Die lange Geschichte des Rassismus : Beidseits der Color-Line

Schwarze US-Bürger konnten in Kaiserreich und Nachkriegsdeutschland das Fehlen von Diskriminierung erleben. Das prägte sie, die USA - und Deutschland. Ein Essay.

Gianna Zocco
Zwei Farben, ein Anliegen: Szene von der "Black Lives Matter"-Demonstration am 27. Juli in Berlin.
Zwei Farben, ein Anliegen: Szene von der "Black Lives Matter"-Demonstration am 27. Juli in Berlin.Foto: Tobias Schwarz, AFP

- Gianna Zocco ist Literaturwissenschaftlerin und Marie-Sklodowska-Curie-Fellow am Berliner Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung. Sie forscht zu Deutschland und seiner Geschichte in der afroamerikanischen Literatur.

Seine Berliner Jahre müssen für ihn eine bewegende Erfahrung gewesen sein: „Ich befreite mich von den Extremen meines rassistischen Provinzialismus. Ich wurde menschlicher.“ Mit diesen Sätzen beschrieb der afroamerikanische Bürgerrechtler W.E.B. Du Bois sein Studium in den Jahren 1892 bis 1894.

Liest man heute, wie positiv der spätere Historiker und Soziologe, der kurz nach seiner Rückkehr in die USA als erster Schwarzer einen Doktortitel an der Harvard University erwarb, über seine Lehrjahre im deutschen Kaiserreich schrieb, so mag man irritiert sein über den scheinbaren Widerspruch zwischen seinen Äußerungen und den heutigen Erfahrungsberichten Schwarzer Menschen über systemischen Rassismus in Deutschland.

Gilt „Deutschland Du hast ein Rassismusproblem“ – einer der Sätze, die jüngst auf den Plakaten der Black-Lives-Matter-Bewegung in deutschen Großstädten zu lesen waren – etwa nur für die wiedervereinigte Bundesrepublik? War die in der Zusammensetzung ihrer Studentenschaft damals wesentlich homogenere Humboldt-Universität, die zu Du Bois’ Zeiten noch Friedrich-Wilhelms-Universität hieß, für einen ihrer wenigen nicht-weißen Studenten ein von Diskriminierung freier Ort?

Für die aktuelle, von George Floyds gewaltsamem Tod ausgelöste Debatte sind Du Bois’ Äußerungen wohl weniger als Befund über das Vorhandensein rassistischer Einstellungen im Deutschland des ausgehenden 19. Jahrhunderts erhellend, als hinsichtlich ihrer transatlantischen Dynamik: Wenn es um Rassismus geht, blicken Deutsche und US-Amerikaner und Amerikanerinnen gerne auf die jeweils andere Seite des Atlantik.

Je nach Kontext und Intention werden diese Blicke oft von selbstzufriedener Empörung über „die unvorstellbaren Zustände dort drüben“ getragen; oder sie sind umgekehrt mit dem kritisch-engagierten Bemühen verbunden, mithilfe „importierter“ Slogans und Ideen etwas an den Missständen im eigenen Land zu ändern. In beiden Fällen birgt der Blick über den Atlantik Risiken: Er ist einerseits anfällig dafür, dass man hauptsächlich sieht, was man sehen will; andererseits besteht die Gefahr des Verkennens oder Überschätzens von Differenzen. Zugleich haben solche Perspektivwechsel das Potenzial, eine lehrreiche Distanz auf zur Gewohnheit gewordene Zustände im eigenen Land zu eröffnen.

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Der historische Fall von W.E.B. Du Bois, an den in Berlin nicht nur eine Gedenktafel an seiner ehemaligen Wohnadresse in Kreuzberg, sondern demnächst auch ein vom Künstler Jean-Ulrick Désert gestaltetes Denkmal im Hauptgebäude der Humboldt-Universität erinnern, zeigt beispielhaft, dass oft mehreres zusammenkommt. Der 1868 in einer vergleichsweise toleranten Kleinstadt in Massachusetts geborene Du Bois war in der Überzeugung aufgewachsen, dass sich die Grenzen zwischen Schwarz und Weiß durch Fleiß, Leistung und puritanischen Lebensstil überwinden ließen.

Erst in Berlin merkte er, wie einengend es gewesen war, Vorurteile gegenüber Schwarzen durch stets vorbildhaftes Verhalten widerlegen zu müssen. Im Austausch mit seinen Berliner Kommilitonen, die ihm wohl auch deswegen unvoreingenommener begegneten, weil er als amerikanischer Stipendiat privilegierter als viele andere war, entdeckte er die Bedeutung von „Wein, Weib und Gesang“. In Tagebucheinträgen beschwor er in der Manier des Sturm und Drang seine Sehnsucht nach einem sinnlich intensiven und zugleich historisch bedeutsamen Leben. Werke wie die Essaysammlung „The Souls of Black Folk“ (1903), die erstmals hundert Jahre später als „Die Seelen der Schwarzen“ auf Deutsch erschien, verknüpfen bei Hegel und Herder entlehnte romantisch-nationalistische Ideen mit präzisen soziologischen Analysen zur Situation der Afroamerikaner.

