Europas Streitkräfte : Armeen könnten die digitale Schule der Nationen werden

Europa hat heute kein großes, verbindendes Zukunftsziel. Dabei läge ein Thema nah: die Sicherheit des Kontinents. Ein Kommentar.

Sebastian Turner
Gemeinsame europäische Streitkräfte statt Bundeswehr? Die Sicherheit Europas könnte ein großes Thema der Zukunft werden.
Gemeinsame europäische Streitkräfte statt Bundeswehr? Die Sicherheit Europas könnte ein großes Thema der Zukunft werden.Foto: Stefan Sauer/dpa

Wahlen kennen sonderbare Ergebnisse, aber eines kennen sie so gut wie nie: die Abschaffung ihres Wahlgebietes. Bei der Europawahl könnte ein spürbarer Teil der Wahlvölker genau dafür stimmen.

Verärgerte und Verunsicherte wollen eine große Antieuropafraktion ins nächste Europaparlament wählen. Europas Gegner brauchen keine neuen Ideen, um zu überzeugen. Ein Teil ihres Erfolges beruht aber auch darauf, dass die Befürworter Europas ebenfalls keine neuen, bewegenden Ideen haben, die den Alltag der Menschen verbessern. Europa hat nach dem Binnenmarkt, dem Reisen ohne Grenzen und der gemeinsamen Währung heute kein großes, verbindendes Zukunftsziel. Dabei läge ein Thema nah: die Sicherheit Europas.

Erstmals seit einem Dreivierteljahrhundert fühlen sich große Teile der Europäischen Union aus beiden Himmelsrichtungen auf einmal verunsichert. Russland desinformiert und destabilisiert, rüstet und annektiert. Amerika irrlichtert unter einem unberechenbaren Präsidenten, der es genießt, alle seine europäischen Partner zu verunsichern. So unerfreulich die Lage, so eindeutig die Folgen: In ganz Europa wächst die Sorge um die eigene Sicherheit.

Diese Sorge öffnet ein Fenster für ein alt-neues, ehrgeiziges, europäisches Projekt – die gemeinsame Verteidigung. Sie kann sich - wie die ganze europäische Integration – nur in vielen Schritten entwickeln. Wie klein ein erster Schritt auch ausfallen mag, er sollte für möglichst viele in Europa mit spürbaren Vorteilen verbunden sein. Populisten und Nationalisten haben den stärksten Zulauf nicht bei Armen oder Abgehängten, sondern bei denen, die Abstiegsängste plagen. Der Weg in die gemeinsame europäische Sicherheit sollte deswegen mit einem breiten, umfassenden Aufstiegsangebot beginnen, das sich an die am stärksten verängstigte Gruppe wendet: den Menschen mit Abstiegsängsten, vor allem in den ausblutenden Regionen. Eine ihrer größten Sorgen kann ganz direkt angesprochen werden – dass ihre Fertigkeiten durch die Digitalisierung entwertet werden.

Warum sollten sie nicht in die Streitkräfte ihres Landes eintreten, um dort die digitale Ausbildung und Praxis zu bekommen, die sie für einen zeitgemäßen Militärdienst und eine anschließende zukunftssichere zivile Arbeit brauchen?

Europa sollte qualifizieren, nicht subventionieren

Auf allen Ebenen werden digitale Kompetenzen benötigt, vom Gefreiten bis zur Generalin und vom Handwerksbetrieb bis zum Weltkonzern. Europa sollte qualifizieren, nicht subventionieren. In Deutschland zucken wir zusammen, wenn über den Beitrag der Streitkräfte für Bildung und Gesellschaft nachgedacht wird. Die Armeen als digitale Schule der Nationen? Europa sollte uns diesen Gedanken wert sein. Eine gemeinsame europäische Armee ist ein weit gestecktes Ziel für Jahrzehnte, das direkt an die Gründungsidee anknüpft: Frieden für alle Europäer.

Gemeinsame digitale Standards in den Streitkräften tragen dazu bei, bei den modernsten Verteidigungsfragen, der Cyberabwehr, den Wildwuchs der vielen unterschiedlichen technischen Systeme in Europas Streitkräften zu überwinden. Die USA zeigen, dass das Militär ein Motor für moderne Infrastruktur sein kann – das Internet hat als dezentrales Arpanet begonnen. Und von Israel kann Europa lernen, wie mit einem klugen militärischen Ausbildungskonzept auch die zivile Wirtschaft gestärkt wird und viele innovative Technologie-Unternehmen entstehen. Und kaum etwas brauchen wir dringender in allen Regionen Europas.

Mit dem Schuman-Plan und der Vergemeinschaftung der Rüstungsrohstoffe Kohle und Stahl in der Montanunion hat die europäische Erfolgsgeschichte nach dem Krieg begonnen. Mit einer gemeinsamen europäischen Sicherheitsinitiative, die es großen Teilen der Gesellschaft erleichtert, sich digital zu qualifizieren, und zugleich digitale Standards schafft, kann sie in die Zukunft geführt werden.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!