Empörung über AKK : Fastnacht darf nicht nur – sie soll inkorrekt sein

Nicht Kramp-Karrenbauers Witz über Toiletten für Intersexuelle ist das Problem, sondern die Maßlosigkeit ihrer Kritiker. Ein Kommentar.

Karneval. Hier in Leipzig.
Karneval. Hier in Leipzig.Foto: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa

Schade, dass die Pointen für die Poster bei den Fastnachtsumzügen längst geschrieben sind und die diesjährigen Büttenreden und Prunksitzungen längst gehalten wurden! Übers Wochenende vor dem Höhepunkt der tollen Tage bewerben sich die Ritterinnen und Ritter der politischen Korrektheit geradezu darum, selbst zum Objekt der Zoten und Parodien zu werden. Sie wollen einen derben Fastnachtswitz zur Staatsaffäre machen. Sie behaupten, Annegret Kramp-Karrenbauers Bemerkungen über Schlaffi-Männer in der Hauptstadt und Toiletten für Intersexuelle gefährdeten die Demokratie.

Guckt euch doch mal die Männer an ...

Wenn etwas gefährlich ist für den gesellschaftlichen Umgangston, dann ist es die Maßlosigkeit dieser moralischen Empörung. Und das Ansinnen zu dekretieren, welche Themen und Gruppen in Fastnacht und Karneval Objekte der Belustigung sein dürfen und welche nicht.

„Guckt euch doch mal die Männer von heute an. Wer war denn von euch vor kurzem mal in Berlin, da seht ihr doch die Latte-Macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen“, sagte AKK in ihrer Verteidigungsrede vor dem Stockacher Narrengericht. „Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen. Dafür – dazwischen – ist diese Toilette.“

Solche Aussagen bedeuteten die Diskriminierung einer Minderheit, behaupten die Kritiker. Und das sei unzulässig. Auch in der Fastnacht dürften da keine Sonderregeln gelten.

Falsche Vorwürfe

Fast alles an diesen Vorwürfen ist falsch. Und anmaßend. Erstens treffen Witze nicht nur, aber sehr oft Minderheiten: AfD-Wähler, Lehrer, alte weiße Männer, Feministinnen, Muslime, Polen, Schwule... Die Pointen können besser oder schlechter sein. Ganz oft ist das im Übrigen Ansichtssache. Aber auch wenn ein Witz schlecht oder geschmacklos ist, darf das kein Grund sein, ihn zu verbieten. Gewiss, beim Aufruf zu Hass oder Gewalt ist die Grenze des Zulässigen überschritten.

Zweitens ist es reine Interpretation, über wen AKK sich da lustig gemacht hat: über Intersexuelle? Oder nicht eher über besagte Schlaffi-Männer in der Hauptstadt?

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Kritik an AKKs Witz auf Kosten Intergeschlechtlicher
Kritik an AKKs Witz auf Kosten Intergeschlechtlicher

Drittens gelten im Karneval und in der Fastnacht sehr wohl andere Regeln. Das ist doch gerade ihr historischer Ursprung. Als die Herrschaftsformen in Deutschland noch weit autoritärer waren, durften nur Hofnarren straffrei Dinge aussprechen, die gewöhnliche Bürger die Freiheit gekostet hätten und vielleicht sogar das Leben.

Da liegt auch der Ursprung des Stockacher Narrengerichts. Später wurde der rheinische Karneval zur Gelegenheit, die Ausdrucksformen der preußischen Herrschaft zu parodieren - bis heute zu sehen an Uniformen und Funkenmariechen.

Bitte mehr Spott über die selbst ernannte Sprachpolizei

Es ist also, viertens, geradezu die Aufgabe von Fastnacht und Karneval, das Denken der Herrschaftsschicht aufs Korn zu nehmen. Das kann die lokale oder nationale Regierung, das kann auch EU-Brüssel sein. Es darf aber durchaus auch eine elitäre Oberschicht in Gesellschaftszirkeln und Medien sein, die dem Volk enge Grenzen anlegen möchte, wie man die Welt zu sehen habe und was man sagen dürfe oder auch nicht.

Die Kritik des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Michael Müller, an Kramp-Karrenbauer ist entlarvend. Er sagt, im Humor zeige sich eine "Haltung". Dass er, der SPD-Mann, viele Fragen mit einer anderen Weltanschauung betrachtet als die CDU-Vorsitzende Kramp-Karrenbauer ist eine Binsenweisheit. Aber seit wann kann das ein Grund sein, ihre Haltung für nicht zulässig zu erklären? Sie hat in Stockach etwas angesprochen, was viele Menschen im ländlichen Raum teilen: die kulturelle Kluft zwischen Großstadt und Land.

Gerade im Karneval darf man sich mehr Aufbegehren gegen "Haltung", gegen politische Korrektheit, gegen das Sprachpolizei-Gebaren und die moralische Anmaßung wünschen.

Und: So richtig diskriminiert ist eine Minderheit, wenn man nicht einmal mehr Witze über sie machen - und über diese Witze lachen darf.

Anna Sauerbrey hat den Auftritt von Annegret Kramp-Karrenbauer ebenfalls kommentiert. Sie kritisiert die CDU-Chefin für deren Auftritt. Ihren Kommentar können Sie hier lesen.

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