Liberal wurde auf Schwarze mit US-Pass geschaut

Die problematischen Seiten des deutschen Kaiserreichs wurden ihm erst später klar. So verband Du Bois mit seinen Studienjahren in Berlin zwar zeitlebens die Befreiung von der amerikanischen Variante rassistischen Denkens, bekannte jedoch rückblickend, dass ihm die imperialistischen Züge der Bismarckschen Politik und die europäische Verstrickung in den Sklavenhandel kaum bewusst gewesen seien.

Das änderte sich in den Folgejahren, als er sich zu einem Vorreiter des Schwarzen Internationalismus entwickelte und die globalen Dimensionen des Rassismus erkannte. Als geradezu prophetisch wurde ein Satz aus seiner Rede beim ersten panafrikanischen Kongress 1900 in London gedeutet: „Das Problem des 20. Jahrhunderts ist das Problem der Color-Line.“

Das liberale Klima gegenüber Schwarzen mit US-amerikanischem Pass, das Du Bois mit Künstlern und Künstlerinnen wie Josephine Baker, Sam Wooding und Claude McKay im Berlin der Weimarer Republik genießen konnte, stellt nur einen Hintergrund der afroamerikanischen Blicke auf Deutschland dar. Eine weitere Folie bilden Bezugnahmen auf Nationalsozialismus und Holocaust, die den Kampf gegen den US-Rassismus in unterschiedlicher Hinsicht beförderten.

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Ein frühes Beispiel ist der Journalist und Schriftsteller William Gardner Smith (1927–1974), der als Besatzungssoldat 1946 nach Deutschland kam. Die paradoxe Erfahrung, als Teil einer nach „Rassen“ segregierten US-Armee im besiegten Nachkriegsdeutschland Aufklärungsarbeit gegen den nationalsozialistischen „Rassenwahn“ leisten zu müssen, verarbeitete er in seinem unübersetzt gebliebenen Roman „The Last of the Conquerors“ (1948). Rassismus, so der Tenor des Buches, begegnete den Schwarzen GIs vorrangig von Seiten ihrer weißen Vorgesetzten.

Diese ließen sie vor allem niedrigqualifizierte Hilfsarbeiten ausführen und versuchten, sie von der deutschen Bevölkerung, insbesondere den Frauen, möglichst fernzuhalten. Die Erfahrungen der rund 1,2 Millionen Schwarzen Amerikaner, die als Soldaten am Zweiten Weltkrieg teilnahmen, und die der mehr als zwei Millionen, die während des Kalten Kriegs in Deutschland stationiert waren, beeinflussten die Entwicklungen in den USA. Schon 1942 lancierte die Schwarze Zeitung „The Pittsburgh Courier“ die „Double V campaign“, die – Bezug nehmend auf das populäre Victory-Zeichen – junge Afroamerikaner mit der Parole eines zweifachen Siegs für den Dienst an der Front zu mobilisieren suchte: „Democracy – Double Victory, At Home – Abroad“.

Schwarze GIs wurden nicht als Helden empfangen

Bei ihrer Rückkehr in die USA mussten viele Schwarze GIs jedoch feststellen, dass es mit dem „Sieg in der Heimat“ nicht weit her war: Trotz ihres patriotischen Einsatzes wurden sie nicht als Helden empfangen, sondern weiter als Bürger zweiter Klasse behandelt. Das Wissen, einen „Hauch von Freiheit“ (so der ehemalige US-amerikanische Außenminister Colin Powell) ausgerechnet im besiegten Deutschland kennengelernt zu haben, verstärkte die Bereitschaft vieler Rückkehrer, sich auch in ihrer Heimat dem Kampf gegen den Rassismus zu verschreiben – und wurde so zum Impulsgeber für die aufkeimende Bürgerrechtsbewegung.

Während die Proteste in den USA damals wie heute große Aufmerksamkeit auf der hiesigen Seite des Atlantik erhielten und ihrerseits gegenkulturelle Entwicklungen – man denke an die westdeutsche Studentenbewegung oder die Aktion „Eine Million Rosen für Angela Davis“ in der DDR – inspirierten, blieb die Zeit des Nationalsozialismus auch jenseits direkter autobiografischer Erfahrungen ein Bezugspunkt im Kampf gegen den US-Rassismus.

