• Erste Rufe nach Verlängerung : Bitte das Neun-Euro-Ticket fortsetzen – zur Not auch für 20 Euro

Erste Rufe nach Verlängerung : Bitte das Neun-Euro-Ticket fortsetzen – zur Not auch für 20 Euro

Der Erfolg des Sondertickets könnte die Lethargiekruste von der Verkehrspolitik absprengen. Dieser Moment sollte unbedingt genutzt werden. Ein Kommentar.

Berliner Hauptbahnhof am 5. Juni 2022.
Berliner Hauptbahnhof am 5. Juni 2022.Foto: Christoph Soeder/dpa

Manches ging schief, hier war es zu voll, da kam man nicht mehr rein, in Berlin wurde gar ein Zug geräumt, und einige Menschen haben auch die Nerven verloren, aber im Großen und Ganzen dürfte das erste Wochenende des Neun-Euro-Ticket-Sommers als Erfolg verbucht werden. Weshalb es nicht wundert, dass schon am Sonntag die ersten Vorabmeldung aufploppten, nach denen eine Verlängerung des superbilligen Pauschalangebots gefordert wird.

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„Wir brauchen keinen kurzen ÖPNV-Sommer, sondern ein flächendeckendes ÖPNV-Land“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebunds, Gerd Landsberg, dem Handelsblatt“ und plädierte dafür, „perspektivisch ein bundesweit gültiges, einheitliches und vergünstigtes Ticket folgen zu lassen“. Ähnliches verlautet von der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv), die „konstant günstige Ticketpreise“ anmahnte, um den Nahverkehr zu stärken und Fahrgäste zu halten.

„Günstige Tickets gleich mehr Nutzer“ – das ist keine neue Idee

Tatsächlich könnte das Kurzzeitprojekt, das als Entlastungsmaßnahme für steigende Energiepreise ersonnen wurde, durch den lauten Knall, den es produziert, dafür sorgen, dass sich in der Verkehrspolitik auch tatsächlich mal etwas ändert. Denn die Vorstellung, dass günstigere ÖPNV-Tickets dazu führen, dass mehr Menschen Bus und Bahn benutzen, ist wahrlich ein alter Hut. Und originell war der Ansatz – zumal im Land der Pfennigfuchser und Schnäppchenjäger – auch noch nie. 


Es hat aber - Gerd Landsberg hat es angetippt – bei der Begeisterung, die das Neun-Euro-Ticket republikweit ausgelöst hat, nicht nur der Preis eine Rolle gespielt, sondern auch die Einheitlichkeit. Die Menschen haben vielleicht schlicht Sehnsucht nach einfachen Lösungen. In Zeiten, in denen jede Bestellung im Coffee Shop mindestens drei Modifizierungsfragen nach sich zieht (to go oder hier trinken? Klein, mittel, groß? Normale Milch oder Hafer?) atmet man auf, wenn die einzige Frage ist: kaufen oder nicht. Wenn es keine Spezialtarife, keine Kombi-Schnäppchen, keine 4-Fahrten-bei-Vollmond-Sondertickets gibt, kurz: keine besten und darum notwendigerweise auch schlechtesten Varianten.

[Lesen Sie hier bei T+: Unterwegs an die Ostsee mit dem Neun-Euro-Ticket: Voller als nach der Wende kann es nicht werden. ]

Wenn zur Attraktivität des Neun-Euro-Tickets also gehört, dass es keine Neun-Euro-Plus-Variante mit gelegentlichem Zugriff auf Erste-Klasse-Sitze für zehn Euro gab, wäre es wichtig, das bei einer Verlängerung des Drei-Monate-Specials zu beachten. Man müsste es bei der einfachen Ausgestaltung belassen und eben nicht, um ein paar Euro mehr zu erlösen, mit Sonderkonditionen anfangen. Eher könnte man das Neun-Euro-Ticket ab September 20 Euro kosten lassen – das ist weniger, als in Berlin sieben Einzelfahrten mit der U-Bahn kosten, also fast nichts für das, was geboten wird - und die meisten Menschen können sich das gut leisten.


Zur Frage der Finanzierung würde allerdings so oder so noch viel zu klären sein. Besonders, weil das ÖPNV-Angebot, wie es ist, einem dauerhaften Ansturm nicht standhält. Mehr Nutzer bedeuten also Investitionen in Bahnen, Busse, Gleise, die gesamte Nahverkehrs-Infrastruktur. Aber da haben alle, die sich für mehr staatliches, also aus Steuermitteln finanziertes Engagement aussprechen, seit Freitag, seit der Festschreibung der Bundeswehr-Sondervermögen-Schulden von 100 Milliarden Euro, nun für lange Zeit ein Vorschlaghammerargument in der Hand halten. Motto: Wenn es für Panzer und Jagdbomber problemlos Extra-Milliarden gibt, warum dann nicht für eine elementar wichtige Verkehrstransformation im Dienste der Menschheitsaufgabe Klimarettung?

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Alles beim Alten lassen kann ist keine Antwort

Vzbz-Interims-Chefin Jutta Gurkmann machte im „Handelsblatt“ bereits konkrete Vorschläge. Sie schlug als zusätzliche Geldquelle eine „Nutznießer-Finanzierung“ vor, die bedeuten würde, dass Arbeitgeber, Einzelhändler oder Private, deren Immobilien etwa durch einen guten ÖPNV-Anschluss an Wert gewinnen, an der Finanzierung gesondert beteiligt würden. Das kann man sicher mit dem Verweis darauf, dass Immobilienwertverluste durch Straßenbaumaßnahmen umgekehrt auch nicht ausgeglichen werden, sofort vom Tisch fegen.

Aber besser wäre es, erstmal die Dynamik des Moments zu nutzen, in dem endlich die Lethargiekruste von eingefahrenen Debatten abgeplatzt ist, und erstmal zu sammeln, was an Vorschlägen kommt. Nein sagen und alles beim Alten lassen kann man theoretisch immer noch – auch wenn sich das mit Blick auf die Klimafrage als Lösung am allerwenigsten anbietet.

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