Fridays-for-Future-Bewegung : Dem Rad in die Speichen greifen

Bonhoeffer gab einst ein ermutigendes Zeichen für frühen Widerstand. Auch die Schüler, die vor dem Klimawandel warnen, setzen Hoffnungszeichen. Ein Gastbeitrag.

Wolfgang Huber
Aus Sorge um die Zukunft: Fridays for Future-Demonstration von Schülern um Greta Thunberg in Berlin.
Aus Sorge um die Zukunft: Fridays for Future-Demonstration von Schülern um Greta Thunberg in Berlin.Foto: Michael Kappeler/dpa

Gerade bei Schülerinnen und Schülern haben nur wenige die Bereitschaft zum Protest erwartet. Vielen gilt diese Generation als angepasst, eher in Computerspiele vertieft als zum politischen Engagement bereit. Doch inzwischen haben die Fridays for Future die Ebene der Politik erreicht. Ein Hauch von zivilem Ungehorsam war allerdings nötig, um genügend Aufmerksamkeit zu finden. Von den politischen Akteuren, die den Schülerinnen und Schülern ihren selektiven Unterrichtsboykott vorwerfen, würde vermutlich niemand eine Schülerdemonstration außerhalb der Schulzeit überhaupt zur Kenntnis nehmen. Auch das gehört zur Erregungsdemokratie: Junge Leute können den Anliegen, die ihnen wichtig sind, nur durch begrenzte, gewaltfreie Regelverletzung Nachdruck verleihen.

Die Eltern gehören zum großen Teil der gehobenen, akademisch gebildeten Mittelschicht an. In solchen Familien kann man Umweltbewusstsein lernen und stolpert umso schneller über die Halbherzigkeit der Folgerungen, die daraus für das eigene Leben gezogen werden. Der Vorwurf der Kinder, ihre Eltern würden sich nicht klar genug für das einsetzen, was sie als richtig erkannt haben, ist nicht weit hergeholt. Und der Vorwurf an die herrschende Politik, in ihr würden große Zukunftsthemen nicht entschlossen genug angegangen, ist auch nicht unberechtigt. Wenn ein Politiker der Bewegung Fridays for Future entgegenhält, die Klimafragen solle man Profis überlassen, Schüler dagegen verstünden nicht genug von den wissenschaftlichen, technischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen, betritt er demokratiepolitisch dünnes Eis. Glücklicherweise haben inzwischen mehr als 26 000 Scientists for Future aus dem deutschen Sprachbereich bestätigt, dass die Schülerinnen und Schüler auf dem richtigen Weg sind: Aus der Fortsetzung des gegenwärtigen Raubbaus an der Natur ergibt sich keine gute Zukunft. Der Klimawandel ist dafür das deutlichste Signal. Ist der Verweis auf Profis wirklich die richtige Antwort, wenn junge Leute sich im Blick auf wichtige Zukunftsaufgaben einen starken, handlungsfähigen Staat wünschen? Im Grunde verlangen sie nur, dass aus Selbstverpflichtungen Konsequenzen gezogen werden. Das Pariser Klimaabkommen ist eine solche Selbstverpflichtung; wenn Schülerinnen und Schüler deren Befolgung einfordern, ist das ein Hoffnungszeichen.

Vorgebracht wird die Hoffnung auf politisches Handeln allerdings in der Sprache der Angst. Greta Thunberg appelliert sogar an die Panik als Antriebskraft für die notwendigen Veränderungen. Sie sagt: „Ich will, dass ihr in Panik geratet, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre.“ Die Politik der Emotionen tritt in den Blick; ob dabei die Angst dominieren soll, ist eine Frage für sich.

Gewiss bildet die Aufmerksamkeit für Emotionen keine Alternative zum Gebrauch der Vernunft, deren unerlässliche Bedeutung für die Demokratie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu Recht bei verschiedenen Anlässen hervorgehoben hat. Aber um der Vernunft willen muss man Klarheit über die Emotionen gewinnen, die unseren Vernunftgebrauch – oft unkontrolliert – steuern. Wer eine vernunftgeleitete Politik anstrebt, muss sich deshalb mit der Rolle von Emotionen in der Politik beschäftigen. Der Aufstand der Jungen ist ein Beispiel für den Versuch, Angst in zukunftsorientiertes Handeln zu transformieren, also nicht der Angst das letzte Wort zu lassen, sondern der Hoffnung.

Diese Art von „großer Transformation“ ist deshalb notwendig, weil mit der Angst eine der problematischsten menschlichen Emotionen mobilisiert wird. Gewiss ist diese Emotion für die Selbsterhaltung der Menschen unentbehrlich. Sie verbindet uns mit der Instinktausstattung unserer tierischen Vorfahren. Wir werden mit ihr geboren. Doch sie ist die narzisstischste unter unseren Emotionen. In unserer Angst kreisen wir um uns selbst. Wegen ihrer Selbstbezüglichkeit bedarf die Angst, wie die US-amerikanische Philosophin Martha Nussbaum sagt, „sorgfältiger Prüfung und Eindämmung, wenn sie nicht giftig werden soll“. Aus Angst wenden Menschen sich mächtigen Führungsfiguren zu. Die üben auch in unserer Gegenwart einen Sog aus, der einem den Schlaf rauben kann. Doch die Demokratie braucht andere Emotionen: Vertrauen in andere Menschen, auch Vertrauen in Gott; Empathie mit anderen statt ängstlicher Abgrenzung, also Liebe; Hoffnung auf eine Zukunft, die unverfügbar bleibt, für die wir aber tun, was uns möglich ist.