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Dabei zeigt sich eine Problematik, die bei transnationalen Gegenüberstellungen oft im Spiel ist, wenn es um das Vergleichen von historischen Leidenserfahrungen geht. Ein extremes Beispiel ist der afroamerikanische Nationalist Khalid Abdul Muhammad, der vom transatlantischen Sklavenhandel als einem „black holocaust“ sprach, der um „hundertmal schlimmer“ als der Mord an den europäischen Juden gewesen sei. Doch auch Schwarze Intellektuelle ganz anderen Formats, etwa der in den vergangenen Jahren wiederentdeckte Schriftsteller James Baldwin (1924–1987), sprachen von den USA als dem „Vierten Reich“ und verglichen die afroamerikanischen Schüler und Schülerinnen, die sich an einem pöbelnden Mob vorbei Einlass in ehemals Weißen vorbehaltene Schulen verschafften, mit jüdischen Kindern in Hitler- Deutschland.

Ist es ethisch vertretbar, den höheren Grad an Anerkennung, den das Leiden einer Opfergruppe im öffentlichen Bewusstsein erfahren hat, zu nutzen, um auf das Leiden anderer aufmerksam zu machen? Bedeutet die Herstellung solcher Parallelen zwangsläufig die Herabminderung oder Relativierung des Leidens der einen zugunsten der anderen? Während Muhammads Äußerungen zweifellos von einer Wettbewerbslogik durchzogen sind, ist die Lage bei Baldwin komplexer.

Der schwarze Freund - inhaftiert in einer Ex-NS-Hinrichtungsstätte

Der Vergleich zwischen Nationalsozialismus und US-Rassismus, der vor allem in seinen späteren Texten zu finden ist, geht einher mit einer Verlagerung seiner Interessen von rein amerikanischen auf globalpolitischere Kontexte und folgt insofern weniger einer kompetitiven als einer „multidirektionalen“ Struktur.

Die Analogien zu Nazideutschland sind nicht nur eine Strategie, um das Ausmaß der rassistischen Diskriminierung der afroamerikanischen Bevölkerung wirkungsvoll zu benennen, sondern umgekehrt schärft James Baldwins Vertrautheit mit dem US-Kontext auch seine Sensibilität für das Wirken vergleichbarer und historisch teilweise verwandter Dynamiken andernorts. In Hinblick auf die Bundesrepublik zeigt sich das in seinem Engagement und der (unvollendet gebliebenen) literarischen Verarbeitung des Falls von Tony Maynard, einem afroamerikanischen Chauffeur und Freund Baldwins, der auf internationalen Haftbefehl hin sechs Monate in einem Hamburger Gefängnis einsaß.

Als Afroamerikaner wusste Baldwin nur zu gut um die besondere Gefährdung, der Schwarze Männer in Polizeigewahrsam ausgesetzt sind. Erschreckt von der drastischen Symbolik, dass sein Freund ausgerechnet in der Untersuchungshaftanstalt am Holstenglacis, einer ehemaligen NS-Hinrichtungsstätte, inhaftiert war, beschrieb er seinen Einsatz als bestimmt von der doppelten Herausforderung, „die Gesetze zweier Länder und die Psychologie zweier nicht allzu verschiedener Völker“ berücksichtigen zu müssen.

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Betrachtet man Beispiele neueren Datums, in denen afroamerikanische Intellektuelle auf Deutschland blicken, zeigt sich die Langlebigkeit vieler historischer Perspektiven. So entdecken Paul Beatty in „Slumberland“ (2008) und Darryl Pinckney in „Black Deutschland“ (2016) nicht nur Parallelen zwischen der amerikanischen „Color-Line“ und der deutschen Teilung in Ost und West, sondern sind beide beeinflusst von Du Bois’ Erfahrungen im Kaiserreich und der internationalen Anziehungskraft des liberalen Berlins der „Goldenen Zwanziger“.

Für John A. Williams’ „Clifford’s Blues“ (1998) und Teju Coles „Open City“ (2012) bleibt der Holocaust zentraler Bezugspunkt, wobei Williams sich besonders für tendenziell marginalisierte Opfergruppen wie Schwarze und Homosexuelle interessiert, während Cole die Frage nach den Differenzen zwischen verschiedenen historischen Traumata thematisiert. Die Notwendigkeit, Differenzen zu beachten, ist schließlich auch eine Schlüsselidee im Werk der afroamerikanischen Dichterin und Feministin Audre Lorde (1934–1992), deren Wiederentdeckung im aktuellen Kontext vielleicht am fruchtbarsten ist.

Für Audre Lorde, die sich in den 1980er Jahren regelmäßig in Berlin aufhielt und dort zur Impulsgeberin der afrodeutschen Bewegung wurde, erforderte die Zusammenarbeit von Afro-Deutschen und Afroamerikanerinnen eine Sensibilisierung für die „gemeinsamen Unterschiede“: „Um erfolgreich die vielen Gesichter des institutionalisierten Rassismus zu bekämpfen, müssen wir die Stärken unserer Visionen wie auch die aus je spezifischen Erfahrungen geborenen Waffen miteinander teilen.“

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