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© REUTERS/Sergey Pivovarov

Tagesspiegel Plus

Einmarsch, begrenzte Eskalation, Drohkulisse: Welche Szenarien es im Ukraine-Konflikt gibt

Bis zu 100.000 Soldaten hat Russland an der Grenze zur Ukraine zusammengezogen. Experten analysieren, wie es weitergehen könnte.

Der schon fast vergessene Krieg in der Ukraine bestimmt erneut die internationalen Schlagzeilen. Russland hat an der Grenze zu dem Nachbarland zwischen 75.000 und 100.000 Soldaten zusammengezogen. Sieben Jahre nach der russischen Intervention im Donbass droht sich der Konflikt massiv auszuweiten. Ein Überblick über mögliche Szenarien:

Einmarsch und großer Krieg

Litauens Außenminister Gabrielius Landsbergis warnte seine EU-Amtskollegen eindringlich vor einem groß angelegten russischen Einmarsch in die Ukraine. „Wir sind davon überzeugt, dass Russland sich tatsächlich auf einen totalen Krieg gegen die Ukraine vorbereitet.“ Das sei ein seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges „beispielloses Ereignis“. Russland hat nicht nur an seiner Westgrenze Soldaten zusammengezogen, sondern auch die militärische Präsenz auf der Krim verstärkt.

Ein Blick auf die Landkarte zeigt, wie heikel die Lage für die Ukraine ist. Moskaus Truppen könnten das Land aus mehreren Richtungen angreifen: aus dem Donbass und auch in den nordöstlichen Grenzregionen, die nicht von Separatisten besetzt sind, aus Belarus im Norden und von der Krim in Richtung Odessa. „Im Westen des Landes könnten außerdem Fallschirmjäger zum Einsatz komme“, sagt der Militär- und Osteuropaexperte Gustav Gressel vom European Council on Foreign Relations. Aus Transnistrien, einem von Russland kontrollierten Separatistengebiet in der Republik Moldau, könne es zudem „Ablenkungsmanöver“ geben. Einen solchen großen Krieg hält der Militärexperte für durchaus möglich: „Die Russen hätten die Kräfte dafür.“

Ein Einmarsch wäre für Russland mit hohen politischen, militärischen und wirtschaftlichen Kosten verbunden.

Margarete Klein, Russlandexpertin an der Stiftung Wissenschaft und Politik

Allerdings verweist Gressel darauf, dass ein solcher Einmarsch nicht innerhalb kurzer Zeit erledigt wäre, sondern wohl ein bis drei Monate dauern würde. Zudem müssten die Russen dann ein Besatzungsregime in der Ukraine aufbauen. Er hält dieses Szenario daher zumindest zum jetzigen Zeitpunkt für weniger wahrscheinlich. „Ein Einmarsch wäre für Russland mit hohen politischen, militärischen und wirtschaftlichen Kosten verbunden“, sagt auch die Russland-Expertin Margarete Klein von der Stiftung Wissenschaft und Politik.

© Fabian Bartel

Begrenzte Eskalation

Wahrscheinlicher als ein großer Krieg ist aus Gressels Sicht derzeit eine begrenzte Eskalation im Osten der Ukraine. „Durch die Bedrohung an ihren Landesgrenzen und von der Krim ist die Ukraine derzeit gezwungen, ihre besten Einheiten nicht in den Donbass zu schicken, sondern in der Tiefe des Landes zu halten“, sagt der Militärexperte. Das würde den Separatisten und ihren russischen Unterstützern Geländegewinne leichter machen, weil die ukrainischen Kräfte anderswo gebunden sind.

Links geht es ins ukrainische Charkiw, rechts in die russische Stadt Rostow am Don: ein von Kugeln durchlöchertes Straßenschild in der Nähe von Donezk in der Ostukraine.
Links geht es ins ukrainische Charkiw, rechts in die russische Stadt Rostow am Don: ein von Kugeln durchlöchertes Straßenschild in der Nähe von Donezk in der Ostukraine.

© imago images/ZUMA Wire/Andriy Andriyenko

Ein solches Vorgehen lässt sich auch als Fortsetzung der bisherigen russischen Strategie interpretieren, den ukrainischen Staat durch den seit sieben Jahren schwelenden Krieg im Osten zu destabilisieren und so eine Entwicklung hin zu einem prosperierenden Staat zu verhindern. „Die Ukraine soll aus Moskaus Sicht auf keinen Fall ein erfolgreicher Präzedenzfall für ein Abwenden des russischen Einflusses werden“, sagt Klein.

