• Eskalation nach Tod von George Floyd: Sechste Nacht der Proteste - Ausgangsperre in 40 US-Städten

Eskalation nach Tod von George Floyd : Sechste Nacht der Proteste - Ausgangsperre in 40 US-Städten

Mindestens 15 Bundesstaaten mobilisierten wegen der Ausschreitungen die Nationalgarde. Präsident Trump fordert "eine härtere Gangart" gegen Protestierende.

Ein Protestierender vor dem Weißen Haus in Washington.
Ein Protestierender vor dem Weißen Haus in Washington.Foto: Samuel Corum / AFP

In vielen US-Städten ist es die sechste Nacht in Folge zu Protesten und Ausschreitungen gekommen. Auslöser ist der Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz in Minneapolis. Allein in New York gingen laut Medienberichten tausende Menschen auf die Straße. 

Auf Fernsehbildern waren brennende Fahrzeuge in Boston und Plünderungen in Philadelphia zu sehen. In vielen Orten ging die Polizei mit Tränengas und Gummigeschossen gegen die Demonstranten vor. 

Nach CNN-Angaben verhängten mindestens 40 Städte nächtliche Ausgangssperren. Von den Maßnahmen waren demnach insgesamt zehn Millionen Menschen betroffen. Der Gouverneur des Bundesstaats Arizona, Doug Ducey, erließ sogar für die gesamte Woche bis zum 8. Juni eine nächtliche Ausgangssperre. Mindestens 15 der 50 US-Bundesstaaten und der Hauptstadtbezirk Washington mobilisierten die Nationalgarde, wie CNN berichtete.

Auch in der US-Hauptstadt Washington gab es erneut Proteste - trotz einer Ausgangssperre. Bürgermeisterin Muriel Bowser kündigte außerdem an, dass auf ihre Anordnung hin die Nationalgarde in die Stadt entsandt werde, um die Polizei zu verstärken. 

Protest vor dem Weißen Haus

Seit mehreren Tagen versammeln sich Demonstranten nahe des Weißen Hauses. CNN meldete, bereits am Freitag sei US-Präsident Donald Trump wegen der Proteste vor dem Weißen Haus für knapp eine Stunde in einen Bunker gebracht worden.

Am Sonntag zündeten Demonstranten nahe des Amtssitzes des Präsidenten Feuer an. Der Rauch mischte sich mit Schwaden aus Tränengas, mit dem die Polizei versuchte, die Menschen zu vertreiben.

Auslöser: Der Tod von George Floyd

Floyd war am Montagabend nach einem brutalen Polizeieinsatz in Minneapolis im Bundesstaat Minnesota gestorben. Einer von vier beteiligten Beamten saß dem 46-Jährigen minutenlang mit dem Knie im Nacken. 

Die Nationalgarde marschiert in Los Angeles auf.
Die Nationalgarde marschiert in Los Angeles auf.Foto: Hans Gutknecht/imago images/ZUMA Wire

Die Bitten des Afroamerikaners, ihn atmen zu lassen, ignorierte er. Bei den Protesten in Washington und anderen Städten trugen Demonstranten Schilder mit „Ich kann nicht atmen“.

Die Reaktion von Donald Trump

Präsident Trump machte am Sonntag linksradikale Gruppen für die Ausschreitungen verantwortlich. Er kündigte an, die Antifa solle in den USA als Terrororganisation eingestuft werden. Wie das bewerkstelligt werden soll, ließ er offen. „Antifa“ ist ein Sammelbegriff für Organisationen, die sich gegen Faschismus engagieren - es gibt keine zentrale Führungs- oder Organisationsstruktur. Trump hatte bereits im vergangenen August mitgeteilt, man erwäge ein Verbot.

