Erdogan eröffnet Moschee : Polizei, Parolen und Proteste - Köln im Ausnahmezustand

Trotz der Sperrzone bejubeln Tausende den türkischen Präsidenten Erdogan. Zu sehen bekommen die meisten ihn bei der Moschee-Eröffnung in Köln nicht.

Sebastian Weiermann
Mit einem massiven Aufgebot sperrte die Polizei das Gebiet um die Moschee großräumig ab.
Mit einem massiven Aufgebot sperrte die Polizei das Gebiet um die Moschee großräumig ab.Foto: Sascha Schuermann/AFP

Immer wieder singen die Menschen in der Venloer Straße in Köln melodisch „Recep Tayyip Erdogan“, auch das ein oder andere „Allah u akbar“ wird gerufen. Es sind tausende Menschen, die einen Blick auf ihren Präsidenten erhaschen wollen. Sie tragen türkische Fahnen, Kappen, Schals und Ketten mit dem Bild oder Namen des türkischen Staatschefs und stehen keine 200 Meter von der Ditib-Zentralmoschee entfernt.

Die Männer und Frauen in den ersten Reihen erhoffen wenigstens einen Blick auf Erdogan zu erhaschen. Das Gebiet direkt um die rund 30 Millionen Euro teure Großmoschee mit einem Kuppelsaal für 1100 Gläubige und zwei 55 Meter hohen Minaretten war Sperrgebiet, in das nur geladene Gäste eingelassen wurden.

Funktionäre des Moscheeverbands sagen mehrfach mit einem Megafon durch, dass es ihnen leid tut, dass es kein großes Fest geben kann, mit dem von der Stadt erwirkten Verbot sind sie unzufrieden. Menschen in der Menge sind wiederum mit der Ditib unzufrieden. „Wenn die nicht dafür sorgen, dass wir den Präsidenten sehen können, dann sorgen wir eben selbst dafür“, sagt ein Mann in der Menschenmenge.

Die Polizei hatte 4000 Einsatzkräfte zusammengezogen

Dass die Stimmung an der Absperrung kippen könnte, spürt auch die Polizei. Sie hatte in der Domstadt 4000 Beamte aus mehreren Bundesländern und der Bundespolizei zu einem der größten Einsätze seit Jahren zusammengezogen. Auch Scharfschützen waren postiert. Einsatzkräfte ziehen Ketten auf, Mannschaftswagen werden auf der Straße quer gestellt, ein Wasserwerfer positioniert. Aus dem erhofften Blick auf Erdogan wird nichts.

Dass überhaupt so viele Erdogan-Anhänger in den Bereich um die Moschee kommen, wollte die Stadt Köln eigentlich verhindern. Bis zum Freitag hatte die Ditib kein Sicherheitskonzept für die Eröffnungsfeier rund um die Moschee vorgelegt. Das dann präsentierte Konzept war nicht ausreichend. Auch eine Nachbesserung des Moscheeverbands genügte den Anforderungen von Stadt und Polizei nicht.

In Nordrhein-Westfalen ist man seit dem Loveparade-Unglück 2010 sehr streng, wenn es um die Sicherheit bei Großveranstaltungen geht. Ein Sicherheitskonzept wurde notwendig, nachdem durch Veröffentlichungen des Veranstalters eine offene Einladung zur Eröffnung der Moschee ausgesprochen worden war.

Erdogans Delegation zeigte sich enttäuscht von der Stadt

Außerdem forderte die Stadt den Moscheeverband auf, die Absage der Feier auch über die sozialen Netzwerke zu kommunizieren. Dieser Aufforderung kam die Ditib erst am Samstagvormittag nach. Auf ihrer Facebook-Seite teilte Ditib mit: „Mit Bedauern entgegnet Ditib dieser Verfügung und kann die Begründungen nicht nachvollziehen.“ Auf einen expliziten Aufruf nicht nach Köln zu reisen, verzichtete der Moscheeverband.

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Auch Erdogans Delegation zeigte sich nach Angaben eines prominenten Mitglieds „sehr enttäuscht“ über die mangelnde Unterstützung der Stadt. Der Erdogan-Vertraute Mustafa Yeneroglu sagte: „Das Ganze ist unschön, wo auf der anderen Seite die Türkei ständig wegen Beschneidung der Versammlungsfreiheit und anderem kritisiert wird.“ Yeneroglu, der selbst lange in Köln gelebt hat, weiter. „Ich bin verbittert.

Im Zusammenhang mit dem Besuch Erdogans hatte das Land NRW weitere Probleme. Eigentlich wollte Ministerpräsident Armin Laschet den türkischen Präsidenten im Schloss Wahn begrüßen. Dort hat die Universität Köln Räume angemietet. Als die Besitzerfamilie des Schlosses aus Medienberichten erfuhr, dass dort das Treffen stattfinden sollte, erwirkte sie vor dem Landgericht eine einstweilige Verfügung gegen den Empfang. Die Räumlichkeiten seien nicht für einen Staatsbesuch, sondern für universitäre Veranstaltungen vorgesehen.

Polizei muss Anhänger abdrängen, als Erdogan kommt

Als Erdogan, der zuvor in Berlin gewesen war, mit mehr als einer Stunde Verspätung in Köln eintraf, kannte der Jubel unter seinen Anhängern keine Grenzen. Auf einer Zufahrt zur Moschee hatten sie ein mehrere hundert Meter langes Spalier gebildet. Polizeikräfte mussten sie abdrängen. Erdogans Kolonne wählte allerdings einen anderen Weg, so dass seine Anhänger ihn nicht einmal aus der Ferne zu Gesicht bekamen.

Eine Kölnerin, die mit einem Schild mit der Aufschrift „Der Besuch von Diktator Erdogan ist eine Schande für Köln“ am Rande der Anhänger des türkischen Präsidenten stand, wurde von einer Gruppe Bereitschaftspolizisten beschützt. Sie berichtete davon, mehrfach angepöbelt worden zu sein.

Gegen den Besuch Erdogans wurde auch protestiert. An der Deutzer Werft trafen sich bis zu 2000 kurdische und deutsche Demonstranten. Unter ihnen auch Mehrak Shirkhanloo und Orkan Özdemir Kohan. Die junge Iranierin und der junge Türke fallen unter den Demonstranten besonders auf.

Demonstranten berichten von Morddrohungen

Sie hat eine Israel-Fahne umgebunden, er trägt eine türkische Fahne mit dem Konterfei des türkischen Staatsgründers Kemal Atatürk. Er wolle „für Laizismus“ und gegen Erdogan protestieren. Mehrak Shirkhanloo erzählt, sie wolle „gegen Antisemitismus“ Flagge zeigen. Unter den Demonstranten am Rheinufer halten die beiden es nicht lange aus. Das sei eine „pro PKK-Demo“, sagt Orkan Özdemir.

Das Bild von Atatürk kam unter den kurdischen Demonstranten nicht gut an. Die beiden ziehen weiter zum Ebertplatz wo hunderte Mitglieder der Alevitischen Gemeinde in Deutschland protestieren. Mehrak Shirkhanloo zieht am Abend auf Facebook ein bitteres Fazit. Von Erdogan-Anhängern sei sie angefeindet worden. „Mir wurde nicht nur hundert Mal der Mittelfinger gezeigt, sondern es wurden auch Morddrohungen ausgesprochen.“

Das Fazit der Polizei fiel insgesamt positiv aus – wohl auch, weil auf allen Seiten weitaus weniger Menschen auf die Straße gingen, als erwartet worden war.

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