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Eine Frau lehnt sich am Tatort in Hanau-Kesselstadt an die Schulter eines Mannes.

© dpa/Boris Roessler

Tagesspiegel Plus

Ein Jahr nach den Morden: Der Urgroßvater starb in Auschwitz, sie in Hanau

Drei der Opfer der rassistischen Morde von Hanau gehörten der Minderheit der Roma an –  der Anschlag hat ihnen brutal vor Augen geführt, dass der Hass gegen sie nicht aufgehört hat.

Im Holocaust kamen sie zu Hunderttausenden ums Leben, durch Hunger, tödliche Krankheiten und in den Gaskammern der Konzentrationslager: Auf eine halbe Million schätzt die Forschung die Zahl derer, die der NS-Rassenwahn als „Zigeuner“ entrechtete und ermordete.

Und auch nach 1945 wurden Sinti und Roma, Europas größte und am härtesten drangsalierte Minderheit, weiter schikaniert, in Deutschland jahrzehntelang noch auf Grundlage von Polizeikarteien, die wenige Jahre zuvor bereits ihre Ermordung ermöglicht hatten.

Rückkehr der Traumata

Wenn an diesem Freitag in Hanau der Toten des 19. Februar 2020 gedacht wird, werden diese Traumata wieder aufgerufen. Drei der neun Opfer der rassistischen Morde – Mercedes Kierpacz, Vili-Viorel Paun und Kaloyan Velkov – gehörten der Minderheit an. Ihr Roma-Hintergrund ist für die Hinterbliebenen erst durch den Tod ihrer Kinder wieder in den Vordergrund getreten.

Ein Wandgemälde erinnert an die Toten von Hanau, darunter Mercedes Kierpacz (zweite von links).
Ein Wandgemälde erinnert an die Toten von Hanau, darunter Mercedes Kierpacz (zweite von links).

© Getty Images/Thomas Lohnes

Die Familie von Kaloyan Velkov scheut öffentliche Erklärungen. Velkov, 33-jähriger Vater eines siebenjährigen Jungen lebte erst seit zwei Jahren in Deutschland und unterstützte mit dem Geld, das er als Wirt einer Hanauer Bar verdiente, seine Familie in Bulgarien. Die fürchtet nach Angaben der Roma-Community jetzt Nachteile, wenn bekannt wird, dass sie Roma sind.

Für Niculescu Paun bekam das Wissen, Roma zu sein, überhaupt erst nach dem 19. Februar 2020 Bedeutung. Pauns 22-jähriger Sohn Vili-Viorel wurde in Hanau zum tragischen Helden, weil er dem Mörder in seinem Auto nachsetzte und mehrfach verzweifelt und vergeblich Notrufe absetzte. Er galt den Behörden zunächst als Zufallsopfer, bis Videoaufzeichnungen, sein Handy und weitere starke Indizien eine ganz andere Geschichte erzählten.

Ein Foto erinnert am Anschlagsort in Hanau-Kesselstadt an Vili-Viorel Paun.
Ein Foto erinnert am Anschlagsort in Hanau-Kesselstadt an Vili-Viorel Paun.

© dpa/Boris Roessler

Natürlich habe er gewusst, was in Europa über die Minderheit gedacht werde, sagt Vater Paun dem Tagesspiegel, „ich kenne die Mentalität“. Aber in seinem Leben habe das nie eine Rolle gespielt, auch in Rumänien nicht. „Wir sind der Arbeit wegen nach Deutschland gekommen und haben hier als Menschen wie andere auch gelebt. Wir haben gearbeitet und wurden respektiert.“ Auch bei Behördengängen sei das nie Thema gewesen.

Was hat Zivilcourage denn mit der Herkunft zu tun?

Niculescu Paun

Bis zu dem Tag, an dem Vili starb, sein einziges Kind, das andern hatte helfen wollen und deshalb sein eigenes Leben verlor: „Da hörte ich zwei Polizisten miteinander reden. Einer sagte, das glaube er nicht, dass ein Zigeuner Zivilcourage haben könne. Sie dachten wohl, ich würde kein Deutsch verstehen.“

Das zu hören, „das tat sehr weh. Was hat Zivilcourage denn mit der Herkunft zu tun?“ Die habe mit Erziehung zu tun, sagt Paun, „oder sie liegt einem im Blut“ – wie seinem Sohn. Den habe er nie anders gekannt. Jetzt müssten er und seine Frau Iulia, Vilis Mutter, „mit diesem Alptraum leben. Und wir wissen nicht wie.“

Suche nach Schutz in Deutschland

In die Familie von Mercedes Kierpacz war die Geschichte der Vernichtung längst eingeschrieben. Der Urgroßvater der Hanauerin, die einen 17 Jahre alten Sohn und eine dreijährige Tochter hinterließ, wurde im KZ Auschwitz ermordet. Der Großvater schleuste die Familie zum Schutz vor weiterer Verfolgung Anfang der 1960er Jahre aus Polen über Umwege nach Deutschland, wo sie als politisch Verfolgte Schutz fanden.

Wir haben nicht gedacht, dass man uns umbringen würde.

Filip Goman

In Hanau kamen Mercedes und ihre Geschwister zur Welt. „Wir haben uns sehr wohl und sicher in Deutschland gefühlt“, erzählte Kierpaczs Vater Filip Goman im WDR. Was nicht heißt, dass man keine Diskriminierung erfahren habe, ergänzt er im Gespräch mit dem Tagesspiegel.

Beim Urlaub im Wohnmobil habe man ihnen Platz auf dem Campingplatz verweigert: „Da hieß es: Die Zigeuner kommen! Es ist noch immer das Gleiche.“ Aber, sagt Goman: „Wir haben nicht gedacht, dass man uns umbringen würde.“

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Das Ewiggleiche der Diskriminierung lässt sich an Zahlen festmachen: Im vergangenen September stellte die Europäische Grundrechteagentur fest, dass ein Viertel der Kinder europäischer Roma in einem Haushalt lebe, wo es selbst an Grundlegendem wie Heizung, Essen und Strom fehle. Ihre Lebenserwartung liege zehn Jahre niedriger als die der Bevölkerung insgesamt.

Nächste Woche veröffentlicht das Mannheimer Bildungs- und Kulturinstitut RomnoKher eine Studie, deren Ergebnisse bereits grob bekannt wurden. Zwei Drittel der Befragten sehen sich demnach als Sinti oder Roma diskriminiert, 40 Prozent der Eltern berichten von Diskriminierung ihrer Kinder, vor allem in der Schule und durch Lehrkräfte.

Die Bundesregierung musste kürzlich auf eine FDP-Anfrage eingestehen, dass sie über diese Lage wenig weiß – man erhebe „keine bevölkerungsstatistischen oder sozio-ökonomischen Daten mit ethnischen Bezügen“ – und auch nicht gezielt helfen werde: Was der Staat leiste, werde „grundsätzlich nicht ausschließlich für Sinti und Roma angeboten“.

Auch für Angehörige der Toten von Hanau hat sich der „Teufelskreis aus Armut und Diskriminierung“, den die EU-Grundrechteagentur anprangert, wieder geschlossen: Vili-Viorel Pauns Eltern, die stolz darauf waren, stets ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen, hat der Tod ihres einzigen Kindes arbeitsunfähig gemacht.

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