Zudem rief Trump demokratische Bürgermeister und Gouverneure zum Durchgreifen auf. „Legen Sie eine härtere Gangart ein“, twitterte er. „Diese Menschen sind Anarchisten. Rufen Sie jetzt unsere Nationalgarde. Die Welt schaut zu und lacht Sie und den Schläfrigen Joe aus.“ Der Republikaner Trump verunglimpft seinen voraussichtlichen Herausforderer bei der Präsidentenwahl im November, den demokratischen Ex-Vizepräsidenten Joe Biden, regelmäßig als „Schläfrigen Joe“.

Die Reaktion von Joe Biden

Der designierte Präsidentschaftskandidat Joe Biden von den oppositionellen Demokraten besuchte nach eigenen Angaben am Sonntag den Ort eines Anti-Rassismus-Protests im Bundesstaat Delaware. Dabei sei es ihm darum gegangen, den Menschen "zuzuhören", schrieb Biden auf Twitter.

Zuvor hatte Biden die Gewalt verurteilt, aber auch das Recht auf Demonstrationen gegen Polizeigewalt unterstrichen. "Gegen solche Brutalität zu protestieren, ist richtig und notwendig", erklärte er. Dies rechtfertige aber keine "unnötige Zerstörung". Trump wiederum warnte, er werde die gewalttätigen Proteste "kalt" stoppen.

Minneapolis: Tanklaster rast in Demonstration

In Minneapolis, wo die inzwischen landesweiten Proteste begonnen hatten, fuhr der Tanklaster auf einer gesperrten Fernstraße hupend in die Menschenmenge und kam dann zum Stehen. 

Der Fahrer wurde von aufgebrachten Menschen aus dem Fahrzeug gezerrt und geschlagen. Lebensgefährliche Verletzungen erlitt er dabei nicht, und die Polizei nahm ihn in Gewahrsam. Offenbar wurde auch keiner der Demonstranten verletzt. "Der Vorfall unterstreicht, wie labil die Situation hier ist", sagte Tim Walz, der Gouverneur des Bundesstaates Minnesota, in dem Minneapolis liegt. Über die Motive des Fahrers sei ihm nichts bekannt. 

Plünderungen auch in kalifornischen Städten

In Santa Monica plünderten Menschen etliche Geschäfte, bevor die Polizei eingriff und mehrere Personen festnahm. Zuvor hatten viele Demonstranten friedlich gegen Rassismus demonstriert. 

Weiter südlich in Long Beach, einem Vorort von Los Angeles, warf eine Gruppe junger Männer und Frauen Schaufenster eines Einkaufszentrums ein und stahl Waren. 

Auch US-Stars protestieren

Zahlreiche US-Stars äußerten sich zu dem Tod von George Floyd. Die Basketball-Legende Michael Jordan sagte: 

„Ich bin zutiefst traurig, wirklich gequält und einfach wütend. Ich sehe und fühle jedermanns Schmerz, Empörung und Wut.“

Sängerin Madonna postete auf Instagram: „Das muss aufhören.“ Der Polizist, schreibt Madonna, habe Floyd mit „Arroganz und Stolz“ ermordet.

Zahlreiche Prominente nahmen auch an den Protesten teil. Die Schauspieler Jamie Foxx und Nick Cannon demonstrierten in Minneapolis. Der Rapper Killer Mike sprach vor Demonstranten in Atlanta. „Ich bin höllisch sauer“, sagte er, „ich habe es satt, Schwarze sterben zu sehen.“

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In New York legte der französische Star-DJ David Guetta (52) am Samstag auf dem Dach des Rockefeller Center auf - und widmete Floyd dabei einen Song. „Amerika erlebt gerade schwierige Zeiten“, sagte Guetta während der Show, mit der er eigentlich Geld für Corona-Hilfsmaßnahmen sammeln wollte. 

Anschließend mixte Guetta Techno-Klänge mit Zitaten aus der berühmten „I-have-a-dream“-Rede des US-Bürgerrechtlers Martin Luther King und forderte das Publikum, das live im Internet zuschaute, zum Tanzen auf. (Tsp, dpa, AFP, Reuters)

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