Die SPD und die Vermögensteuer : Mehr Neid wagen!

Die SPD plant eine Vermögensteuer. Gut so! Das Gerede vom Klassenkampf, einer Neidgesellschaft und deutscher Leistungsfeindlichkeit ist absurd. Ein Kommentar.

Pelzmantel-Trägerinnen bei einem Pferderennen in St. Moritz
Pelzmantel-Trägerinnen bei einem Pferderennen in St. MoritzFoto: GIAN EHRENZELLER/picture alliance / dpa

Wenn der Ton schrill wird und nach einer drohenden Revolution klingen soll, sehen Deutschlands Milliardäre ein Prozent ihres Vermögens in Gefahr. Das „Handelsblatt“ titelt bereits „Im Klassenkampf“. Ein Kommentator der „Welt“ meint, die „Erfolgsarmen“ würden gegen die „Erfolgreichen“ mobilisiert.

Worum geht’s? Die SPD plant eine Mini-Vermögensteuer, die vor allem jene bezahlen müssen, die sich nicht entscheiden können, ob sie sich als nächstes eine Yacht oder einen Privatjet kaufen.

An dieser Stelle werden die Verteidiger möglichst hoher grenzenloser Reichtümer „Populismus“ rufen. Oder „Sozialismus“. Oder „linker Umverteilungswahn“. Oder „Staatsgier“. An oberster Stelle ihrer Besitzstandswahrerrhetorik rangieren allerdings die Begriffe „Neidgesellschaft“ und „Sozialneid“.

Das lässt tief blicken: Nicht das Recht auf die eigenen Milliarden wird verteidigt, sondern die Motivation derer in den Dreck gezogen, die auf extrem hohe Vermögen eine Abgabe erheben wollen. Diese Neider!

Das Wort hat einen schlechten Ruf. „Neid“, das heißt Missgunst, Unzufriedenheit, Misstrauen, Kleingeistigkeit. Der Neid ist eine von sieben Todsünden. Er zerfrisst die Seele, zerstört den Gleichmut. Ein Neider zu sein, will sich keiner nachsagen lassen.

Der Bauer war nicht neidisch auf den König

Ein anderes Wort für „Neid“ lautet indes „Gerechtigkeitssehnsucht“. Das klingt schon ganz anders. Wer sich nach Gerechtigkeit sehnt, strebt danach, das urdemokratische Versprechen von Gleichheit zu erfüllen. Mann und Frau sollen gleich sein, schwarz und weiß, Homosexuelle und Heterosexuelle, Gläubige und Nichtgläubige.

In einer Demokratie haben Neid und Gerechtigkeitssehnsucht eine potenziell emanzipatorische Funktion. Die einst aus Geschlecht, Herkunft, sexueller Orientierung und Religion abgeleiteten Diskriminierungen sollen abgeschafft werden.

Nun heißt es, die Reichen haben ihren Reichtum verdient, sie haben ihn erarbeitet, er sei einzig und allein das Produkt ihrer Leistung, und Leistungsbereitschaft dürfe nicht bestraft werden. Doch jeder weiß, dass das so nicht stimmt. Auch die Reichen wissen das.

Äußere Faktoren wie der Bildungsabschluss der Eltern, das Geschlecht oder ein möglicher Migrationshintergrund tragen in erheblichem Maße zu Erfolg oder Misserfolg bei. Schwer vorstellbar, dass ein Multimilliardär wirklich eine Korrelation zwischen der Arbeit im Schweiße seines Angesichts und seinem Vermögen empfindet.
In der ständischen Gesellschaft war der Bauer nicht neidisch auf den König. Sie lebten in verschiedenen Welten, die keine Schnittmenge hatten. In der Demokratie dagegen sind die Menschen idealerweise gleich, sie sollen die gleichen Chancen haben, vor Gericht gleichbehandelt werden.

Deshalb wird Ungleichheit als Verstoß gegen ein Prinzip, ein Ideal gewertet. Das bezieht sich in erster Linie auf angeborene Eigenschaften, umfasst aber auch die Einkommensverteilung, sofern sie nicht allein auf individueller Anstrengung und Leistung beruht.

Sind die Genossen gleichmacherische Phantasten?

In Deutschland hat die Ungleichheit in den vergangenen Jahren stärker zugenommen als im Durchschnitt der OECD-Länder. Die Niederlande, Finnland oder Norwegen sind wesentlich egalitärer. Das trägt sowohl zum gesellschaftlichen Frieden als auch zur persönlichen Zufriedenheit bei.

