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Zu wenig Frauen in Verbandsvorständen: Einsame Spitze

Kind und Karriere? Das ist bei deutschen Verbänden immer noch nicht einfach. Vier Lobbyistinnen erzählen, wie sie es auf Chefposten geschafft haben – und was sich in der Branche ändern muss.

Eigentlich ist sie hier, um über Wagniskapital zu sprechen, über „Private Equity“ und Unternehmensgründungen. Als eine von drei Frauen steht Ulrike Hinrichs auf der Hauptbühne der „Agenda 2015“-Verlagsveranstaltung im Tagesspiegel, die restlichen Redner sind Männer. Sie beginnt, wie erwartet, mit Forderungen an die Politik, doch am Ende ihres Vortrags verblüfft Hinrichs das Publikum: Sie verlangt die Abschaffung des Bundespresseamts. Das Amt sei nicht mehr zeitgemäß, es brauche mehr moderne Kommunikation in der Politik. Die Zuhörer zögern. Was geht eine Verbandsfrau aus der Finanzwirtschaft das Bundespresseamt an?

Doch Ulrike Hinrichs hat diese Irritation bewusst provoziert, sie ist überzeugt von diesem ihrem Blick auf Politik, der sich bewusst von dem der anderen unterscheiden soll. Sie hat in ihrem Berufsleben schon in den unterschiedlichsten Jobs gearbeitet. Die ehemalige Journalistin, die ehemalige Sprecherin von Horst Seehofer und die ehemalige Mitarbeiterin des Auswärtigen Amts besetzt heute als eine der wenigen Frauen den Chefposten eines Interessenverbands. Nur 252 der 2200 deutschen Lobbyverbände werden von einer Frau geleitet, das sind nur knapp elf Prozent. Ulrike Hinrichs ist Geschäftsführerin des Bundesverbands Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften. Auf ihrer Ebene, in ihrer Branche gibt es sonst fast nur Männer. Wieso eigentlich?

Später sagt Hinrichs, der Wille, Risiken einzugehen und sich zu verändern, sei die wichtigste Grundlage ihrer Karriere und eine von vielen Erklärungen, warum es in Führungsebenen noch so wenige Frauen gebe. Zu viele von ihnen scheuten das Risiko. „Männer trauen sich Chefpositionen häufiger zu, Frauen zweifeln an sich“, sagt sie. Es gebe in der zweiten und dritten Reihe in Verbänden und der Wirtschaft auch heute schon genug kompetente Frauen, man müsse sie eben noch stärker durch Coaching- und Mentoring-Programme ermutigen, den entscheidenden Schritt zu gehen.

Hinrichs’ Aufstieg funktioniert aber auch aufgrund ihres Familienmodells. Sie hat sich den Bedingungen ihres Jobs angepasst, nicht andersherum, das gibt sie offen zu. Um die Zwillinge des Paars zu betreuen, hat sich Hinrichs’ Mann zwei Jahre Elternzeit genommen. Hinrichs’ Vorstandskollegen dagegen tun sich schon mit einem Tag Home-Office schwer. „Die Ansprüche meiner Position mit einer Familie zu vereinbaren, ist nicht leicht, da muss man sich nichts vormachen“, sagt Hinrichs. Allerdings sei diese Vereinbarkeit für die Zukunft wichtig, um Bedingungen für Frauen wie auch Männer zu verbessern. Sie zitiert eine andere Verbandsvorsitzende, die mit Hinweis auf die Rednerliste beim Tagesspiegel-Forum sagte: „Drei Frauen sind noch kein Drittel.“

Die 45-jährige Hinrichs rät jungen Frauen, nicht nur auf Frauennetzwerke zu bauen, sondern auch in Männerbastionen vorzudringen. Sie selbst ist seit kurzem Mitglied im Rotarierclub, der früher gar keine Frauen aufnahm. Sie wurde vom Club darum gebeten, dieser Hinweis ist der Verbandschefin wichtig.