Wir kennen mehr Beispiele des Scheiterns von Widerstand als für dessen Gelingen

In der Demokratie erwartet man, dass die Situation des Widerstands nicht eintritt und ein begrenzter Unterrichtsboykott oder auch deutlichere Formen eines zivilen Widerstands ohne Gewalt genügend Aufmerksamkeit finden. In einer Diktatur werden schon solche Aktionen mit Einschüchterung oder Gefängnis beantwortet. Die Situation eskaliert; aktive Resistenz bis zum großen Widerstand konspirativer Gewalt erscheint schließlich als einziges, ebenso verwegenes wie lebensgefährliches Mittel. Wir kennen mehr Beispiele für das Scheitern eines solchen Widerstands als für dessen Gelingen. Trotzdem geht von solchen Beispielen eine Ermutigung aus, die auch in die leichteren Situationen ausstrahlt. Wie viel einfacher ist es, in der Demokratie um politische Lösungen zu ringen, als in der Diktatur das Einzige zu tun, womit der Entrechtung von Menschen und deren gewaltsamer Tötung vielleicht noch Einhalt geboten werden kann. An Menschen, die das versuchten, erinnern wir uns nicht deshalb, weil wir mit der Wiederholung ihrer Situation spielen, sondern weil wir uns von ihrem Mut eine Scheibe abschneiden wollen.

Frühe Geistesgegenwart ist ein wichtiges Zeichen für die notwendige Art von Widerständigkeit. Dafür gibt es immer wieder ermutigende Beispiele. Ein derartiges Beispiel ist Dietrich Bonhoeffer, der im Jahr 1906 geborene Berliner Theologe. Zwar nicht mit 16, aber bereits mit 26 Jahren erkannte er, dass er Farbe bekennen und für das Recht der Schwächeren eintreten müsse. In diesem Alter bereits erklärte er im Sommer 1932 seinen Freunden, dass die drohende Hitler-Herrschaft eine Katastrophe nicht nur für Deutschland, sondern für die Welt zur Folge haben werde. Zwei Tage nachdem Adolf Hitler am 30. Januar 1933 von Reichspräsident Paul von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt worden war, warnte er in einem Rundfunkbeitrag vor der Verführung durch Führergestalten. Wenige Wochen später, gerade eben 27 Jahre alt, brandmarkte er mit klaren Worten die ersten Gewalttaten und Rechtsbrüche gegenüber Jüdinnen und Juden: den Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 und den Ausschluss von Menschen jüdischer Herkunft aus dem staatlichen Beamtendienst acht Tage später. Mit großer Klarheit beschrieb er die Aufgaben, die sich daraus ergaben, aus seiner Sicht vor allem für Christen und ihre Kirchen, aber nicht nur für sie. Um drei Aufgaben ging es ihm: Zuallererst ist der Staat an seine Aufgabe zu erinnern, die darin besteht, Menschen in einer Friedensordnung leben zu lassen, ihr Recht zu achten und ihnen, wenn nötig, Recht zu verschaffen. Wenn der Staat vor diesen Aufgaben versagt, besteht eine nächste Aufgabe darin, den Opfern beizustehen, die dabei unter die Räder geraten sind. Doch wenn die staatliche Missachtung von Ordnung und Recht zum Prinzip wird, reicht es nicht mehr, die Opfer unter dem Rad zu verbinden; dann muss man dem Rad selbst in die Speichen greifen.

