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Ein Sarg wird am 26.09.1980 vom verwüsteten Tatort beim Oktoberfest in München fortgetragen.
© PICTURE ALLIANCE / DPA

Oktoberfest-Attentat vor 40 Jahren: „Es war wie beim NSU“

Vor 40 Jahren wurde das Oktoberfest-Attentat verübt. Heute ist klar: Es war ein rechtsextremer Terrorakt. Die Hintergründe sind aber nach wie vor unklar.

Am 26. September 1980 um 22.19 Uhr explodierte am Haupteingang des Münchner Oktoberfestes eine in einem Papierkorb deponierte Bombe. 13 Menschen kamen ums Leben, 213 wurden verletzt. Vor 40 Jahren war das, es war der schwerste Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik.

Der Attentäter war rasch ausgemacht: Der 21 Jahre alte Geologie-Student Gundolf Köhler aus Donaueschingen in Baden-Württemberg hatte den Sprengsatz gezündet und kam dabei selbst ums Leben. Von einem rechtsterroristischen Anschlag war damals noch nicht die Rede. Und ziemlich lang sollte das auch so bleiben.

Jetzt sitzt der Journalist Ulrich Chaussy in einem Münchner Biergarten, tippt auf eine alte Ausgabe seines Buches „Oktoberfest – Ein Attentat“ von 1985 und sagt: „Da stand schon ziemlich viel drin.“ Der 68-jährige Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks ist einer der beiden hartnäckigsten Rechercheure, die immer an dem Fall drangeblieben sind.

Der andere ist der Rechtsanwalt Werner Dietrich, er vertritt Opfer des Anschlags. Erstmals bekam es Chaussy 1982 mit dem Thema zu tun, als er Dietrich interviewte. Beide waren darüber irritiert, wie schnell die Generalbundesanwaltschaft sich auf Köhler als Einzeltäter festgelegt hatte. „Die Mechanismen des Wegschauens und Verdrängens waren damals voll ausgeprägt“, sagt Chaussy heute, „es war wie beim NSU.“

Die Haltung der Ermittler: Köhler sei ein frustrierter Einzeltäter gewesen. Bei einer Prüfung war er durchgefallen, bei Frauen konnte er nicht landen. Und so fuhr er in seinem Ford Consul mit der Bombe nach München, um sich umzubringen und dabei möglichst viele andere Menschen mit in den Tod zu reißen.

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Dass Köhler bei der neonazistischen „Wehrsportgruppe Hoffmann“ mitgemacht hatte, war den Ermittlern nicht entgangen – laut deren Bericht war aber kein Zusammenhang zum Anschlag herzustellen gewesen. War er lebensmüde? Kurz zuvor hatte er Geld in einen Bausparvertrag eingezahlt und Musiker gefunden, die mit ihm eine Band gründeten.

Aber was war das Motiv?

Chaussy meint: „Köhler war nicht sozial isoliert, er hatte ein geselliges Leben.“ Der Autor staunte, als ihm die Ermittlungsakten zugespielt wurden. Laut Zeugen war Köhlers Auto in München gesehen worden – mit mehreren Insassen. Im Aschenbecher des Wagens wurden mehr als 40 Zigarettenstummel entdeckt von sechs unterschiedlichen Marken.

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Der Zeuge Frank Lauterjung sagte, er habe Köhler am Tatort 30 Minuten vor der Explosion mit zwei Männern diskutieren sehen. Eine Zeugin beschrieb, wie Köhler und ein weiterer Mann sich direkt vor der Explosion gestritten hätten. Chaussy erinnert sich: „Die nächsten 20 Jahre ging in diesem Fall dann gar nichts voran.“

Die BRD 1980: Der schlimmste RAF-Terror war überstanden. Kurz vor der Bundestagswahl spaltete der Unions-Kanzlerkandidat Franz Josef Strauß (CSU) das Land. Im europäischen Ausland und in Deutschland organisierten sich rechtsextreme Terroristen. Doch speziell im CSU-dominierten Bayern stand der Feind immer links.

Hilfsfonds für Opfer

Was aber war das Motiv von Gundolf Köhler und möglichen weiteren Tätern? „Dieser Anschlag ist ganz schwer lesbar“ sagt Chaussy. Er weiß es auch nicht. Vielleicht sollte Chaos gestiftet werden, um eine Rechts-Diktatur einzuführen. „Eventuell war der Anschlag so nicht geplant“, meint Chaussy. „Ich bin mir sicher, dass Köhler nicht sterben wollte.“

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Die erst Ende 2014 wieder aufgenommenen Ermittlungen wurden im Juli 2020 beendet mit dem Ergebnis, Köhler habe aus einer „rechtsextremistischen Motivation heraus gehandelt“. Mittäter wurden keine entdeckt, das hatte Chaussy auch nicht mehr erwartet.

Er wünscht sich aber einen Untersuchungsausschuss im Landtag oder Bundestag mit dem Ziel, „die Systematik der damaligen Vertuschung aufzudecken“. In dieser Woche erst haben sich Bund, Freistaat und die Stadt München auf einen Hilfsfonds für die Verletzten und Hinterbliebenen in Höhe von 1,2 Millionen Euro geeinigt.

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