Mütter arbeiten häufig sehr effizient - aber nicht jeder Chef erkennt das an

Nicht weit entfernt von Hinrichs im Foyer steht Anne von Fallois. Sie arbeitete fast 19 Jahre lang für das Bundespräsidialamt, bevor sie im September 2014 das „Gesicht von Kienbaum in der Hauptstadt“ wurde. Fallois leitet die Hauptstadtrepräsentanz der Unternehmensberatung und hat bezogen auf den Lobbyismus eine „Wasserlochtheorie“. Den ganzen Tag seien die Herden in der Berliner Politik-Wüste unterwegs, und abends würden sich die Elefanten am Wasserloch versammeln und die wichtigen Dinge besprechen. Wer neben dem Beruf noch andere Verpflichtungen habe, der habe es in diesen Kreisen oft schwer. „Dieser Beruf ist nicht besonders familienfreundlich“, sagt Fallois. Sie selbst ist Mutter von zwei Kindern, die inzwischen im Pubertätsalter sind. „Ich versuche, möglichst wenig Termine auf den späten Abend zu legen“, sagt sie. „Das muss möglich sein.“

Anne von Fallois mag das Gesicht von Kienbaum sein, aber das Gesicht des klassischen Lobbyismus ist für sie immer noch männlich. Allerdings ändere sich das langsam. „Es gibt ein Bedürfnis an einer anderen Art von Kommunikation“, sagt Fallois. Früher seien „Hinterzimmertreffen“ mit exklusiven Absprachen das höchste aller Ziele gewesen, heute verlange jeder nach Transparenz. „Frauen kommunizieren meist offen und empathisch“, sagt sie. „Das wird immer stärker nachgefragt.“ Erfolgreich sei heute nicht der Interessensvertreter, der seine Ansichten am energischsten formuliere, sondern derjenige, der dem Gegenüber vermitteln könne, dass das eigene Interesse auch in dessen Interesse sei.

Ihre Karriere hat sie auch Horst Köhler zu verdanken. Der damalige Bundespräsident hat ihr 2006 eine Referatsleiterstelle zugetraut, obwohl oder gerade weil sie eine junge Mutter war. „Er wusste um die besonderen Jonglierkünste, die man in so einer Situation entwickelt und die im Job auch nützlich sein können“, sagt sie heute. Dass ein Chef oder eine Chefin das erkenne, sagt sie, sei einfach wichtig. „Wenn ich das Gefühl habe, wenn alle Stricke reißen, dann kann ich zu einem Termin auch Nein sagen, dann reißen sie einfach nicht“, schließt sie.

In diesem Punkt bekommt sie viel Zustimmung von anderen Frauen aus der Lobby- und Verbandsbranche. Julia Topar ist Pressesprecherin des Bankenverbands. Vom Tagesspiegel fährt sie zum nächsten Termin, von dort zurück zur Verbandsweihnachtsfeier. „Wir Mütter arbeiten extrem effizient“, erzählt sie über die Freisprechanlage ihres Autos. „Das ist etwas, das wir Männern und Frauen ohne Kinder voraushaben.“ Wenn man die Dinge in drei Viertel der Zeit schaffen müsse, dann schaffe man es eben. „Ich habe immer das Bedürfnis, im Job Leistung zu zeigen“, sagt sie. Das werde von ihren Vorgesetzten auch anerkannt. Allerdings sei es immer noch so, dass in Deutschland viele Männer, die sich keine andere Erwerbsbiografie als die eigene vorstellen könnten, dies nicht sehen. Topar war früher Journalistin bei der „Bild“-Zeitung, wechselte 2010 zum Bankenverband. Es werde nicht offen zugegeben, aber sie habe es selbst häufiger erlebt, dass allein die Möglichkeit des Schwangerwerdens für junge Frauen dazu führe, dass sie für gewisse Positionen erst gar nicht infrage kämen. „So etwas darf nicht mehr vorkommen“, fordert sie.

Genau so sieht es Iris Grundmann, heute stellvertretende Pressesprecherin beim Hauptverband der Deutschen Bauindustrie, auch sie ist Mutter. „Wenn ich nicht vor vielen Jahren auf einen Chef getroffen wäre, der damals selbst junger Vater war, würde ich heute nicht hier sitzen“, sagt sie. In anderen Gesprächen hätten Vorgesetzte sie gefragt: „Wollen Sie nicht lieber zu Hause bleiben und sich um die Kinder kümmern?“ Diese Männer hätten ihre eigene Frau vor Augen gehabt und deren Stress mit den Kindern, wie solle da noch ein Beruf reinpassen. „So etwas ist nicht mehr zeitgemäß“, sagt Grundmann. Gerade bei Personalverantwortlichen müsse man daher auf eine ausgewogene Mischung achten.

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