Bonhoeffer setzte so lange wie möglich auf gewaltfreies Handeln

Bonhoeffer hatte sich auf solche Überlegungen durch eine sorgfältige Lektüre der Bergpredigt Jesu vorbereitet. Er setzte seine Hoffnung so lange wie irgend möglich auf gewaltfreies Handeln. Nach Indien wollte er reisen, um von Gandhi zu lernen, wie das praktisch möglich war. Dieser hatte ebenfalls die Bergpredigt gelesen, obwohl er Hindu und kein Christ war. Mit seinem Salzmarsch von 1930 hatte er bewiesen, wie viel sich auf gewaltfreiem Weg bewegen ließ. Bonhoeffer musste indessen lernen, dass man in einer gewalttätigen Diktatur an die Grenze kommt, an der die Gewalt allenfalls durch Gegengewalt gestoppt werden kann. Wenn ein Autofahrer, so verdeutlichte er seine Überlegung, auf dem Kurfürstendamm mit Absicht auf den Bürgersteig fährt und das Leben von Passanten gefährdet, dann muss jeder, der eine Möglichkeit dazu sieht, unmittelbar eingreifen. Die Gewaltfreiheit hielt Bonhoeffer weiter hoch; aber als Entschuldigung für Untätigkeit ließ er sie nicht mehr gelten. Einer seiner Schlüsselsätze heißt: „Die letzte verantwortliche Frage ist nicht, wie ich mich heroisch aus der Affäre ziehe, sondern wie eine kommende Generation weiterleben soll.“ In dieser „letzten verantwortlichen Frage“ fasste er sein Denken – und schließlich auch sein Leben – zusammen. Aus diesem Grund ermutigte er seine Freunde, das zu tun, was ihr Gewissen von ihnen forderte – und sei es der Versuch, das Leben des Diktators zu beenden. Er behauptete nicht, dass sie dadurch frei von Schuld waren; aber er vermittelte ihnen die Gewissheit, dass sie bei dem als notwendig erkannten Handeln auf Gottes Gnade hoffen konnten.

So war er ein Widerständler der ersten Stunde und blieb dies bis zu seinem letzten Atemzug. Am 9. April 1945 wurde er auf Hitlers Geheiß nach einer schändlichen Form von standgerichtlichem Verfahren mit sechs Leidensgenossen im Konzentrationslager Flossenbürg in aller Morgenfrühe ums Leben gebracht. 74 Jahre liegt das zurück; im nächsten Jahr wird des 75. Todestags zu gedenken sein. Zu denen, die zusammen mit ihm ums Leben gebracht wurden, gehörten Admiral Wilhelm Canaris, der langjährige Chef der Abwehr, also des militärischen Geheimdienstes der Wehrmacht, und Generalmajor Hans Oster, der von dieser Dienststelle aus den militärischen mit dem zivilen Widerstand verband. Oster war der unmittelbare Vorgesetzte von Hans von Dohnanyi, einem brillanten Juristen und Schwager von Bonhoeffer, der über alle Rechtsbrüche und Gewalttaten des Naziregimes Buch führte, um die Liste eines Tages einem Richter vorzulegen, der über Hitler und seine Komplizen zu Gericht zu sitzen hatte. Hans von Dohnanyi wurde am selben 9. April 1945 im KZ Sachsenhausen umgebracht.

Dohnanyis geheime Aufzeichnungen waren kurz zuvor in Zossen gefunden worden. Als Hitler davon am 5. April 1945 erfuhr, ordnete er zornentbrannt die sofortige standrechtliche Verurteilung und Hinrichtung dieser Gruppe an. Zu ihr gehörte auch Dietrich Bonhoeffer. Hans von Dohnanyi hatte ihm eine Tätigkeit in der militärischen Abwehr ermöglicht; dort nutzte er seine internationalen Kontakte, um den Anliegen des Widerstands im Ausland Gehör zu verschaffen – eine konspirative Tätigkeit, die Mut und Geistesgegenwart verlangte.

Die Verschwörer des 20. Juli 1944 geben Ermutigung zum Engagement

Die Verschwörer des 20. Juli 1944 sind ein großes Beispiel, das, äußerlich betrachtet, gescheitert ist. Tragisch ist dieses Beispiel; denn die meisten Akteure mussten ihren Versuch, Menschenleben zu retten, mit dem eigenen Leben bezahlen. Doch sie stehen in unserer geschichtlichen Erinnerung nicht nur für ein anderes, ein besseres Deutschland. Sie können auch dazu ermutigen, die weit kleineren Risiken anzunehmen, die mit politischem Engagement heute verbunden sind. Man braucht etwas Mut, wenn dem Reden Taten folgen sollen; aber die Glaubwürdigkeit wächst, wenn diese Vereinbarkeit nicht nur von Politikern eingefordert, sondern im eigenen Handeln praktiziert wird. Mut ist auch nötig, um Menschen nicht deshalb abzuschreiben, weil sie befremdliche Überzeugungen haben; mit ihnen Gespräche zu führen, ist besser, als über die Polarisierung der Gesellschaft zu klagen und die Spaltung dadurch nur zu vertiefen, statt sie zu beheben. Auch dem eigenen Egoismus muss man mutig entgegentreten, um nicht nur auf den eigenen Vorteil zu achten, sondern etwas für das Gemeinwohl und für eine gute Zukunft zu tun. Denn dafür muss man einsetzen, woran das Herz hängt: die eigene Fantasie, die eigene Lebenskraft, die eigene Zeit und das eigene Geld. Andere haben für wichtige Ziele sogar ihr Leben geopfert; und auch heute kommt das vor. Welch ein Glück, dass sinnvolles Tun auch unterhalb dieser Grenze möglich ist. Und welch ein Unglück, wenn man sich dem entzieht, obwohl man es kann.

Wolfgang Huber, der Autor dieses Beitrags, war von 2003 bis 2009 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Gerade ist von ihm das Buch „Dietrich Bonhoeffer. Auf dem Weg zur Freiheit – ein Porträt“ (Verlag C. H. Beck)
erschienen.

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