Den Mechanismus illustriert ein Experiment: Ihr Chef bietet Ihnen eine Gehaltserhöhung um 1000 Euro an, Ihre Kollegen sollen allerdings 2000 Euro mehr bekommen. Als Alternative würde die gesamte Belegschaft 500 Euro zusätzlich erhalten. Welches Modell wählen Sie? Die meisten Menschen entscheiden sich für die zweite Variante, also alle 500 Euro mehr. Das zeigt: Für die Stärkung eines als gerecht empfundenen Gleichheitsideals ist der Einzelne zum Verzicht bereit.

Es ist seltsam, ja erschreckend, dass eine Person, die Begriffe wie „Solidarität“, „Teilhabe“, „Chancengleichheit“ oder „Verantwortungsgemeinschaft“ benutzt, oft spöttisch belächelt wird. Offenbar ist es den Niedrigsteuerapologeten gelungen, ihre Antipoden als gleichmacherische Phantasten darzustellen, die sich anhören wie eine Mischung aus Margot Käßmann und Sahra Wagenknecht. Auch Sozialdemokraten schließt der Vorwurf der Kirchentagsromantik ein.
Um ihre Pfründe zu sichern, sind die Claqueure der Ellenbogengesellschaft sogar bereit, die eigene Widerspruchsfreiheit zu opfern. Im Kampf gegen eine Vermögensteuer etwa singen sie ein Loblied auf die individuelle Leistung. Der Erfolg eines Menschen, sagen sie, hängt allein von seinem Tun ab, seinen Fähigkeiten und Entschlüssen.

Dieses Kriterium wird indes beim Kampf gegen eine Erhöhung der Erbschaftsteuer dreist außer Kraft gesetzt. Denn wer erbt, hat ja nichts geleistet. Er wird reich aufgrund von Familie, Verwandtschaft, Dynastie.

Die Gnade der reichen Geburt

Von Warren Buffett, dem inzwischen 88 Jahre alten amerikanischen Großinvestor, Unternehmer und Mäzen, der selbst stets bescheiden blieb und den größten Teil seines Vermögens an die „Bill-und-Melinda-Gates“-Stiftung spendete, ist dieser Satz überliefert: „Es gibt gar keinen Grund, warum künftige Generationen kleiner Buffetts das Land beherrschen sollen, nur weil sie aus der richtigen Gebärmutter gekommen sind."
In den USA ist die Erbschaftsteuer weitaus höher als in Deutschland, weil dort die Gnade der reichen Geburt dem Leistungsgedanken widerspricht.

Durch Erbschaften werden soziale und regionale Unterschiede verschärft. Knapp 400 Milliarden Euro werden jedes Jahr vererbt. In den neuen Bundesländern werden nur relative geringe Vermögen an die nächste Generation übertragen. Das durchschnittliche Erbvolumen in Mecklenburg-Vorpommern beträgt nicht einmal ein Viertel dessen, was in Hamburg vererbt wird.

Die Erbschaftsteuer wiederum wird von Fachanwälten „Dummensteuer“ genannt, weil es diverse Möglichkeiten gibt, sie erheblich zu verringern. Experten schätzen, dass etwa 98 Prozent des Erbvolumens steuerfrei sind.

Psychologen unterscheiden vier Formen von Neid

Es bleibt alles wahr: Leistung muss sich lohnen. Ungleichheit kann ein Anreiz sein, sich anzustrengen. Der Markt hat seine eigenen Gesetze. Geld allein macht nicht glücklich. Doch aus diesen Mantren das Verbot einer Vermögensteuer abzuleiten sowie den Widerstand gegen eine Erhöhung der Erbschaftsteuer, ist absurd.

Die Superreichen verkraften die Abgabe, ohne aus dem Land fliehen oder Investitionen zurückschrauben zu müssen. Das Gerede vom Klassenkampf, einer Neidgesellschaft und deutscher Leistungsfeindlichkeit ist aufgeblasen und realitätsfremd.
Psychologen unterscheiden vier Formen von Neid: Er kann sich ehrgeizig stimulierend äußern, empört rechtend, depressiv lähmend, feindselig schädigend. Als Gerechtigkeitssehnsucht umfasst das Gefühl vor allem die zweite Form.

Die Wahrnehmung gravierender sozialer Ungleichheit empört. Vermögens- und Einkommensunterschiede, die nicht allein von der Leistung abhängen, sondern auch von der Herkunft, verlangen nach einem Ausgleich. Um mehr geht es bei der Vermögensteuer nicht. Es wird Zeit, dass sie kommt.

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