Durch eine begrenzte Eskalation in der Ostukraine würde letztlich die Demarkationslinie etwas weiter nach Westen verschoben. Zudem könnte Moskau auf diese Weise Druck aufbauen, damit die Führung in Kiew die russischen Forderungen nach direkten Gesprächen mit den selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk und nach einer „Föderalisierung“ des Landes erfüllt. Dieses Szenario schließt aber eine weitere Eskalation zu einem späteren Zeitpunkt keineswegs aus: „Nach einem begrenzten Krieg kann sich der russische Präsident Wladimir Putin immer noch entscheiden, ob er den großen Krieg riskiert oder nicht“, sagt Gressel. Falls der Westen nicht reagiere, könne Putin für eine weitere Eskalation optieren.

Neben einem Vormarsch russischer Truppen im Donbass hält der Militärexperte außerdem einen „strategischen Bombenkrieg“ für ein mögliches Szenario. In der Nähe von Woronesch habe Russland kürzlich eine neue Luftwaffenbasis eröffnet. Mit Luftangriffen, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen könne Moskau militärische und auch zivile Ziele in der Ukraine ins Visier nehmen – und eine „Schockwirkung“ erzielen. Allerdings sei auch dieses Vorgehen deutlich zeitaufwändiger, als oft angenommen werde.

Drohkulisse und „Zwangsdiplomatie“

Der Truppenaufmarsch an der Grenze zur Ukraine kann nach Ansicht von Margarete Klein auch Teil einer „Zwangsdiplomatie“ sein – also eine Machtdemonstration, um einen hochrangigen Dialog vor allem mit den USA zu erzwingen. Die Expertin hält dies für das derzeit wahrscheinlichste Szenario. Das Kalkül ist für Putin schon einmal aufgegangen: Im Frühjahr hatte Moskau bereits Truppen an der Grenze zur Ukraine zusammengezogen – und nach der Zusage von US-Präsident Joe Biden, ein direktes Gespräch mit Putin zu führen, zumindest teilweise einen Rückzieher gemacht. Russland könne dieses Spiel aber nicht unbegrenzt spielen, betont Klein. „Wenn es nicht funktioniert, mag der Kreml die eigene Drohkulisse für nicht mehr ausreichend erachten und glauben, den Einsatz erhöhen zu müssen.“

Russlands Staatschef Wladimir Putin in einer Videokonferenz mit dem US-Präsidenten Joe Biden Anfang Dezember.
Russlands Staatschef Wladimir Putin in einer Videokonferenz mit dem US-Präsidenten Joe Biden Anfang Dezember.

© via REUTERS

Deshalb ist fraglich, ob Putin dieses Mal ohne Gesichtsverlust den Truppenaufmarsch rückgängig machen kann. Allerdings warnt Klein davor, dem russischen Staatschef deshalb zu viele Zugeständnisse zu machen. „Man sollte nicht von den mit Russland einmal gemeinsam vereinbarten Prinzipien wie der freien Bündniswahl abgehen.“ Möglich seien „militärische Transparenz und gegenseitige militärische Zurückhaltung sowie Rüstungskontrolle“.

Wenn die Russen merken, dass sie nur mit Krieg drohen müssen, damit die Europäer Zugeständnisse machen, haben wir die gleiche Situation im nächsten Winter wieder.

Gustav Gressel, Militärexperte beim European Council on Foreign Relations

Dagegen sieht die Russland-Expertin es kritisch, dass Biden sich wegen der Ukraine-Krise mit Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien abgestimmt hat, nicht aber mit Polen und den baltischen Staaten. „Das wichtigste Zeichen ist Einigkeit.“ Vor zu großen Zugeständnissen des Westens warnt auch Gressel: „Wenn die Russen merken, dass sie nur mit Krieg drohen müssen, damit die Europäer Zugeständnisse machen, haben wir die gleiche Situation im nächsten Winter wieder.“

Auf der anderen Seite gilt eine glaubwürdige westliche Drohkulisse als entscheidend, um den Kreml von weiteren militärischen Abenteuern im Nachbarland abzuhalten. „Die Russen haben eine unglaubliche Paranoia, dass die Nato eingreifen könnte“, sagt der Verteidigungsexperte. Das müsse man sich zunutze machen. „Es ist der Kardinalfehler des Westens, dass wir immer vorab sagen, was wir nicht machen werden.“ So könne bereits eine Stationierung weiterer Nato-Truppen in Polen oder Rumänien Wirkung zeigen. Von den möglichen Wirtschaftssanktionen seien einzig diejenigen im Öl- und Gassektor effektiv, betont Gressel. „Dann kriegen die Europäer allerdings kalte Füße, weil der Gaspreis steigt. Aber das ist der Preis, den wir dafür zahlen müssten.“

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