woche ausgeliefert, während von Moderna sofort mehr als 16 Millionen Dosen da wären.

Biontech hat immerhin zugesagt, in der kommenden Woche eine Lieferung von einer Million Dosen vorzuziehen, wie Gesundheitsminister Spahn während der Beratungen mit seinen Länderkollegen ankündigte. Die Lieferung war ursprünglich für Dezember vorgesehen. Ob es bis Jahresende bei den derzeit geplanten 24 Millionen Dosen bleibe oder diese Zahl erhöht werden könne, werde sich in den kommenden Tagen entscheiden. Ärztevertreter hatten kritisiert, die Impfkampagne werde durch Spahns Bestellobergrenze „sabotiert“.

Für wen werden Auffrischungen empfohlen?

Zunächst hatte die Ständige Impfkommission Auffrisch-Impfungen für Ältere über 70 Jahren, Bewohner von Pflegeheimen, medizinisches und pflegerisches Personal sowie Menschen mit Immundefiziten angeraten.

Schlange am Impfzentrum Messe Berlin

© AFP / AFP/Stefanie Loos

Nun gilt die Empfehlung für alle Erwachsenen. „In der Regel“ solle die Auffrischung sechs Monate nach der Grundimmunisierung verabreicht werden. Der Impfabstand kann „im Einzelfall“ und wenn genügend Kapazitäten vorhanden sind, auf fünf Monate verkürzt werden – so handhabt es Berlin.

Für die unter 30-Jährigen empfiehlt die Stiko Biontech, weil laut Studien in dieser Altersgruppe das Risiko der sehr seltenen Nebenwirkung einer Herzmuskelentzündung noch geringer ist als bei Moderna.

Wie verändert sich der Impfschutz durch einen Booster?

Auch bei doppelt Geimpften lässt die Wirkung des Impfschutzes im Laufe der Zeit nach. Angesichts der hoch ansteckenden Delta-Variante des Coronavirus seien zunehmend auch Geimpfte am Infektionsgeschehen beteiligt, sagt Charité-Experte Sander.

Daten aus Israel legten nahe, dass der Impfschutz sich durch einen Booster um das bis zu 20-Fache erhöht; auf ähnliche Werte kommt eine neue auf der Preprint-Website MedrXiv veröffentlichte Studie eines Teams um Thomas McDade von der Northwestern University in Chicago. Der Zugewinn an Schutz beträgt demnach im Durchschnitt sogar das 25-Fache, jedenfalls was die schützende Antikörpermenge im Blut betrifft.

Wie geht es bei den Impfungen für Kinder von fünf bis zwölf Jahren weiter?

Mit einer Zulassung des Biontech-Impfstoffs für diese Altersgruppe ist in Europa in den nächsten Tagen zu rechnen. Doch das bedeutet nicht, dass sofort Chargen mit der für Kinder vorgesehenen geringeren Dosis zur Verfügung stehen.

Am 20. Dezember erhalten die EU-Staaten laut Spahn die Impfdosen; 2,4 Millionen Dosen gehen nach Deutschland. Bei 4,5 Millionen Kindern in diesem Alter könne damit der erste Bedarf abgedeckt werden, sagt der Gesundheitsminister.

Reduziert Deutschland angesichts der Booster-Kampagne seine Impfstofflieferungen an ärmere Länder?

Deutschland hat versprochen, bis zum Jahresende 100 Millionen Impfdosen an ärmere Länder zu spenden – zum Teil über die internationale Impfstoffallianz Covax. Tatsächlich ausgeliefert wurden bisher nach Angaben von Spahn 20 Millionen Dosen, verbindlich zugesagt sind weitere 48 Millionen.

Bisher geht es dabei um die Vakzine von Astrazeneca, Johnson&Johnson sowie Biontech, Moderna war bisher außen vor. Doch seit Ende Oktober gibt es  einen Covax-Vertrag der EU mit Moderna, so dass Deutschland perspektivisch auch diesen Impfstoff spenden könnte.

Spahn sagte, er habe eine ursprünglich für Dezember vorgesehene Auslieferung von 8,7 Millionen Biontech-Dosen gestoppt, um sie hierzulande zu nutzen.

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